FSK-18 Mein Leben gehört Dir
#1
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Wie im Fieberwahn vermengten sich Bilder ihrer Vergangenheit mit den Eindrücken eines vermeintlichen Hier und Jetzt und einem wilden, von den drei Schwestern heimgesuchten Traum. Halb benommen aus ihrem Bewusstsein gerissen, in einem von Schmerzen dominierten Dämmerzustand, begann sich alles des Nachts zu drehen. Ein tiefes, kehligen Grollen erklang zu ihrer linken und sie fragte sich, wie die Wölfe in das Schlafgemach ihres Herrn eingedrungen waren. Doch war dort nichts bis auf einen dunklen Schatten, der durch das flackernde Kerzenlicht von einer Nische zur anderen getrieben wurde. Dann knurrte es zu ihrer rechten, Krallen fuhren über Holzdielen, bereit zum Angriff, bereit zum Zerreißen. Dann verschwand ihr Geist in die warme Ebene ihrer Heimat, durchdrungen von den Trommelschlägen, welche die Rituale der Erwachung begleiteten. Fackeln wurden rhythmisch auf und ab gehoben, heißes, blendendes Feuer vor dem Hintergrund eines von Milliarden Lichtern übersäten, schwarzen Samttuches. Sie hörte die Schreie, das Fluchen, das Weinen und Klagen ihrer Mutter, roch verbranntes Fleisch, brannte selbst, spürte die Hitze. Und da war er mit den abgründigen Augen, wie er sich zwischen sie drängte. Er war das Feuer. Ihre unterkühlte Haut brannte unter der Berührung seines warmen Leibes. Messerhiebe wichen feinen Nadelstichen, als er die wallende Hitze seines Blutes mit ihr teilte, ehe ihr Körper kraftlos den Kampf aufgeben würde – ehe sie erfror. Sein Gewicht senkte sich auf ihren schlanken, sich windenden Körper. Doch sie spürte keine glatte Haut, sondern den dichten Pelz der rotbraunen Wölfin. Ihre ledernen Tatzen betteten sich auf ihre Schultern und drückten die sich im Fieber windende Juri mit dem Rücken auf das Laken. Ihre kalte Nase drückte sich unter Avanis Kinn, sie hechelte warm und friedlich über die freigelegte, hilflos ausgestreckte Kehle der Schwarzhaarigen. Ein Vertrauensbeweis. Ein Blinzeln und Zwinkern in den goldenen Augen, die braun aufblitzen. Dann packte er sie im Gesicht, seine Hände gruben sich links und rechts in ihre Haare, fixierten ihren Kopf. Seine Nasenspitze streicht über ihre Lippen. Nicht mehr sie ist es, die keucht, sondern sein kehliger, gieriger Laut, der nach ihr verlangt.

Als sie am nächsten Morgen erwachte schlief er neben ihr, mit dem Rücken zu ihr gewandt. Ihre Hände strichen unter die Decke und sie spürte, dass sie unberührt geblieben war. Avani wusste nicht recht, ob sie dies erleichtern sollte oder es nicht besser gewesen wäre, wenn die Ohnmacht sie gnädiger Weise taub gemacht hätte für das, was unweigerlich noch folgen würde.
Nachdem ihr Herr sie gestern strafte, in dem er sie bei eisigen Temperaturen in der Nacht mit mehreren Eimern Brunnenwasser übergoss, war er es nun gewesen, der sie wieder zu den Lebenden zurückholte. Ihr Leben gehörte ihm. Und er nahm es sich immer und immer wieder.
Doch Avani träumte von der Wölfin und sehnte sich danach sich in ihrem Fell zu vergraben.

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#2
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Da stand sie vor ihr, eine Frau, welche dem Himmel entgegenstrebte, fest und aufrecht wie ein stolzer Baum auf einer vom Wind gefegten Ebene. Die Strahlen der Sonnen tanzten auf den Bögen ihres gebundenen Haars und ließen das natürliche Rot wie Feuer leuchten, ein brennender Strahlenkranz um ihr Antlitz.
Die Frauen begegneten einander östliches des kleinen Hofes, in dem Avanis Herr und sie Unterkunft gefunden hatten. Und die rote Sonne ließ die Juri allein durch die Nennung ihres Titels wissen wer sie war, welchen Stand sie besaß, welche Aufgabe und welche Mittel. Sie konnte sich das Lächeln leisten, die süßen, freundlichen Worte - denn sie durfte Gehorsam erwarten. Sie durfte die Hand reichen, um der bedeutungslosen Fremden ein Bündnis anzubieten: Sei freundlich zu mir, so bin ich es zu dir. Ich helfe dir, ich bin für dich da, ich höre dir zu - ich werde dir zeigen können, wie du hier in der Kälte überlebst. Ich werde da sein, wenn du reden willst.

