Zwei Leben
#51
Sie erwachte schweißgebadet. Obwohl es eine kühle Nacht war und der Herbst mit großen Schritten eindeutig dem Winter zustrebte, war ihr Schlafgewand nass und Decke und Kissen heiß. Unwillkürlich tastete sie im Bett neben sich. Doch statt den zähen, wohlbekannten Körper ihres Mannes erfühlte sie nur die kühle Seite des Lakens - entweder war Kyron nie ins Bett gekommen oder war schon lange aufgestanden.

Cahira seufzte. Wie gerne hätte sie sich nun an ihn geschmiegt und wäre dank seiner stillen Präsenz sicher rasch wieder eingeschlafen. So aber musste sie sich an die klamme Decke halten und zog sich diese bis unter die Nase. Brynja und Lionel schliefen unberührt von des Mutters nächtlichen Alp; sie konnte den Atem ihrer Kinder hören, wie er gleichmässig und leise den Raum füllte.

Es war ein merkwürdiger Abend gewesen. Sie konnte sich an ein Treffen der Klinge erinnern und daran, dass Kyron einige Probleme angesprochen hatte. Und natürlich an den Weinbrand, den ihr Ehemann sich so großzügig in den Becher gefüllt hatte. Cahira hätte das Alkoholfass am liebsten auf dem Boden zerschellen lassen - doch stattdessen fand sie sich auf der Treppe des eigenen Hauses wider, zerpflückte traurigen Grasreste und wartete, ohne so recht zu wissen, auf was, wen und warum. Auch der Tee, den Kyron ihr dankenswerterweise aufgebrüht hatte, nachdem sie ihre übliche Runde zur Nacht um Koppeln und Felder absolviert hatte, vertrieb nicht das eigenartige Gefühl, einige Augenblicke, wenn nicht Stundenläufe verloren zu haben.

Die Stimme jedoch, die sie schließlich im Traum gequält hatte, kannte sie ganz genau. "Du hast sie gehabt, die Münze, und Dir wieder abnehmen lassen!" Der Tadel in galatischem Zungenschlag klang ganz und gar nicht verärgert, eher milde enttäuscht. "Du wirst sie Dir schon wiederholen, ich vertraue auf Dich. Und bis dahin ..." Wärme hatte sie eingelullt. Dann erschien ein Bild, welches sie unverständlicherweise heiß und schreckhaft erwachen ließ: Ein Pärchen mit einem kleinen Jungen auf dem Arm.
[Bild: Cahira-Sig.jpg]
Herzlichen Dank an Morrigan!
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#52
Cahira stand am Pier in Rabenstein, eine Hand verbissen um das grobe Hadern gekrampft, welches Torte und Gebäck vor den Unbillen des Wetters schützen sollte. Sie beobachtete mit wachsendem Unbehagen das Treiben an der Anlegestelle. Sie hatte galatisches Blut in den Adern, das Blut von wagemutigen Seefahrern und vermeintlichen Piraten, doch sobald sie auch nur einen Fuß auf ein Boot setzte, stülpte sich ihr Inneres nach Außen. Sich die trockenen Lippen leckend, überschlug sie die Zeit, welche sie benötigen würde, um zum Hof zurückzukehren, Kalvas aufzusatteln und den Weg nach Hohenquell auf dem Rücken ihres treuen Tieres hinter sich zu bringen. Aufseufzend kam sie zum Schluß, dass es dafür zu spät war und sie es niemals rechtzeitig zum Termin mit der Verwaltung von Hohenquell schaffen würde, auch wenn sie ihr Pferd zu Hochleistungen antreiben würde.

In Vorbereitung eines sicheren Malheurs wenn sich ihr Mageninhalt aufs Deck ergoss, hatte sie einerseits den Tag über nicht viel zu sich genommen, andererseits eine Reisekleidung gewählt, die offiziell genug wirkte für diese Stippvisitie ins Partnerland des Drachenthals, aber dennoch recht pflegeleicht war. Über der eingetragenen Lederkluft hatte sie einen dicken Überwurf mit dem Ravinsthaler Emblem gezogen und auf den neuen Mantel, den ihr Mann aus Löwenstein mitgebracht hatte, bewusst verzichtet. Doch das grelle Rot ihrer Aufmachung zog das Interesse der am Hafen herumlungernden Tagediebe an und Cahira kam sich dank der feixenden Blicke und Gesten der wilden Männer und Frauen einmal mehr wie ein fein geschnürtes, nicht abgeholtes Paket vor. Wenn doch nur Kyron endlich auftauchen würde ...

Denn nicht nur die bevorstehende Überfahrt verursachte ihr Besorgnis: Auch das bisherige Fernbleiben ihrer Begleitung ließ ihre Gedanken kreiseln. Kyron war recht verlässlich, was Verabredungen angig; es musste wohl etwas dazwischen gekommen sein. Die gedankliche Beschäftigung damit, was dieses “Etwas” wohl sein mochte, brachte keineswegs Ruhe in Leib und Kopf der braungelockten jungen Frau. Eher zupften ihre strapazierten Sinne an einer mit der Zeit verrosteten Seite, dessen Misston der Warnung sie schon eine geraume Weile nicht gehört oder bewusst unterdrückt hatte - das letzte Mal wohl, als Dureth noch seine Kreise zog. Früher, in Guldenach, gehörte dieses Lied zu ihrem Alltag dazu wie der Fluchtinstinkt einer Beute vor dem Jäger.

Während sie sich umblickte, sehnsüchtig gen Ortschaft spähte, ob die bekannte, rauchumwölkte Gestalt des Leutnants denn endlich durch die Tore Richtung Pier schreiten würde, wünschte sie sich jeh den Morgen zurück, als sie nach einer gemeinsam verbrachten Nacht mit dem ersten Hahnenschrei aufgewacht waren. Der Traum vom jungen Paar mit dem Knaben im Arm war jene Nacht ausgeblieben und sie war weder herzklopfend und schweißgetränkt aufgewacht, noch klang jene Stimme in ihrem Ohr nach, welche ihr aus dem Hintergrund stets zu säuselte, wenn sie sich dem Trio im Traum nähren wollte: “Kannst Du wirklich so grausam sein?” Cahira hätte den ganzen Tag im Bett verbringen können, an den Rücken ihres Mannes geschmiegt, in wohlig warme Laken gehüllt, die Welt und sonstige Pflichten schlicht vernachlässigend.

Der Herzog hatte ihr das Amt der kommissarischen Statthalterin übergeben - oder eher aufgebürdet - und ihr damit die Aufgabe übertragen, Rabenstein wieder zu neuem Glanz zu verhelfen. Sie hatte zwar den Lehnsritter und den Freiherrn von Thalweide an einen Tisch bekommen, um gemeinsam zu beratschlagen, wie es mit der Ortschaft und deren Bewohnern wieder aufwärts gehen könnte, aber es war eine mühsame, langwierige Angelegenheit. Cahira hatte zudem immer das Gefühl, zu wenig zu tun, zu wenig zu diesem erhofften Aufschwung beizusteuern und trug dieses Schuldgefühl ständig mit sich herum, ganz gleich, wie lang und entsagungsvoll der vergangene Tag mit Arbeit in der Verwaltung oder dem Hof auch gefüllt gewesen sein mochte.

