Zwei Leben
#51
Sie erwachte schweißgebadet. Obwohl es eine kühle Nacht war und der Herbst mit großen Schritten eindeutig dem Winter zustrebte, war ihr Schlafgewand nass und Decke und Kissen heiß. Unwillkürlich tastete sie im Bett neben sich. Doch statt den zähen, wohlbekannten Körper ihres Mannes erfühlte sie nur die kühle Seite des Lakens - entweder war Kyron nie ins Bett gekommen oder war schon lange aufgestanden.

Cahira seufzte. Wie gerne hätte sie sich nun an ihn geschmiegt und wäre dank seiner stillen Präsenz sicher rasch wieder eingeschlafen. So aber musste sie sich an die klamme Decke halten und zog sich diese bis unter die Nase. Brynja und Lionel schliefen unberührt von des Mutters nächtlichen Alp; sie konnte den Atem ihrer Kinder hören, wie er gleichmässig und leise den Raum füllte.

Es war ein merkwürdiger Abend gewesen. Sie konnte sich an ein Treffen der Klinge erinnern und daran, dass Kyron einige Probleme angesprochen hatte. Und natürlich an den Weinbrand, den ihr Ehemann sich so großzügig in den Becher gefüllt hatte. Cahira hätte das Alkoholfass am liebsten auf dem Boden zerschellen lassen - doch stattdessen fand sie sich auf der Treppe des eigenen Hauses wider, zerpflückte traurigen Grasreste und wartete, ohne so recht zu wissen, auf was, wen und warum. Auch der Tee, den Kyron ihr dankenswerterweise aufgebrüht hatte, nachdem sie ihre übliche Runde zur Nacht um Koppeln und Felder absolviert hatte, vertrieb nicht das eigenartige Gefühl, einige Augenblicke, wenn nicht Stundenläufe verloren zu haben.

Die Stimme jedoch, die sie schließlich im Traum gequält hatte, kannte sie ganz genau. "Du hast sie gehabt, die Münze, und Dir wieder abnehmen lassen!" Der Tadel in galatischem Zungenschlag klang ganz und gar nicht verärgert, eher milde enttäuscht. "Du wirst sie Dir schon wiederholen, ich vertraue auf Dich. Und bis dahin ..." Wärme hatte sie eingelullt. Dann erschien ein Bild, welches sie unverständlicherweise heiß und schreckhaft erwachen ließ: Ein Pärchen mit einem kleinen Jungen auf dem Arm.

[Bild: xc5kceja.jpg]

Herzlichen Dank an Morrigan!
Zitieren
#52
Cahira stand am Pier in Rabenstein, eine Hand verbissen um das grobe Hadern gekrampft, welches Torte und Gebäck vor den Unbillen des Wetters schützen sollte. Sie beobachtete mit wachsendem Unbehagen das Treiben an der Anlegestelle. Sie hatte galatisches Blut in den Adern, das Blut von wagemutigen Seefahrern und vermeintlichen Piraten, doch sobald sie auch nur einen Fuß auf ein Boot setzte, stülpte sich ihr Inneres nach Außen. Sich die trockenen Lippen leckend, überschlug sie die Zeit, welche sie benötigen würde, um zum Hof zurückzukehren, Kalvas aufzusatteln und den Weg nach Hohenquell auf dem Rücken ihres treuen Tieres hinter sich zu bringen. Aufseufzend kam sie zum Schluß, dass es dafür zu spät war und sie es niemals rechtzeitig zum Termin mit der Verwaltung von Hohenquell schaffen würde, auch wenn sie ihr Pferd zu Hochleistungen antreiben würde.

In Vorbereitung eines sicheren Malheurs wenn sich ihr Mageninhalt aufs Deck ergoss, hatte sie einerseits den Tag über nicht viel zu sich genommen, andererseits eine Reisekleidung gewählt, die offiziell genug wirkte für diese Stippvisitie ins Partnerland des Drachenthals, aber dennoch recht pflegeleicht war. Über der eingetragenen Lederkluft hatte sie einen dicken Überwurf mit dem Ravinsthaler Emblem gezogen und auf den neuen Mantel, den ihr Mann aus Löwenstein mitgebracht hatte, bewusst verzichtet. Doch das grelle Rot ihrer Aufmachung zog das Interesse der am Hafen herumlungernden Tagediebe an und Cahira kam sich dank der feixenden Blicke und Gesten der wilden Männer und Frauen einmal mehr wie ein fein geschnürtes, nicht abgeholtes Paket vor. Wenn doch nur Kyron endlich auftauchen würde ...