Und wie die Jurin dort stand, die Finger steif und rot vor Kälte, waren ihre jugendlich anmutenden Züge so regungslos wie die vom Winter gelähmten Glieder. Unfähig ihrer erwählten roten Sonne ein Lächeln oder einen Dank zu zeigen, den auch ihr Herr von ihr ersehnte. So sehr. So sehr, wie sie es ihm schuldig war.

Was sollte Avani der roten Sonne erzählen? Dass sie im Mondlicht mit den Wölfen tanzte, dass ihr Herr sie des Nachts im tiefsten Winter in den Dreck zwang, um sie mit kaltem Wasser zu übergießen, damit sie Dankbarkeit lernte?

Doch warum? Wofür? Nachdem ihr Herr und sie im bleichen Schein des zunehmenden Mondes auf dem zugefrorenen Boden gesessen hatten, eingeholt von sonderbar anmutenden Wölfen, Abbildern ihrer angebeteten Mondgöttin, Spendern von Trost und Wärme, hatte Avani es gewagt die dargebotene Hand ihres Herrn auszuschlagen. Vielleicht wusste er auch, dass sie aus Trotz ablehnte. Dass sie ihn nicht wieder zu ihrem Helfer und Retter hinaufheben wollte - obwohl sie wusste, dass er genau das war in seiner Ambivalenz von Sadismus und Gnade, Fürsorge und harter Hand. Sie brauchte ihn, seine Lehre, seine Kleidung, sein Essen, sein Geld, seinen Schutz, seine Nähe. Ihre gemeinsamen Geheimnisse.

Zu sterben war einfacher und schmerzfreier als zu überleben. Von dieser bitteren Erfahrung kostete sie nicht zum ersten Mal und jedes Mal war er es gewesen, der sie auf diesen Weg der Pein führte und mit allen Mitteln versuchte ihr die Flucht in den Tod zu vereiteln. Sie konnte es in seinen Augen sehen, in den abgründigen Tiefen seiner Pupillen, die wie Felspalten in die Gesteinsklüfte seiner Seelen führten. Zu schmal, um hineinzukriechen, zu schwarz, um es zu wagen die Hand hinein zu strecken und zu riskieren von der Schlange den giftigen Kuss zu erhalten: Er wollte, dass sie lebte. Und er würde sie solange züchtigen, bis sie lebte, wie er es von ihr wollte, was er verdient hatte.

Doch Avani sagte nur, sie werde erwartet, müsste ihre Pflichten im Haus des Herrn tun. All jene Gedanken verbargen sich hinter ihren dunklen, mandelförmig angehauchten Augen, hinter ihrem Schweigen, dem Zögern bis zur erbrachten Antwort, dem Zusammenzucken ihrer Schultern oder dem nach hinten ausweichenden Fuß.

Niemand hatte Angst vor denen, die Angst zeigten.


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#3
Er zog den Atem stoßartig durch die Nase ein und ließ jenen Atemzug als ein langgezogenes Seufzen seine Kehle entfahren. Seine rechte Hand strich durch das kurze dunkle Haar, der Blick ruhte fast starrend auf den zur Gänze zugefrorenen Bachlauf. 

„Überlasse Sie mir, ich werde Sie schon zurecht biegen…“, säuselte die Stimme der hochgewachsenen Frau in seiner Erinnerung. 

„10 Gulden soll mit diese Steppenstute wert sein guter Mann, überstellt sie meinem Haushalt und das Gold gehört euch“, klangen die Worte des gut betünchten Händlers aus Löwenstein nach.

„Wenn Ihr nicht auf Sie Acht gebt, wird sie alsbald im Kerker landen. Bringt ihr Benehmen bei und macht ihr den Platz in unserer Gesellschaft unmissverständlich klar“, so die Worte der Rotgewandeten. 