Aber das Land war nach dem Krieg wie ausgestorben - ob es nun die Opfer des Krieges waren oder sich die Menschen mehr zurückgezogen hatten, um sich nach den entbehrungsreichen Kämpfen um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern, die zu lange brach gelegen hatte, konnte Cahira nicht sagen, aber allerorts bemerkte man den Schwund und manche Fälle, wie zum Beispiel dem Verschwinden von Magda, ihrer Freundin und Vertrauten seitdem sie einen Fuß ins Eisenthal gesetzt hatte, oder Vatin Gwendolyn, Hebamme ihrer Tochter Brynja, waren besonders bitter und machten die gesamte Problematik nicht gerade einfacher.

Dann war da die Sache mit Freya. Sie wusste, dass sie das irgendwie in Ordnung bringen musste. Es war immerhin ihre Schuld, ihr Drängen nach einer klaren Linie, ihr Wunsch, die Klinge als sichtbare Einheit mit dem alten Abzeichen am Revers zu sehen, welcher den Schlamassel ausgelöst hatte. Sie hatte gewusst, welche Bedenken der Leutnant gehabt hatte und trotzdem hatte sie die umtriebige junge Frau bereits als fünftes Mitglied der Vereinigung gesehen … aber dass Freya dann nach einem relativ kurzen Wortwechsel den Ravinsthaler Wappenrock auf die Erde geworfen und aus dem Haus gestürmt war, hatte sie nicht vorausahnen können. Früher, in Guldenach, hätte Kyron die widerspenstige Gardistin wohl eigenhändig auf den Hof geschleift für diese Missetat …

Nachdem ihre Gedanken nun schon zum zweiten Mal bei alten Zeiten in der geliebten Hauptstadt Silendirs hängen geblieben waren, raffte sie sich zusammen und spähte das letzte Mal gen Rabenstein. Wenn sie noch länger hier verharren würde, würden die Strauchdiebe wohl genügend Mut gefasst haben, um frech zu werden und die Tortencreme hätte vollends ihre Form verloren, ganz zu schweigen davon, dass sie zu spät zu ihrem Termin kommen würde, weil sie eventuell die verhasste Fähre verpasst hatte. In der Zwischenzeit hatte eine andere Fähre Richtung Löwenstein abgelegt und ihr Knecht, den sie gerade eingestellt hatte, damit jener ihr auf dem Eichenhof zur Hand gehen konnte, war frohgemut aufgesprungen. Eine neue Taverne hatte ihre Pforten geöffnet und Cahira speiste die allmählich in ihrem Inneren anschwellende Angstmelodie mit den Ausflüchten, dass ihr Ehemann sicher zu den Gästen gehören und die Zeit über die Geselligkeit verloren hatte.

Mit weichen Knien, durchgefroren ob der Warterei, bestieg sie letztendlich das kleine Boot gen Hohenquell und versuchte nicht auf das durchweg amüsierte Funkeln in den Augen des Skipper zu achten, der ihr bereits den Spucknapf reichte. Dankenswerterweise hatte er dessen undeutbaren Inhalt mit einem raschen Schlenker des Handgelenks über die Reeling gekippt. Bei dem blubbernden Geräusch der Enten und Fische, die hier einen feisten Happen erwarteten und sofort angeschossen kamen, stieg der jungen Frau bereits die Galle hoch, obwohl sie noch nicht einmal abgelegt hatten. Cahira ergab sich also ihrem Schicksal, hielt den Napf in Armweite und jedes weitere Aufstossen verdängte mehr und mehr den Gedanken, dass ihr Ehemann eigentlich nicht zu der geselligen Sorte Mensch gehörte ...
[Bild: Cahira-Sig.jpg]
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#53

Erde, wie du lebest und grünst!
Hast das Grab der Liebe umsponnen
Lustig mit Blumen bunt, mit grünen Gräsern,
Webest Moos um die Steine.

Aber, Tränen, fließet darauf;
Denn den Schläfer drinnen erquicket
Nimmer der Blumen Duft, er hört nicht das Lüftchen,
Das sein Lager umsäuselt.

Weine nicht! es wandelt der Mond
Mit den stillen Sternen vorüber,
Glänzt auf das goldne Moos, die tauenden Gräser,
Die den Hügel begrünen.

Weine laut! die Nachtigall schlägt,
Und die Mücken wimmern so traurig
Totengesang darein, es hüllet die Wolke,
Schon den Mond und die Sterne.

~ Ernst Moritz Arndt, 1801


“Es ist gut, dass Eoghan tot ist.”

Die Stimme des Jungen war leise, dennoch deutlich, zu klar, als dass es nur eine Einbildung hätte sein können. Lionel stand steif am Ende der Grabstätte seines Bruders und hob zögernd den Kopf. Seine blaugrauen Augen, die denen des Vaters so sehr ähnelten, suchten unsicher nach dem Blick der Mutter. Cahira hatte einen ersten Impuls mühsam unterdrückt und ihre schwieligen Hände an ihren Oberschenkeln zu Fäusten geballt, um ihrem Sohn vor Schreck ob dieses Ausspruches nicht grob an die Schultern zu packen und war dann äußerlich wie erstarrt, während in ihrem Inneren die Gedanken nur so umher schwirrten wie Wespen, deren Nest man gerade mit einem Stockhieb traktiert hatte.

Es war ihr zunächst merkwürdig vorgekommen, dass Lionel darum gebeten hatte, sie zu ihrem wöchentlichen Gang zum Grab seines Bruder begleiten zu dürfen. In der Regel ging sie alleine in den heiligen Hain, um dort ihren Gedanken und ihrer Trauer, nur unter den Augen der Götter, ihren Lauf zu lassen. Dennoch sah sie keinen Grund, Lionel die Begleitung zu versagen. Er und auch seine kleine Schwester hatten sehr wohl mitbekommen, was passiert war. Während sich Brynja wohl später nur dunkel an ihren toten Bruder und die Monate der anschließenden Gram erinnern würde können, waren sie für Lionel hingegen ein deutlicher Einschnitt in seinem Leben gewesen obwohl er nicht zum ersten Mal erfahren hatte, was Verlust bedeutete. Es hatte bereits genügend liebgewonnene Gesichter im Laufe seiner wenigen Jahre gegegeben, die er wohl nicht mehr so schnell oder niemals wiedersehen würde; angefangen von seinem geliebten Großvater Séan auf Svesur und der ganzen Sippe, Aidan, Querida oder Cyril …

Cahira ist auch nicht entgangen, dass der Junge sich verändert hatte. Er war ernster, stiller geworden und blieb lieber mit sich, als beispielsweise mit seinen einstigen Kameraden auf den Straßen zu spielen, wenn Cahira ihn nach Rabenstein mitnahm. Sie hatte ihn nach dem Grund gefragt und er hatte ausweichend geantwortet: “Ich kann die nicht mehr leiden.” In ein paar Tagen hätten sich die Freunde sicher wieder zusammen gerauft und dies war nur eine Marotte unter Jugendlichen. Aber Cahira sollte sich geirrt haben. Lionel verzog sich mit einem Buch in eine Ecke der Schreibstube oder spielte mit seinem Wolfshund Madadh, bis er gar nicht mehr in die Ortschaft mitkommen wollte und auf dem Hof blieb.