Denn nicht nur die bevorstehende Überfahrt verursachte ihr Besorgnis: Auch das bisherige Fernbleiben ihrer Begleitung ließ ihre Gedanken kreiseln. Kyron war recht verlässlich, was Verabredungen angig; es musste wohl etwas dazwischen gekommen sein. Die gedankliche Beschäftigung damit, was dieses “Etwas” wohl sein mochte, brachte keineswegs Ruhe in Leib und Kopf der braungelockten jungen Frau. Eher zupften ihre strapazierten Sinne an einer mit der Zeit verrosteten Seite, dessen Misston der Warnung sie schon eine geraume Weile nicht gehört oder bewusst unterdrückt hatte - das letzte Mal wohl, als Dureth noch seine Kreise zog. Früher, in Guldenach, gehörte dieses Lied zu ihrem Alltag dazu wie der Fluchtinstinkt einer Beute vor dem Jäger.

Während sie sich umblickte, sehnsüchtig gen Ortschaft spähte, ob die bekannte, rauchumwölkte Gestalt des Leutnants denn endlich durch die Tore Richtung Pier schreiten würde, wünschte sie sich jeh den Morgen zurück, als sie nach einer gemeinsam verbrachten Nacht mit dem ersten Hahnenschrei aufgewacht waren. Der Traum vom jungen Paar mit dem Knaben im Arm war jene Nacht ausgeblieben und sie war weder herzklopfend und schweißgetränkt aufgewacht, noch klang jene Stimme in ihrem Ohr nach, welche ihr aus dem Hintergrund stets zu säuselte, wenn sie sich dem Trio im Traum nähren wollte: “Kannst Du wirklich so grausam sein?” Cahira hätte den ganzen Tag im Bett verbringen können, an den Rücken ihres Mannes geschmiegt, in wohlig warme Laken gehüllt, die Welt und sonstige Pflichten schlicht vernachlässigend.

Der Herzog hatte ihr das Amt der kommissarischen Statthalterin übergeben - oder eher aufgebürdet - und ihr damit die Aufgabe übertragen, Rabenstein wieder zu neuem Glanz zu verhelfen. Sie hatte zwar den Lehnsritter und den Freiherrn von Thalweide an einen Tisch bekommen, um gemeinsam zu beratschlagen, wie es mit der Ortschaft und deren Bewohnern wieder aufwärts gehen könnte, aber es war eine mühsame, langwierige Angelegenheit. Cahira hatte zudem immer das Gefühl, zu wenig zu tun, zu wenig zu diesem erhofften Aufschwung beizusteuern und trug dieses Schuldgefühl ständig mit sich herum, ganz gleich, wie lang und entsagungsvoll der vergangene Tag mit Arbeit in der Verwaltung oder dem Hof auch gefüllt gewesen sein mochte.

Aber das Land war nach dem Krieg wie ausgestorben - ob es nun die Opfer des Krieges waren oder sich die Menschen mehr zurückgezogen hatten, um sich nach den entbehrungsreichen Kämpfen um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern, die zu lange brach gelegen hatte, konnte Cahira nicht sagen, aber allerorts bemerkte man den Schwund und manche Fälle, wie zum Beispiel dem Verschwinden von Magda, ihrer Freundin und Vertrauten seitdem sie einen Fuß ins Eisenthal gesetzt hatte, oder Vatin Gwendolyn, Hebamme ihrer Tochter Brynja, waren besonders bitter und machten die gesamte Problematik nicht gerade einfacher.

Dann war da die Sache mit Freya. Sie wusste, dass sie das irgendwie in Ordnung bringen musste. Es war immerhin ihre Schuld, ihr Drängen nach einer klaren Linie, ihr Wunsch, die Klinge als sichtbare Einheit mit dem alten Abzeichen am Revers zu sehen, welcher den Schlamassel ausgelöst hatte. Sie hatte gewusst, welche Bedenken der Leutnant gehabt hatte und trotzdem hatte sie die umtriebige junge Frau bereits als fünftes Mitglied der Vereinigung gesehen … aber dass Freya dann nach einem relativ kurzen Wortwechsel den Ravinsthaler Wappenrock auf die Erde geworfen und aus dem Haus gestürmt war, hatte sie nicht vorausahnen können. Früher, in Guldenach, hätte Kyron die widerspenstige Gardistin wohl eigenhändig auf den Hof geschleift für diese Missetat …

Nachdem ihre Gedanken nun schon zum zweiten Mal bei alten Zeiten in der geliebten Hauptstadt Silendirs hängen geblieben waren, raffte sie sich zusammen und spähte das letzte Mal gen Rabenstein. Wenn sie noch länger hier verharren würde, würden die Strauchdiebe wohl genügend Mut gefasst haben, um frech zu werden und die Tortencreme hätte vollends ihre Form verloren, ganz zu schweigen davon, dass sie zu spät zu ihrem Termin kommen würde, weil sie eventuell die verhasste Fähre verpasst hatte. In der Zwischenzeit hatte eine andere Fähre Richtung Löwenstein abgelegt und ihr Knecht, den sie gerade eingestellt hatte, damit jener ihr auf dem Eichenhof zur Hand gehen konnte, war frohgemut aufgesprungen. Eine neue Taverne hatte ihre Pforten geöffnet und Cahira speiste die allmählich in ihrem Inneren anschwellende Angstmelodie mit den Ausflüchten, dass ihr Ehemann sicher zu den Gästen gehören und die Zeit über die Geselligkeit verloren hatte.