„Das nächste Mal reite ich sie einfach nieder! Eure Magd hätte meinen Hengst und mich fast zu Sturz gebracht, nur weil sie mit verträumtem Blick über die Straße läuft! Und lehrt Sie einen Erhaben von Stand zu grüßen, sonst züchte ich sie mit der Peitsche!“, die Worte eines Löwensteiner Edlen.

Es näherte sich bald der fünfte Jahrestag des Tages, an dem er sich der Kleinen angenommen hatte. In einer der Gassen des Armenviertels in Löwenstein hatte sie gelegen. Vom Feuer versenkt,  mit zahlreichen Knochenbrüchen, vollkommen unterernährt, war die dem Tode näher als dem Leben gewesen. 

Die Versorgung und Behandlung des damals vielleicht zwölf Jahre alten Mädchens hatte nicht nur sämtliche Ersparnisse des jungen Zauberers ausgebraucht, es hatte ihn auch ein Jahr an der Akademie gekostet. Die Versorgung durch die Gelehrten Löwensteins war dermaßen teuer, dass Chronax statt sich seinen Studien zu widmen, literweise Gerbersäure an die die Stoffzunft verkaufen musste, um die anfallenden Koste decken zu können. Das unabwendbare Resultat waren einige durchgefallende Prüfungen an der Akademie gewesen.
Warum er dies für ein karges abgemagertes Straßenkind getan hatte, konnte er bis heute schwer beantworten. Vielleicht waren es die verzweifelten Schreie nach ihrem Vater und der Mutter gewesen, die jedoch niemals kamen. Vielleicht war es jener Bezug zu seiner eigenen Vergangenheit als Waise, der den sonst so selbstsüchtigen Magier weich werden ließ. 

Nach einem guten halben Jahr der intensive Pflege war Avani soweit kuriert, das kaum noch Spuren an ihrem Körper sichtbar waren.  Chronax hatte sie bei sich aufgenommen und erzog sie streng und gradlinig. Sehr häufig musste sie sich anhören, was Chronax für sie getan hatte und sie dankte es ihm, in dem sie ihm gewissenhaft als eine Magd und Zofe diente.

In den letzten Monaten seiner Forschungsreise quer durch das Land hatte sich jedoch das Verhältnis zwischen den beiden verändert. Avani neigte dazu, immer häufiger ihren Tagträumen nachzuhängen und ihre Pflichten zu vernachlässigen. Die Wildheit die ihrem Volk in die Wiege gelegt wurde, brach immer öfter unvermittelt an den Tag und manövrierte sie Schwierigkeiten. Avani war nicht auf den Kopf gefallen, aber die hatte große Mühe sich den hiesigen kulturellen Unterschieden anzupassen. Kulturelle Lehren sowie die ländlichen Gepflogen verweigerte sie genau wie das erlernen von Lesen und Schreiben. Chronax reagierte darauf mit mehr Härte doch auch dies trug nicht die erwünschten Früchte.
Schließlich entschied er, sich zusammen mit Avani in Hohenquell niederzulassen. In der versonnen kleinen Stadt hoffte er auf weniger Konflikte.

Doch die anfängliche Hoffnung währte nur wenige Tage und die Einsicht, dass es so nicht mehr lange gut gehen konnte, wurde zu einer nagenden Gewissheit. 

-tbc-
Nichts ist einfacher, als sich schwierig auszudrücken, und nichts ist schwieriger, als sich einfach auszudrücken.
Chronax
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#4
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Mit einem tiefen Atemzug, der ihr kalt in der Lunge brannte, versetzte sie den linken Fuß, um ihren Stand auf dem kalten Boden zu verbreitern. Kurz beließ sie den Pfeil eingeklemmt zwischen den Fingern, die sich eisig um den Mittelgriff des Komposit-Bogens schlangen, um sich ein Tuch höher um Mund und Nase zu ziehen. Feucht glänzten ihre Wangen von der fetthaltigen Salbe, mit der sie jenen Vormittag versuchte ihre Haut zu schützen. Eine Gabe der roten Sonne, die ihre brennenden Klauen nach der jungen Juri ausgestreckt hatte.