Im vergangenen Nebelung war ihr erstgeborener Sohn acht Jahre alt geworden und Cahira fragte sich, ob diese Veränderungen damit einherging, dass er nun langsam zum jungen Mann heran wuchs. Auf Svesur zumindest hätten Buben in seinem Alter schon längst mit ihrer Ausbildung begonnen und wären in die Fußstapfen ihrer Eltern getreten. Im Grunde genommen befand sich auch Lionel in einer Art Ausbildung bei seinem Vater und dass jene nur unter dem vollkommen Mantel der Verschwiegenheit passieren durfte, schien nicht nur Cahira zu quälen. Lionel war nach den Lektionen nicht selten aufgebracht, was er und auch sein Lehrmeister vor ihr zu verbergen versuchten, aber einer Mutter konnte man nichts vormachen. Vielleicht war die ganze Last seiner Gabe und der damit verbundenen Geheimnistuerei einfach zu schwer für seine noch immer schmalen Schultern, aber Kyron hätte kein Verständnis dafür, seine Lehre zu unter - oder gar abzubrechen und Cahira gab ihrem Ehemann in dieser Unterhaltung, die sie nie geführt hatten, Recht. Der Junge musste seine Kräfte zu beherrschen wissen sonst könnte womöglich ein größeres Unglück geschehen als die leidige Schwermut, ein Geheimnis mit sich herumtragen zu müssen.

“Du bist mir doch nicht böse, oder?”
Der Junge biss sich wie reumütig auf die Unterlippe und starrte seiner Mutter entgegen. Ohne nachzudenken, schüttelte Cahira ihren braunen Lockenkopf, doch es war eher eine verwirrte, verzweifelte Geste statt die stumme Antwort auf die bange Frage ihres Sohnes.
“Warum .... warum sagst du so etwas, Lionel? Ich ... verstehe es nicht und ich kann kaum glauben, dass du das ernst meinst.”
Die Worte klangen in ihren Ohren so fern wie von jemand anderen gesprochen und ob sie wollte oder nicht, sie spürte, wie ihre Augen zu brennen begannen. Ihr zweiter Sohn war tot und lag unter der Erde und ihr Erstgeborener wühlte mit seinen Worten die längst nicht verheilten Wunden auf, die dieser Verlust bei der Mutter verursacht hatte. Die große, lähmende Trauer war zwar vorüber und Cahira hatte wieder zu einem geregeltem Tagwerk und dank ihrer Familie auch ihrem Lachen gefunden - was vielleicht auch daran lag, dass sie selten über Eoghan und die Nacht seiner Totgeburt sprach, vor allem nie mit Kyron - doch ihr Wesen war seitdem von einem Schleier dauerhafter Melancholie geprägt; ihr Herz unheilbar vernarbt.

Im kommenden Wandelmond jährte sich der Schreckenstag und umso näher dieser rückte, je unwohler wurde Cahira zumute. Es war natürlich vollkommen unsinnig, aber es fühlte sich so an, als ob sich am Horizont die Wolken türmten und ein Unwetter ankündigten - ein eigenartig fröstelndes Gefühl in den Knochen, ein dumpfes Grollen in der Magengegend. Und war das Auftauchen von Tarol nicht ein schlechte Omen, welches diese Vorhersage bestätigte? Tarol, den sie tot und in Guldenach zurück gelassen geglaubt hatte. Tarol, der sich auf seine eigene verzerrte Art und Weise als Ersatzvater Mendozas sah. Tarol, der sich mit brachialer Gewalt nahm, was ihm beliebte.

Lionel wand sich, sein blasses Gesicht nun ebenso verzerrt.  
“Dann wäre er so wie ich und Athair geworden und das hätte ich nicht gewollt!”, brach es schlussendlich aus dem Jungen heraus, die unterdrückte Qual der vergangenen Zeit brach sich stürmend Bahn. Die helle Knabenstimme prallte an der Felswand des Tales ab und wurde dann von den uralten Bäumen der heiligen Stätte verschlungen.
“Ich will keine Ziegen mehr töten, ich will nicht mehr so sein wie ich bin. Ich wünschte, ich wäre so tot wie Eoghan!” Und er brach vollends zusammen, während er in Tränen zerfloss.
Jetzt unterdrückte Cahira ihren Impuls nicht und war nach einem Schritt auf ihren Knien, um den Jungen an sich zu drücken, ihr Umhang rutschte bei diesen jähen Bewegungen zu Boden. Lionel schlang seine Arme um sie wie ein Ertrinkender sein rettendes Stück Holz, die Hände auf ihrem Rücken …

Der Schmerz kam eher überraschend als heftig. Sie biss sich auf die Zunge und presste die Augen zusammen, um vor Schreck nicht aufzuschreien und drückte den zitternden Leib des Jungen fester an sich. Doch es hätte wohl die Welt um sie herum untergehen können, Lionel hätte nichts bemerkt, so wie er auch nicht merkte, dass das Feuer seiner Hände Wams, Hemd, Leibwäsche und schließlich das blanke Fleisch seiner Mutter in ungehemmter Rage verbrannte. Auch um sich selber von dieser zwar verkraftbaren, dennoch flackernden Pein abzulenken, redete sie auf ihn ein, versuchte ihn zu beruhigen: Alles würde gut werden, Vater und Mutter würden sich um ihn kümmern und er bräuchte keine Angst zu haben, ganz gleich, wer oder was er war, sie würden eine Lösung finden, nur solle er nur nie wieder diese Worte gebrauchen, er war ihr Junge, sie würde ihn beschützen …

Es scheinen endlose Stunden vergangen, seitdem sie das heilige Tal passiert hatten, endlose Stunden in denen Cahira Lionel immer wieder dieselben Worte zumurmelte, die ihn irgendwann einlullten und ruhiger werden ließen, sein Körper schwer in ihren Armen, der Schmerz auf ihrem Rücken ein helles Pochen. Innerlich tobte ein Sturm in ihrem Herzen, denn sie wusste im Grunde genommen nicht wirklich, was nun zu tun war. Mit Kyron sprechen, der in seinen eigenen Treueschwüren gegenüber der Vergangenheit wie eine Fliege im Netz der Spinne gefangen war und seine eigenen Probleme auszufechten hatte? Darauf hoffen, dass dies nur ein Gefühlserregung jugendlichen Gemütes war, so schnell vergessen wie jede Beule oder Kratzer beim Bolzen? Auf die weiteren Lektionen der Lehre vertrauen, mit deren Fortschreiten Lionel seine ungezähmten Gefühle sicher unter Kontrolle bringen würde?