Mit weichen Knien, durchgefroren ob der Warterei, bestieg sie letztendlich das kleine Boot gen Hohenquell und versuchte nicht auf das durchweg amüsierte Funkeln in den Augen des Skipper zu achten, der ihr bereits den Spucknapf reichte. Dankenswerterweise hatte er dessen undeutbaren Inhalt mit einem raschen Schlenker des Handgelenks über die Reeling gekippt. Bei dem blubbernden Geräusch der Enten und Fische, die hier einen feisten Happen erwarteten und sofort angeschossen kamen, stieg der jungen Frau bereits die Galle hoch, obwohl sie noch nicht einmal abgelegt hatten. Cahira ergab sich also ihrem Schicksal, hielt den Napf in Armweite und jedes weitere Aufstossen verdängte mehr und mehr den Gedanken, dass ihr Ehemann eigentlich nicht zu der geselligen Sorte Mensch gehörte ...

[Bild: xc5kceja.jpg]

Herzlichen Dank an Morrigan!
Zitieren
#53

Erde, wie du lebest und grünst!
Hast das Grab der Liebe umsponnen
Lustig mit Blumen bunt, mit grünen Gräsern,
Webest Moos um die Steine.

Aber, Tränen, fließet darauf;
Denn den Schläfer drinnen erquicket
Nimmer der Blumen Duft, er hört nicht das Lüftchen,
Das sein Lager umsäuselt.

Weine nicht! es wandelt der Mond
Mit den stillen Sternen vorüber,
Glänzt auf das goldne Moos, die tauenden Gräser,
Die den Hügel begrünen.

Weine laut! die Nachtigall schlägt,
Und die Mücken wimmern so traurig
Totengesang darein, es hüllet die Wolke,
Schon den Mond und die Sterne.

~ Ernst Moritz Arndt, 1801


“Es ist gut, dass Eoghan tot ist.”

Die Stimme des Jungen war leise, dennoch deutlich, zu klar, als dass es nur eine Einbildung hätte sein können. Lionel stand steif am Ende der Grabstätte seines Bruders und hob zögernd den Kopf. Seine blaugrauen Augen, die denen des Vaters so sehr ähnelten, suchten unsicher nach dem Blick der Mutter. Cahira hatte einen ersten Impuls mühsam unterdrückt und ihre schwieligen Hände an ihren Oberschenkeln zu Fäusten geballt, um ihrem Sohn vor Schreck ob dieses Ausspruches nicht grob an die Schultern zu packen und war dann äußerlich wie erstarrt, während in ihrem Inneren die Gedanken nur so umher schwirrten wie Wespen, deren Nest man gerade mit einem Stockhieb traktiert hatte.

Es war ihr zunächst merkwürdig vorgekommen, dass Lionel darum gebeten hatte, sie zu ihrem wöchentlichen Gang zum Grab seines Bruder begleiten zu dürfen. In der Regel ging sie alleine in den heiligen Hain, um dort ihren Gedanken und ihrer Trauer, nur unter den Augen der Götter, ihren Lauf zu lassen. Dennoch sah sie keinen Grund, Lionel die Begleitung zu versagen. Er und auch seine kleine Schwester hatten sehr wohl mitbekommen, was passiert war. Während sich Brynja wohl später nur dunkel an ihren toten Bruder und die Monate der anschließenden Gram erinnern würde können, waren sie für Lionel hingegen ein deutlicher Einschnitt in seinem Leben gewesen obwohl er nicht zum ersten Mal erfahren hatte, was Verlust bedeutete. Es hatte bereits genügend liebgewonnene Gesichter im Laufe seiner wenigen Jahre gegegeben, die er wohl nicht mehr so schnell oder niemals wiedersehen würde; angefangen von seinem geliebten Großvater Séan auf Svesur und der ganzen Sippe, Aidan, Querida oder Cyril …

Cahira ist auch nicht entgangen, dass der Junge sich verändert hatte. Er war ernster, stiller geworden und blieb lieber mit sich, als beispielsweise mit seinen einstigen Kameraden auf den Straßen zu spielen, wenn Cahira ihn nach Rabenstein mitnahm. Sie hatte ihn nach dem Grund gefragt und er hatte ausweichend geantwortet: “Ich kann die nicht mehr leiden.” In ein paar Tagen hätten sich die Freunde sicher wieder zusammen gerauft und dies war nur eine Marotte unter Jugendlichen. Aber Cahira sollte sich geirrt haben. Lionel verzog sich mit einem Buch in eine Ecke der Schreibstube oder spielte mit seinem Wolfshund Madadh, bis er gar nicht mehr in die Ortschaft mitkommen wollte und auf dem Hof blieb.