Die Finger der rechten Hand griffen nun wieder nach dem Ende des Pfeiles, um die eingeschlitzte Nocke auf die Sehne zu setzen. Noch ging Avani dies nicht flüssig von der Hand und ihr Blick musste sorgsam die eigenen Handgriffe beobachten. In Juretai hatte ihr Stamm nicht in Jahren gezählt, wie die Menschen hier es taten, bestimmt von immer wiederkehrenden Jahreszeitenwechseln, die sich maximal um wenige Wochen verschoben. Ihre Familie hatte den Lauf der Sterne beobachtet und sich hier vor allem am Vollmond orientiert - oder in Regenzeiten gemessen, die unregelmäßig und manchmal verheerend waren. Aber Avani führte zuletzt den Bogen, da war ihre Prüfung zur Reifung zum erwachsenen Stammesmitglied noch nicht ewig her. Solange, dass sie an zwei großen Jagden teilgenommen hatte, als „die große Herde“ durch ihr Gebiet zog. Seit ihrer Verbannung hatte ihr niemand mehr eine Waffe in die Hand gegeben. Die Hohenqueller aber waren entweder gerissen oder sehr naiv. „Einem Juren sei die Jagd in die Wiege gelegt worden.“ „Will sie nicht unser Wildhüter werden?“.

Avani fixierte den Baumstamm, in dessen Rinde nicht der erste Pfeil steckte, und zog die Sehne nach hinten bis zur Höhe ihres Mundwinkels. Der Blick glitt fokussiert am Schaft entlang, bis sie sicher genug war ihn optisch in die Mitte zu rücken. Dann ließ sie los und der Pfeil surrte scharf durch die kalte Luft, landete aber zwischen den Wurzeln.

Ihr Herr willigte auch noch ein. Er lockerte die Zügel und gab ihr mehr Freiheit. Vermutlich aber nicht ohne Hintergedanken, ohne etwas damit bezwecken zu wollen. Doch jenen Abend, ja, da war er gut zu ihr. Ob es daran lag, dass er so anders roch, sich so anders gegeben hatte als üblich? Ja, eine feine Note nach Schweiß war es mit einem ihr unbekannten Akzent, herb und süßlich. Was es auch war, er sollte es häufiger tun.

Schon griff sie nach dem nächsten Pfeil, um ihre Übung fortzusetzen.

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#5
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Seine Art sie anzusehen hatte sich verändert, vor allem im letzten Jahr. Seine Blicke waren so ambivalent wie das Verhältnis, in dem sie zueinander standen. Auch in jenem Moment, einer ihrer letzten Nächte in Hohenquell, ließ er sein Augenmerk etwas neues ausdrücken: Ruhe und die Suche nach Trost. Er wollte, dass sie auf ihn zukam, dass sie einen Schritt des Vertrauens wagte und doch verweigerte sie sich, alles von sich. Nicht ihren Körper allein, sondern auch ihr Zutrauen, ihre Freundschaft, ihre Nähe, ihren Trost. Und jedes Mal, wenn er sie aufforderte bei ihm Platz zu nehmen, ihn zu berühren, hörte sie die raue Stimme in ihren Ohren, die ihr finster geifernd zuflüsterte: „Lass es zu, nun komm schon. Tu es und ich werde wachsen.“

Doch die Schatten hatten sie betrogen mit ihren heuchelnden, schmeichelnden Zungen. Die Hände ihres Meisters griffen nach ihren schmalen Gelenken und sein Zorn brannte wie Feuer, das sich in ihre Haut grub, als hätte er eine glühende Zange um sie geschlungen und drückte, drückte und drückte, bis er ihrer Schreie überdrüssig war. Der Schmerz fuhr schneidend durch ihre Handgelenke und Knie, die versuchten den folgenden Sturz abzufedern. Heiser und hilflos röchelnd nahm sie wahr, dass er sein Knie aus ihrem Rücken nahm und es schmerzvoll in ihre Wade drückte. Er schrie sie an, beschimpfte sie in eigener Hilflosigkeit ob ihres Undankes, packte ihr grob reißend ins schwarze Haar, dass sie gar hören konnte wie einzelne Wurzeln ihrer Kopfhaut entrissen wurden. Als er sich von hinten an sie drängte, spürte sie die Erregung seines lodernden Zornes. Doch hörte sie nur die Finsternis in sich schallend lachen, ihren eigenen Triumph bejubelnd. Je mehr der Herr ihr weh tat, je mehr Angst er in ihr auslöste, desto stärker wurde diese Schwärze, mir der sie sich an einem rotglühenden Stein eingefangen hatte.
„Zerfleischen wir ihn. Dringen wir in ihn ein, verdrehen seine Gedärme und reißen sie ihm vor seinen Augen in Stücke, während er die Reste seines zerfetzten Magens aushustet. Du kannst mich nutzen, du kannst dich gegen ihn wehren! Lass mich frei! Lass mich frei! Mit mir bist du stärker!“

Durch ihren schwarzen Haarschleier hindurch meinte sie eine Gestalt in den Schatten der Raumecke auszumachen, als der Zug in ihrem Schopf es ihr erlaubte den Kopf zu heben.