Als auch die letzte Träne verronnen war und Lionel einen gefestigteren Eindruck machte, schlugen sie schließlich langsam den Heimweg ein. Es war mittlerweile kalt und ungemütlich geworden. Die Äste der uralten Bäume schienen in den länger werdenden Schatten nach ihnen zu greifen. Cahira verbarg die zerfetzte Kleidung und Haut fröstelnd unter dem Umhang, welchen sie vom Boden aufgelesen hatte. Nachdem Lionel sich das Gesicht gewaschen und fürs Abendbrot zurecht gemacht hatte, schien der Ausbruch überstanden. Doch was war, wenn es wieder passieren würde, dann in Gegenwart von Brynja oder anderen Personen, die sich recht schnell zusammenreimen würden, was er war - von den Wunden, die er hinterlassen würde, ganz abgesehen. Zwar hatte sie als Soldat der Klinge schon bedrohlichere Wunden von Einsätzen davon getragen und im Nachhinein stellten sich die Verbrennungen als nicht ganz so schlimm heraus wie anfangs gedacht; das Verstörende daran war eher, wie es passiert war und wer ihr diese Wunden unter welchen Umständen zugefügt hatte. Die Mutter fühlte sich hilflos überfordert, lädiert an Körper und Geist. Sie lag die Nacht noch lange wach - wirre Gedanken, Befürchtungen und Zukunftsängste sowie das Ungemach der Verbrennungen hielten den Schlaf fern.
[Bild: Cahira-Sig.jpg]
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#54
Hüt' dich vor Wünschen, Menschenkind!
Die guten flattern fort im Wind
Und keiner ist, der taubenfromm
Zurück mit grünem Ölblatt komm!

Die schlimmen hascht der Teufel ein
Und stutzt nach seinem Sinn sie fein,
Erfüllt sie dir zu Leid und Last,
Wenn du sie längst bereuet hast.

~ Bernhard Endrulat, 1828 - 1886

Cahira wusste, dass Kyron die nächsten Tage, wohlmöglich Wochen, nicht nach Hause kommen würde. Dennoch lag sie nachts wach und lauschte den bekannten Geräuschen, wenn ihr Ehemann zu nächtlicher Stunde die Tür aufsperrte.

Die Familie hatte dann schon zu Abend gegessen und ein Teller mit Braten und Brot, in den winterlichen Monaten gar deftiges Wildgulasch, wartete warmgehalten im Ofen auf den späten Heimkehrer. Manchmal stolperten die schweren Füße über eine Hinterlassenschaft der Kinder - Brynjas Kreisel oder Seil, Lionels Malkasten - und mildes Fluchen war die Antwort über diese Unordnung.

Meist lehnte sich der Vater über die Betten der Kinder, um dem Sohn eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu streifen oder der Tochter die im Schlaf verrutschte Decke über die Schulter zu ziehen, ehe er sich der Rüstung entledigte und zu seiner Frau ins Bett kam.

Das Weinfest, welches zugleich den Rahmen für die Einweihung des Umbaus des Hofes und Feier bezüglich Kordians Ernennung zum Ritter des Herzogtums Drachenthal darstellte, war ein erbaulicher Abend gewesen, an dem selbst lang vermisste Gesichter aus Löwenstein oder Zweitürmen ihren Weg nach Ravinsthal gefunden hatten.

Kindermädchen Nora hatte Cahira die vergangenen Tage tatkräftig beim Braten, Backen und Hausputz unter die Arme gegriffe. Die Festtafel war auch dank Seylas Schaffensfreude und Gastgeschenke mehr als reichlich gedeckt gewesen. Nora war am Abend neben der endlich schlummernden Kleinen selber erschöpft eingeschlafen; Brynja hatte trotz Ermahnung zu viel Teig genascht und dann leichte Bauchschmerzen beklagt, womit sie die rundliche junge Hausangestellte zusätzlich gefordert hatte.

Lionel hatte sich das Fest über nicht blicken lassen. Er hatte sich schon im Vorfeld, sehr zum Missfallen der Mutter, ein paar Würste geschnappt und sich dann mit einem Buch und seinem Wolfshund ins Haus zurückgezogen. Dies und Kyrons Mission, welche ihn von Familie und Festivitäten fernhielt, waren Cahira ein Dorn im Auge.

Ihr Ehemann konnte im Allgemeinen recht gut auf sich selber aufpassen und er musste tun, was er eben tun musste zum Wohle der Gemeinheit, aber sie hätte sich gewünscht, dass sie ihm mehr zur Seite stehen könnte. Sie hatte das Gefühl, das mit Kyrons neu erworbenen Fähigkeiten eine Art verschrobene Verantwortung auf seinen Schultern lastete und dass ihr Ehemann damit ziemlich alleine auf weiter, vor allem gefährlicher Flur stand.

Über ihren Sohn konnte Cahira sich eigentlich nicht beklagen. Er war folgsam, artig, ein schlaues Kerlchen. Nach seinem Ausbruch am Grab des Bruders hatte sie ein besonderes Auge auf ihn geworfen, ihn mehr in die Aufgaben am Hof eingebunden. Dennoch schien er immer mehr zu einem Einzelgänger zu werden, der sich absonderte. Selbst wenn sie ihn dazu überreden konnte, sich einmal mit seinen Freunden aus Rabenstein zu verabreden, schien er irgendwie immer Fehl am Platze, auch wenn er sich durchaus lebhaft an den Spielen und Gesprächen beteiligte.

Cahira litt mehr als sie sich vielleicht selber zugestehen wollte an der Vorstellung, Kyron und Lionel im Stich zu lassen, weil sie einen ganzen bestimmten Punkt im Wesen von Vater und Sohn nicht verstand. Und vermutlich war ein kleiner Teil von ihr, der welcher noch immer nicht über den Verlust des dritten Kindes hinweg kommen konnte und sich nach Ersatznähe sehnte, auch über diese besondere Verbindung eifersüchtig.

Vor zwei Jahren beim Weinfest war ihr Aidan erschienen, ihr verlogener Verlobter von Svesur, der sich als Hexer mit ganz eigenen Plänen für Lionel entpuppt hatte, und beinahe wünschte sie sich, dass er sich nun wieder blicken ließe - ob sein Bildnis nur Ausgeburt ihrer Fantasie oder tatsächliche Hexerei gewesen war, mit ihm hätte sie über ihre Sorgen reden können. Hätte über diesen verdammten Stein reden können, der ihr im Sumpf ganz zufällig in die Hände geraten war und der sie damit lockte, die Lösung aller ihrer Sorge, ihrer Probleme zu sein ...
[Bild: Cahira-Sig.jpg]
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#55
Götter, es juckte. Die Narben an seinen Armen brannten wie Feuer, Kratzen machte es aber nur schlimmer. Es hatte angefangen, als Kyron die Insel verlassen hatte, verschlimmerte sich mit jeder Stunde und schien schlicht nicht enden zu wollen. Das Ablegen der Rüstung hatte etwas Linderung gebracht, als würde die Korruption in seinem Leib mit dem Götterstahl Krieg führen, aber auch das hatte das Elend nicht völlig bereinigt. Das stetige Kribbeln und Brennen machte Kyron schlicht wahnsinnig.
Nicht wortwörtlich natürlich. Noch nicht. Schlimmer war es eher, die Verknotungen aus schwarz und violett an seinem Sohn zu sehen. Kyron wollte sich nicht ausmalen, welche Mengen an Korruption er auf der Insel angesammelt hatte, dass er seine Sicht nicht mehr unter Kontrolle hatte. Zuckende Schatten, das Jucken, die Reue, die Furcht... eine tödliche Mischung.
Besonders für Nora, die genau in diesem Moment mit der kleinen Brynja am Arm zur Türe herein spazierte, lachend und scherzend und

überwuchert mit schwarz und violett als hielte sie eine Krankheit gepackt

Kyron blinzelte, rieb sich die Augen ungeduldig mit dem Handballen, und betrachtete das Kindermädchen erneut, während seine Nägel harsch über ein schorfiges Stück Haut am Unterarm scharrten. Nein. Kein Zweifel. Aber auch keine Hexe. Das hätte er bemerkt. Dennoch, der Abyss hatte sie berührt. Hielt sie umklammert. Kyron kratzte fester, biss die Zähne zusammen und gab sich gar nicht erst Mühe, ein Lächeln auf sein Gesicht zu zwingen, als Nora ihn fragend ansah. Ein Teil von ihm zog unangemessenen Genuss daraus, wie ihr Gesicht Farbe verlor und sie die Kinder rasch in den Garten scheuchte.
Sobald die Brut das Haus verlassen hatte, wrang Nora besorgt die Hände und machte einen zögerlichen Schritt näher. "Ist alles in Ordnung, Ser?"
Da. In ihren Augen. Ein grüner Funke.
"Ihr blutet, Ser."
Aus dem Funken kam das schwarz, das Violett von weiter Ferne. Und sie trafen sich über Nora's Herz, erdrosselten es mit liebestoller Gewalt.
"Ich bringe euch Verbandszeug, das sieht nicht gut aus."
Ein Fluch. Gewebt aus Anziehung, gewickelt in Liebeserklärungen, verschnürt mit Korruption so fein, dass es kein Wunder war, dass Kyron es bisher nicht bemerkt hatte. Aber wer war dazu in der Lage? Dureth, sicherlich, aber Dureth war fort. Kekisha, aber auch sie war fort. Axt... den konnte Kyron nicht einschätzen. Genauso wenig wie Narai.
"Hier, lasst mich das abwischen, ich habe auch Salbe."
Ein verfluchtes Kindermädchen in seinem Haus. Ein Kindermädchen, das manchmal heimlich davon schlich um die Götter wussten wen zu treffen. Ein Spion. Eine Gefahr. Eine Bedrohung.

"Ser?"

Ihr Hals war oh so weich unter seinen Fingern, ihr Schrei - obschon schnell abgewürgt - ein Zittern gegen seine Hand. Ihre Hände harte, klauenbewehrte Pranken in seinem Gesicht. Ihre Augäpfel hart und schwer zu packen, obschon sie zu diesem Zeitpunkt bereits ausgeblutet war, tot und reglos und immer noch täuschend warm. Kyron hielt sie für einen Moment in der Faust, wog die glitschigen Kugeln als könnte ihm der schiere Besitz bereits Auskunft über die Vergangenheit geben, und steckte sie dann in seine Gürteltasche.

Kyron wandte sich vom toten Kindermädchen ab, wischte die Hände am nächstbesten Stück Stoff sauber und wanderte hinaus. Die Kinder im Hof hatten jegliche Charade aufgegeben, standen neben dem Stall und warfen ihm ängstliche Blicke zu. Lionel weinte, Brynja ebenfalls, wenn sie auch nicht verstand, weshalb. Lionel hingegen... er hatte die Gabe. Er hatte mindestens ein Echo des Geschehens abbekommen. Nicht zu vermeiden, auch wenn ein kleiner Teil im hintersten Winkel von Kyrons Verstand hell aufschrie. Nicht, dass jemand dem Schreien zuhörte. Es verhallte unbeachtet in den Untiefen seines Geistes.
Prioritäten waren wichtig. Und gerade war es wichtiger, herauszufinden, wer seine Familie mit einem Infiltranten besetzt hatte. Was Nora getan hatte. Wozu sie gezwungen worden war. Wer ihre Zügel zog. Ob sie wohl den Kindern Dinge eingeflüstert hatte. Ihr Gift verspritzt. Die Möglichkeiten waren endlos, nur beschränkt von der Kreativität des Täters. Und wenn der Täter nur halb so kreativ war wie Kyron selbst, dann lagen schlimme Dinge in der Luft. 
Nora's Augen lagen wie Steine in seiner Gürteltasche. 
"Ihr geht zu Flint bis Mutter wieder hier ist," teilte Kyron den Kindern mit, hob Brynja auf und winkte Lionel mit sich. Der Junge folgte, eher aus schwer belastetem Vertrauen als aus eigenem Willen. Die Welt zuckte in Abrissen und Ausschnitten vorbei, Flints verwirrte Miene wie ein Abziehbild bevor er schon wieder vergessen war und sich nichts als Ozean und Küstenlinie um Kyron ausstreckten. Keine Rüstung. Schwert ja, aber keinen Schild. Und ein Beutel mit Augen. Er konnte nur hoffen, dass sein Versteck - dass das Versteck - ausreichend Ausrüstung eingelagert hatte. Konnte nur hoffen, dass seine fehlende Erfahrung nicht alles ruinierte, bevor er den Augen entlocken konnte, wen sie gesehen hatten.
Welcher Hexer hinter allem steckte.

Erst als er wieder festes Ufer erreichte, vom Pier stolperte, wurde ihm klar was er getan hatte.
Dass eine Leiche mitten in der Stube seines Heims lag.
Dass Lionel berichten würde.
[Bild: spxyfrht.png]

Pain clears the mind of thoughts
Let pain clear your mind of all thought
so that the truth may be known
(Life - Charlie Crews)
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#56
Es wurde dieser Tage früh dunkel. Als Cahira von Bord des Schiffes stolperte, waren in Rabenstein die Straßenlaternen bereits entzündet und lockten Motten und später nicht ganz so standfeste Säufer an, die aus der Taverne taumeln würden. Sie schluckte die Übelkeit runter, raffte ihr Marschgepäck zusammen - die Zeit an Bord verbrachte man ungerüstet - und machte sich auf den Weg durch die Ortschaft. Hier und da warfen ihr Passanten oder Wachen einen Gruß entgegen, den sie pflichtschuldig erwiderte. Natürlich waren die Leute neugierig und hätten sie am liebsten mit Fragen in Beschlag genommen. Doch sie würgte jede aufkommende Konversation schon im Keim ab. Sie wollte nur schnell nach Hause und die verfluchte Insel für einige Stunden vergessen. Hätte sie vielleicht doch hingehört, wäre ihr zumindest ein Schrecken jenes Abends erspart geblieben.