Doch sie konnte nicht. Sie wollte nicht, sie war nicht bereit sich mit der Finsternis zu verbrüdern. Sie wollte ihren Herrn nicht töten, sie brauchte ihn, er brauchte sie. Und Avani fand die Worte, keuchend und ängstlich, die den Mann beruhigten, an seiner Schwäche rührten, die Avani schon so viele Jahre an ihm sah und möglichst selten tangierte, um sie nicht zu verbrauchen. Sie hatten seit Jahren nur einander: Herr und Schuldnerin. Eine kleine Versöhnung, die seinen Zorn und seine Enttäuschung besänftigten.
Kaum rollte er sich von ihr schmiegte sie ihren Kopf auf seine Brust und schlossen für eine Weile Frieden, während die Dunkelheit sich an Avani rächte und begann stattdessen in ihrem Leibe zu wüten, bis die Male und Zeugnisse sich wie Hämatome auf ihrem Oberkörper abzeichneten.


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#6
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„Das Volk der Amhraner ist hinterhältig und böswillig. Mit Zuckerbrot und Peitsche spucken sie auf die Würde anderer Menschen. Erniedrigung ist ihr Mittel der Wahl, um deutlich zu machen, wen sie unter sich ordnen!“ Da war sie wieder, ihre innere Stimme.

Vermutlich war es so. Weder kannten die Amhraner Mitgefühl noch Gnade noch den Funken Anstand ihren Gefangenen zumindest so viel ihres Stolzes zu lassen, dass sie unter dem Los ihrer Knechtschaft nicht brachen. Der Stolz und das Ehrgefühl eines Juren waren ein verankertes Erbe. Selbst in den Stammeskriegen wurde einem unterlegenen Juren nicht diese Schmach bereitet. Die Ehre war das letzte, was Avani noch besaß und was man ihr bisher nicht hatte nehmen können.
Im Gegensatz zu ihrem Stolz und ihrer Würde.
Die Ehre verlangte, dass sie blieb, bis er sie frei gab. Und doch nahm er ihr alles, was sie als Jure ausmachte: Ihre Freiheit.

Ihr Herr benutzte sie als Ventil für die in ihm schlummernde, rohe Gewalttätigkeit, die manchmal wie ein Tier in ihm wütete. Im Gegensatz zu seiner wesentlich filigraneren Art seine Machtbestrebungen zu verflechten, wie er es im Umgang mit höheren Persönlichkeiten pflegte. Andererseits spürte sie, dass er ihr vertrauen wollte und auch seine menschlichen schwachen Momente in ihre Obhut geben könnte. War er aber gut zu ihr, wurde er sanfter, dann waren seine Angriffe nicht vergessen und hinter jeder streichelnden Hand wurde eine neue Ohrfeige erwartet.

Und nun saß sie da, am Tisch im Erdgeschoss des neuen Hauses, spürte sie wieder die Ambivalenz von allen Seiten auf sie einströmen. Erst sollte es ihr Zuhause sein, jetzt saß da aber diese andere Frau, die ihren Geruch auf ihrem Herrn gelassen hatte. Sie brachte in einem Moment Geschenke, war gut zu Avani, und kaum loderten ihr die Lenden von Chronax feucht, anzüglichen Kuss, begann sie das jurische Mädchen zu drangsalieren, zu provozieren und zu demütigen. Ihr Herr genoss es, dass seine verführte Errungenschaft ihm so ergeben war, er lachte und sein Blick verriet Avani, wie sehr er sich daran ergötzte, dass seine Dienerin sich quälte. Sie spürte Eifersucht, Enttäuschung, Hass und den kleinen Stich in ihrer Brust.

„Nimm den Teller und schlag ihnen die Zähne aus, dann passen ihre Zungen einfacher hindurch, mit denen sie sich belecken wie Hunde!“ Avani schauderte vor dem Schatten, der ihr jene Worte ins Ohr flüsterte und sie spürte kurz die Verführung der Dunkelheit nachzugeben. Besonders als sie anfingen sich über sie lustig zu machen, ob sie ihren Herrn nicht begehrte, ob sie Männern oder Frauen mehr zugetan wäre. Das einzige was sie begehrte war für einen Augenblick das Anschwellen ihres Hasses, um alles andere zu übertünchen.

Nun verlangten sie von ihr auch noch sich niederzuknien und ihrem Herrn den Ring an seiner Hand zu küssen. Die Stimme in ihrem Kopf kreischte, versprach ihr es nicht tun zu müssen, wenn sie von der Kraft Gebrauch machte. Die Schatten würden sie beschützen, sie würde sie stark machen, sie…
Die Jurin biss sich so hart auf die Unterlippe, als der Schatten aus Wut in ihren Gedärmen wühlte, dass der Kuss auf des Herrn Ring von einem blutigen Schleier überzogen war.
„Mein Leben, mein Blut, meine Würde.“

Das letzte was sie besaß war noch Ehre.


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#7
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Dass Avani den Abend im Palais überstanden hatte mochte daran liegen, dass sie ihre Gedanken und Gefühle an ein anderes Ereignis gekoppelt hatte. Dass man abwertend über sie sprach, wie über ein widerborstiges Vieh, prallte an ihr ab. Selbst als darüber erörtert wurde, mit welchen leiblichen Strafen man sie gefügiger machen könnte. Sie dachte an Tanju. Wie leer ihr Blick für die Umstehenden wirken mochte, tauchte dahinter lebendig und wahrhaftig immer wieder die große Gestalt des Juren auf. Seine ernsten, sanften Augen, verbunden in einer besonderen Verflechtung aus Stärke und Mitgefühl. Er, unerwartet auf dem Waldweg, umweht von seinem langen schwarzen Haar. Der erste Jure seit vielen Jahren und sie hatte Angst empfunden so sehr nach Amhranern zu stinken, dass er sie ablehnen würde. Das tat er aber nicht.

Ihrem Herrn die Füße zu massieren machte ihr nichts aus, Avani empfand es nicht als Form einer Demütigung, denn in ihrem Stamm gehörte es zu einer familiären Tradition, der nichts Erniedrigendes anhaftete. Ihre Finger waren beschäftigt und sie erreichte etwas Besänftigung und Wohlgefallen, während man sein Geplänkel austauschte. Erst als man sie wie einen Haushund streicheln wollte drehte sie ihren Kopf wacher zur Seite. Die rothaarige Priesterin drängte ihren Herrn daraufhin aufgeregt das Mädchen dafür zu bestrafen. Als dieser ihr jedoch nur eine symbolische Ohrfeige gab war es die Frau gewesen, die Avani in den Schopf griff und schallend zuschlug. Wäre nicht die Vogtin in die Räumlichkeiten eingetreten wäre Avanis Hass und Verachtung nicht abgebrochen. Eine unscheinbare Frau, doch erkennbar von Bedeutung, denn ihr Herr offenbarte wieder seine gewinnende, schmeichelnde Art.

Der Jurin wurde aufgetragen Getränke aufzutischen, doch fand sich in den Gemächern der Priesterin nichts als einen Krug Wasser und einen einfachen Becher, den aufzufüllen ihr befohlen wurde. Hätte sie es nicht getan. Hätte sie sich bloß lieber geweigert und sich dafür eine Pracht Prügel eingefangen, bis man es leid gewesen wäre und sie rausschickte. Wie auch immer es hatte passieren könnten: Die Vogtin setzte ihre Lippen an den Becher und stürzte sich damit in ihr Elend und dem Boden entgegen. Wäre nicht der Herr mit seinem Antidot zur Stelle gewesen, so wäre nicht nur für die hohe Dame der Tod unabwendbar gewesen.

Avani hatte die ganze Zeit darauf gewartet, dass man sie festnehmen und verurteilen würde: Das nach „Pferd“ stinkende Ding aus der Juretai, die dreckige Leibeigene, die einen Giftanschlag verübte. Es passierte nicht am selben Tag und auch nicht an den Tagen darauf. Und selbst als die Vogtin Avanis Weg kreuzte, war es, als wäre sie unsichtbar und nicht von Belang oder Gefahr. Dennoch hatte die Jurin es vorgezogen nicht in der Nähe zu sein, wenn die hohe Dame abermals aus einem Becher trank.

Ein Geheimnis mehr.
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