Der Hof schmiegte sich dunkel wie ein Tier an das Gesteinsmassiv, welches das Tal mit der alten Mondwächterstätte und dem Friedhof auf der westlichen Seite umschloss. Kein Licht brannte in den Fenstern, keiner der Schornsteine spucke Rauch in den Abendhimmel. Zumindest bei ihrem eigenen Haus wunderte Cahira dieser Umstand - Einrichtung und Nutzung des Hauptquartiers lagen brach seit den Ereignissen auf Aquila und Kordian, erfreulicherweise wieder aufrecht, und Anouk hielten auf der Insel stand. Normalerweise sprang die Haustür spätestens dann auf, wenn sie auf Höhe des Hühnerstalls war. Brynja warf sich ihr freudig entgegen während Lionel eher gemäßigter folgte und im Türrahmen wurde Noras rundliche Gestalt vom warmen Schein des Herdfeuers scherenschnittartig erleuchtet.

Außer den Tieren, die in ihrem Winterquartier gedämpft rumorten, und einer Krähe, die auf dem Giebel des Waschhauses ihr ölschwarzes Gefieder putzte und einen in die Stille des Abends seltsam markerschütternden Schrei ausstieß, fiel die Begrüßung ungewohnt kümmerlich aus. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in Cahiras Magen aus und Panik tastete sich ihren Weg vom Rückgrat bis zum Hirn. War die Angst von der Insel mit ihr im Gepäck auf den Eichenhof gekommen, um sich in dunklen Ecken festzusetzen und sich wie zähe Melasse auszubreiten? Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht und sie musste allen Mut zusammen nehmen, um auch die letzten Schritte bis zur Eingangstür hinter zu bringen.

Das schwere Gepäck vor der Türe abgestellt, trat sie mit pochendem Herzen ein, eine Hand an den kleinen Dolch an ihrem Gurt gelegt. Der Duft von Speck lag in der Luft. Ein Zeichen von Normalität. Doch im Hintergrund nahm Cahira noch etwas anderes wahr. Ein eher metallischer Unterton, so fein, so weich. Blut? Die Hoffnung, dass sich Nora und die Kinder zu einer unüblich frühen Stunde nach einem allzu reichhaltigen Mahl zu Bett gelegt hatten und ihre eigene von der Seefahrt und den Vorgängen der letzten Wochen gemarterte Phantasie daraus ein Schreckensszenario gewoben hatte, starb spätestens in jenem Moment, als sie den in der Stube liegenden Körper erblickte.

Die Welt zog sich zusammen, beschränkte sich auf den dahin gestreckten Leib. Für Lionel oder Brynja erschienen die Ausmaße zu gewaltig. Auch Kyron passte nicht so recht ins Bild. Er war größer, trainierter, härter. Dieser Leib war rund und weich, eindeutig eine Frau. Nora. Cahira rutschte auf den Knien zum reglosen Kindermädchen hin. Jegliche Versuche, die Hausangestellte zum Bewusstsein zu animieren, erlahmten schon im Ansatz. An Stelle der Augen klafften zwei grobrandige, von schwarz verfärbten Blut umrahmte Löcher. Der Mund war grotesk verzogen, als wäre sie einerseits von ihrem Angreifer überrascht worden, andererseits als hätte sie um Hilfe schreien wollen.

Es gab keine Spuren, dass jemand die Tür aufgebrochen hatte. Auch die Fenster waren, zumindest wie Cahira hier im Untergeschoss erkennen konnte, intakt. Keine Kampfspuren, keine Anzeichen dafür, dass ihre Habseligkeiten durchwühlt worden waren. Noras Augen waren ihr nicht fein säuberlich herausgeschnitten worden, sondern regelrecht aus dem Schädel gerissen. Hatte der Mörder die Augäpfel mit sich genommen? An der Tischdecke Blutspuren; jemand hatte dort seine Hände nach der Tat abgewischt. Einige von Noras Fingernägeln waren abgesplittert, die Haut zerkratzt. Sie hatte sich gewehrt. Vollkommen vergeblich.

Nora war eine rundliche Frohnatur gewesen. Die Kinder hatten sie geliebt. Wenn Kyron oder sie selber unterwegs gewesen waren, konnten sie sich darauf verlassen, dass die junge Frau Lionel und Brynja behütete wie eine Glucke, als ob es ihre eigen Brut wäre. Nora hatte Cahira nach der schweren Geburt und dem Verlust des Kindes gepflegt. Sie hatte den besten Apfelkuchen in ganz Amhran gebacken und ihr Kopf war immer voller romantischen Flausen. Irgendwann, so hatte Nora in Tagträumen geschwelgt, würde auch ihr Ritter, ihr Galan kommen. Sie hatte sechs Geschwister, die alle schon selber ihre eigenen Familien gegründet hatten, und wohnte eigentlich in Rabenstein, immer noch als Stütze ihrer Eltern, die über zehn Ecken mit Flint, dem örtlichen Heiler verwandt waren. Ab und an hatte sie verwirrt gewirkt und sie drehte Knoten in ihre Taschentücher, als wolle sie an etwas besonders wichtiges erinnert werden. Was das allerdings war, hatte Cahira nie herausgefunden. Und nun lag die junge Frau tot in ihrer Stube, das sonst immer lachende Gesicht eine Fratze.

Während Cahira neben der bemitleidenswerten Toten auf dem Boden kniete und damit haderte, wer dies wohl gewesen war und warum, ballte sich allerdings schlagartig eine andere, bange Frage in ihren Gedärmen zusammen und das Geschwür platzte in einem vor ängstlichem Grausen gellenden Schrei: “LIONELBRYNJA?”
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#57
Sie hatte das Haus abgesucht und die Ställe. War auf die Dachböden geklettert und hatte auch bei Kordian und Anouk durch die Fenster gelinst. Zwar stöberte sie erfreulicherweise keinen Täter auf, der sich auf dem Hof noch versteckt hielt aber ebenso blieben die Kinder verschwunden. Der Gedanke, dass den beiden etwas geschehen war oder sie sich in den Händen des Mörders befanden, machte es nicht gerade einfacher darüber nachzusinnen, wo sie sich wohlmöglich versteckt hielten. Dann plötzlich ein Funke: Als die Indharimer in Candaria eingefallen waren und auch versucht hatte, einen Fuß auf Ravinsthaler Boden zu setzen, hatte sie Lionel ein Versteck in der Nähe des Hauses gezeigt.

Wenn Gefahr drohte und kein Vertrauter in der Nähe war, sollte der Junge die kleine Schwester schnappen und zu dem nahen Mienenschacht laufen, um sich dort zu verbergen, bis Mutter oder Vater sie holen kommen würden. Cahira hatte eine kleine Tasche mit warmen Sachen, Laternen, Zündholz und auch haltbaren Proviant und Wasser für diesen Zweck dort gelagert und von Zeit zu Zeit ausgetauscht. Mittlerweile waren die Indharimer vertrieben, doch Lionel war ein zu gewissenhafter Junge, als hätte er den Rat der Mutter und das geheime Lager vergessen. Und welche Definition von Gefahr war wohl passender, als wenn jemand ins Haus eindringt und dem Kindermädchen die Augen entreißt ...

Hatten Lionel und Brynja voll und ganz mitbekommen, was geschehen war? Hatten sie sich vorher in Sicherheit bringen können oder eventuell erst danach? Die Fragen verschwammen mit den dunklen Schemen der Bäume und des Unterholzes, welches Cahira im Marschgalopp unter sich zertrampelte. Sie hatte schon einige Leichen gesehen, das brachte das Soldatendasein eben so mit sich, doch selbst für sie war der Anblick der Toten kaum zu ertragen gewesen. Die dunklen Augenhöhlen starrten tot zur Decke. Weil sie Nora gekannt, mit ihr im engen Vertrauen gelebt hatte. Wie grauenhaft musste dieses Erlebnis erst für die Kinder gewesen sein.

Am Massiv angekommen, musste sie einen Moment suchen, um die Leiter zu finden, die hinauf zum Schachteingang führte. Sie kletterte das morsche Holz empor, zog sich ein paar Splitter ein und tauchte kurze Zeit später in den Stollen. Die unebenen Wände wurden flackernd vom Schein ihrer Fackel beleuchtet. Nach ein paar Schritten stieß sie gegen die Fluchttasche. Das Leder war ganz grau vor Staub und sicher waren Zwieback und Wasser darin schon verdorben. Seit ihrem letzten Besuch war niemand hier gewesen und vergessen rotteten Tasche und Inhalt dahin. “LIONELBRYNJA?” Sie konnte nicht anders, als in den Schacht hineinzurufen. Das Echo hallte verhöhend zurück. Keine Antwort.

Die Verzweiflung packte sie. Sie war sich so sicher gewesen, dass die Kinder hier waren, an die Alternative wollte sie nicht denken. Sie trat wieder ins Freie und holte tief Luft. Die Kühle des Winters lag bereits in jedem Atemzug. Doch ihr Zittern rührte nicht nur von der Abendkälte her, es war auch ein Ausdruck äusserster Angst und Angespanntheit.

Die meisten Höfe auf dem Rabenfeld standen leer und die Kinder hatten auch eigentlich keinerlei Bezug zu den Gebäuden, weswegen es Cahira unwahrscheinlich schien, dass sie sich dort hin zurück gezogen hatten. Rabenstein war eine näherliegende Wahl. Die Verwaltung war dort, die Garde - vertraute Orte, zu denen die Kinder von den Eltern ab und an mitgenommen worden waren. Noras Familie. Aber der konnte sich Cahira noch nicht stellen. Dort nach den Kindern zu suchen, würde bedeuten, Rede und Antwort zu stehen, warum jene nicht bei Nora waren. Und sie fühlte sich nicht stark genug, irgendeine Lügengeschichte aufzutischen. Darin war sie ohnehin nicht gut.

Der Weg zur Ortschaft zog sich elendig lang dahin. Berthold, die Torwache, nahm halbwegs Haltung an, als er erkannte, wer sich ihm nährte. “N’abend, Edle! Was ich Euch vorhin sagen wollte …”, begann der Wächter, als Cahira an ihm vorbeirauschte. “Morgen, Bert. Ich habe jetzt keine Zeit!” “Aber! Aber! Der Ser kam mit den Kindern vorbei. Vorhin!”, ratterte der Mann herunter und erreichte sein Ziel. Cahira machte auf dem Hacken kehrt. “Was habt Ihr gesagt?” “Na, dass Euer Mann hier vorhin mit dem Kindern vorbei gekommen ist. Lionel wird mal ein richtig großer Recke, wie sein Vater, und die süße Kleine …” Seine Rede erlahmte schmatzend unter Cahiras Blick. “Da so sind sie hin!” Er deutet vage in Richtung Mine, Heilerhaus, Rabenhügel und die junge Frau nahm wieder Schritt auf, winkte dankend. Sie spührte den bohrend verwirrten Blick der Wache in ihrem Rücken, aber sie konnte sich nicht mit Erklärungen aufhalten. Dies war eine erste erfolgversprechende Spur. Wenn die Kinder bei Kyron waren, waren sie in Sicherheit.

Nacktschnecke.

Als sie das Haus durchsucht hatte, war ihr etwas aufgefallen, was erst jetzt wieder, mit Erwähnung ihres Ehemannes an Gewicht gewann. Seine Rüstung war zu Hause. Ordentlich an der gewöhnlichen Stelle aufgestellt. Kyron war so gut wie nie in zivil anzutreffen und er schien geradewegs in den heiligen Stahl hineingewachsen zu sein. Ohne Rüstung war er selbst für die Kinder ein so ungewohnter Anblick, dass Brynja ihn einmal als eine Schnecke ohne Haus bezeichnet und ihr Umfeld mit ihrer Heiterkeit angesteckt hatte. Wie passte das nun alles zusammen? Der verlassene Hof, die Leiche in der Stube, die Kinder bei Kyron, seine Rüstung allerdings zu Hause … Sie hatte das Gefühl, ein Puzzle zusammenzusetzen, bei der ihr die wichtigsten Teile fehlten. Oder sie nicht wagte, die entscheidenden Teile aneinander zu fügen.

Das Heilerhaus war nun also ihre erste Anlaufstelle und sie trat ohne anzuklopfen ein. Flint döste auf einem Stuhl vor sich hin, in seinen Armen eine Rumflasche. Cahira trat unsanft gegen eines der Stuhlbeine und der ram dösige Heiler schreckte auf. “Der ist für die Kranken!” “Ich muss doch testen, ob er noch gut ist!” “Was soll an Rum schlecht …” Sie atmete tief ein. Sie war nicht hier, um mit Flint zu streiten. “Falls Ihr die Kinder abholen wollt, die schlafen hinten.” brummte der missgestimmte Heiler und schmiegte sich an die Flasche Alkohol, als wäre es eine Geliebte.

Cahiras Herz tat einen Sprung und sie musste sich natürlich selber davon überzeugen, dass die Kinder wohlbehalten waren und zog im hinteren Teil der Hütte einen Vorhang beiseite. In einem Bett dahinter schliefen Lionel und Brynja, eng aneinander geschmiegt. Vor Erleichterung drohten ihr die Knie nachzugeben. Ihre Kinder waren gesund und in Sicherheit. Sie zog den Vorhang leise wieder zu. “Warum habt Ihr keinen Boten geschickt, eine Nachricht, dass sie bei Euch sind?” Flint kratzte sich verwirrt den Kopf “Na, der Ser hat sie doch gebracht. Dachte, das ginge in Ordnung und ihr habt euch abgesprochen.” Daraufhin wusste Cahira nichts zu erwidern. Wo war Kyron?

~

Vor zwei Tagen hatten sie Nora beerdigt auf dem kleinen Friedhof vor Rabenstein. Die Eltern der jungen Frau schienen in den letzten Tagen um Jahre gealtert zu sein. Die grausame Unfassbarkeit des Todes der fleißigen, immer gut gelaunten Tochter hatte ihre Schultern nieder gedrückt und das Haar schlohweiß werden lassen. Cahira hatte sich vielen Fragen stellen müssen. Fragen, auf welche sie keine Antworten hatte.

Kurz nach der Zeremonie war sie nach Aquila aufgebrochen; Lionel und Brynja bei Noras Sippe gut aufgehoben gewusst, bis sie eine andere Lösung finden würde, finden musste. Bei der Besprechung zur Schließung des Risses hatte sie gehofft, auf einfache Anweisungen zu treffen. Sie hielt sich im Hintergrund, lauschte den Stimmen, die meisten waren ihr vertraut. Sie brauchte jetzt ein klares Ziel, welches sie ihr Schwert entgegen schmettern konnte.

Einen klar definierten Auftrag im Gegensatz zu ihren wirren Gedanken und dem Verdacht, der aufgrund des Berichtes der Kinder allmählich ein Bild der Ereignisse des unheilvollen Abends formte. Doch vollständige Gewissheit würde sie erst erlangen, wenn sie ihren Ehemann aufgespürt und zur Rede gestellt hatte ...
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#58
Es war nicht das erste Mal, dass ihr Ehemann auf fremden Wegen wandelte und ihr von allen möglichen Seiten Gerüchte zugetragen wurden, was Kyron angeblicherweise trieb. Natürlich zählte diese Zeit nicht gerade zu den erfreulichen Tagen ihrer Ehe, aber Cahira hatte mit den Jahren gelernt damit umzugehen und auf ihrer Seite den Schaden für die Familie möglichst gering zu halten. Dazu gehörte unerschütterliches Vertrauen in den Verstand ihres Mannes und jegliche Behauptungen, dass er Kinder und Ehefrau diesmal ein für allemal verlassen haben soll, komplett in Abrede zu stellen. Dennoch war die Situation zermürbend und in Momenten, in denen sie allein war - und das waren zu ihrem Leidwesen in den letzten Wochen recht viele - konnte sie manchesmal gar nichts dafür, dass Sorge und Verzweiflung ihre Wangen mit Tränen nässten.

Es war nicht das Hörensagen, was sie erschütterte. Das Gerede der Leute hatte sie vom ersten Tag ihrer Beziehung erleiden müssen, auch von ihrem eigenen Vater. Sie würden nicht zueinander passen, es gäbe bessere Männer als ihn, früher oder später sei’ er ihr Verderben, er würde mit anderen Frauen lustwandeln … Es gab eigentlich nichts, was sie nicht schon einmal herunter schlucken hatten müssen. Zugegebenermassen, dass er nackt im Wald herum vagabundierte, das war neu. Rüde Sprüche über die eigene Männlichkeit und Standhaftigkeit war unter Soldaten Gang und Gäbe und obwohl Kyron in dem nichts nachstand, hatte er sich ein jugendhaftes Schamgefühl behalten, welches ihm sicherlich verboten hätte, sich in der Öffentlichkeit zu entblößen.

Es waren auch nicht die beständig zweifelnden Blicke der anderen, wenn Cahira felsenfest überzeugt davon sprach, dass alles nur Getratsche und Halbwahrheiten wären, keine festen Beweise, solange sie es nicht selber gesehen oder aus dem Mund ihres Ehemannes bestätigt bekommen hätte. Niemand kannte Kyron so wie sie. Die loyale, liebevolle, schüchterne Seite. Den Vater, der seinen Sohn behütete und lehrte und dafür selbst den Abyss in Kauf nahm. Der halb murrend, halb lachend Brynjas Windeln gewechselt und ihre ersten Schritte mit der dicken, kleinen Hand der Tochter in der eigenen mit leuchtenden Augen begleitet hatte. Der sich gegen jede Widrigkeit auch auf Gefahr seiner eigenen Unversehrtheit gestemmt hatte, um seine Familie zu beschützen. Doch die Leute sahen nur den abgebrühten Streiter, die kalte Fassade eines Mannes, der schon zu viel Mist in seinem Leben erlebt hatte, um auch nur noch einen Funken Freundlichkeit in sich zu tragen. Deswegen war es für die anderen so leicht, ein Urteil zu fällen und ihn abzuschreiben.

Das Ausbleiben jeglicher Nachrichten war dann jedoch etwas, was die braungelockte Frau schon eher traf. Von einem auf den andern Tag, ohne den üblichen Brief auf dem Küchentisch, ohne vorherige Anzeichen so eine lange Zeit fernzubleiben, war eigentlich etwas, was Kyron nicht ähnlich sah. Ein paar Tage, ja. Nun beinahe zwei Mondläufe, nein! Der Riss und dessen Auswirkungen hatte ihren Ehemann zwar verändert, trotzdem hatten sie zusammen die Phänomene im Thalwald, vor Löwenstein und im Südwald untersucht, hatte sie ihm einen Kuss auf die Lippen gedrückt, als er sich für eine eigene Mission abgemeldet - ja, abgemeldet - hatte. Die Gefahr auf Aquila war gebändigt, warum blieb er weiterhin seinem Heim fern? Natürlich sah Cahira ein, dass es Situationen gab, in denen die Zeit fehlte, um zu schreiben oder dass unter Umständen eine Botschaft die Kinder, sie oder gar Kyron selbst gefährdet hätte. Dennoch hätte ein Brief, ein Zettel, zwei kleine verfluchte Zeilen auf einem abgerissenen Stück Hadern gereicht, um die Lage erträglicher, erklärbarer zu machen.

Am meisten allerdings zehrte die Einsamkeit an ihr. Nach Hause zu kommen, auf den Hof, die Tür zu schließen und niemanden anzutreffen - weder ihren Ehemann, die Kinder oder Nora - war etwas, was sie nur sehr schwer verkraften konnte. Das Hausmädchen, welches zu ihrer Freundin und Vertrauten geworden war, war tot. Angeblich war die Hand ihres Ehemannes daran Schuld. Trotzdem die Kindern sich seit dem grausigen Leichenfund im Haus weigerten, auch nur eine Nacht auf dem Eichenhof zu verbringen und Brynja jedesmal zu weinen begann, während Lionel Merkwürdiges berichtet hatte und herum schlich wie ein geprügelter Hund, wollte Cahira dies nicht recht glauben. Oder besser gesagt, wenn er Nora gerichtet hatte, hatte er einen Grund für seine Tat, die ihr vielleicht noch schleierhaft war, aber sich klären würde, würde sich ihr Ehemann endlich einmal zeigen oder von ihr aufgespürt werden.

Sie beauftragte ein paar Gassenjungen, sich an Isabelles Fersen zu heften - Kyrons Schwester wusste in der Regel mehr, als sie zugeben wollte - , sie fragte selber herum und sie nahm an dieser lebensgefährlichen Unternehmung des Hermetikers nach Candaria teil, weil sie irgendwie dachte, dass, wenn sie sich in Gefahr brachte, ernstliche Gefahr, irgendeine sehr dumme Dummheit anstellen würde, ihr Ehemann auftauchen würde, so wie er es bisher immer getan hatte. Bisher blieben ihre Versuche erfolglos. Aber aufgeben war noch nie eine Option gewesen.
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