Im vergangenen Nebelung war ihr erstgeborener Sohn acht Jahre alt geworden und Cahira fragte sich, ob diese Veränderungen damit einherging, dass er nun langsam zum jungen Mann heran wuchs. Auf Svesur zumindest hätten Buben in seinem Alter schon längst mit ihrer Ausbildung begonnen und wären in die Fußstapfen ihrer Eltern getreten. Im Grunde genommen befand sich auch Lionel in einer Art Ausbildung bei seinem Vater und dass jene nur unter dem vollkommen Mantel der Verschwiegenheit passieren durfte, schien nicht nur Cahira zu quälen. Lionel war nach den Lektionen nicht selten aufgebracht, was er und auch sein Lehrmeister vor ihr zu verbergen versuchten, aber einer Mutter konnte man nichts vormachen. Vielleicht war die ganze Last seiner Gabe und der damit verbundenen Geheimnistuerei einfach zu schwer für seine noch immer schmalen Schultern, aber Kyron hätte kein Verständnis dafür, seine Lehre zu unter - oder gar abzubrechen und Cahira gab ihrem Ehemann in dieser Unterhaltung, die sie nie geführt hatten, Recht. Der Junge musste seine Kräfte zu beherrschen wissen sonst könnte womöglich ein größeres Unglück geschehen als die leidige Schwermut, ein Geheimnis mit sich herumtragen zu müssen.

“Du bist mir doch nicht böse, oder?”
Der Junge biss sich wie reumütig auf die Unterlippe und starrte seiner Mutter entgegen. Ohne nachzudenken, schüttelte Cahira ihren braunen Lockenkopf, doch es war eher eine verwirrte, verzweifelte Geste statt die stumme Antwort auf die bange Frage ihres Sohnes.
“Warum .... warum sagst du so etwas, Lionel? Ich ... verstehe es nicht und ich kann kaum glauben, dass du das ernst meinst.”
Die Worte klangen in ihren Ohren so fern wie von jemand anderen gesprochen und ob sie wollte oder nicht, sie spürte, wie ihre Augen zu brennen begannen. Ihr zweiter Sohn war tot und lag unter der Erde und ihr Erstgeborener wühlte mit seinen Worten die längst nicht verheilten Wunden auf, die dieser Verlust bei der Mutter verursacht hatte. Die große, lähmende Trauer war zwar vorüber und Cahira hatte wieder zu einem geregeltem Tagwerk und dank ihrer Familie auch ihrem Lachen gefunden - was vielleicht auch daran lag, dass sie selten über Eoghan und die Nacht seiner Totgeburt sprach, vor allem nie mit Kyron - doch ihr Wesen war seitdem von einem Schleier dauerhafter Melancholie geprägt; ihr Herz unheilbar vernarbt.

Im kommenden Wandelmond jährte sich der Schreckenstag und umso näher dieser rückte, je unwohler wurde Cahira zumute. Es war natürlich vollkommen unsinnig, aber es fühlte sich so an, als ob sich am Horizont die Wolken türmten und ein Unwetter ankündigten - ein eigenartig fröstelndes Gefühl in den Knochen, ein dumpfes Grollen in der Magengegend. Und war das Auftauchen von Tarol nicht ein schlechte Omen, welches diese Vorhersage bestätigte? Tarol, den sie tot und in Guldenach zurück gelassen geglaubt hatte. Tarol, der sich auf seine eigene verzerrte Art und Weise als Ersatzvater Mendozas sah. Tarol, der sich mit brachialer Gewalt nahm, was ihm beliebte.

Lionel wand sich, sein blasses Gesicht nun ebenso verzerrt.  
“Dann wäre er so wie ich und Athair geworden und das hätte ich nicht gewollt!”, brach es schlussendlich aus dem Jungen heraus, die unterdrückte Qual der vergangenen Zeit brach sich stürmend Bahn. Die helle Knabenstimme prallte an der Felswand des Tales ab und wurde dann von den uralten Bäumen der heiligen Stätte verschlungen.
“Ich will keine Ziegen mehr töten, ich will nicht mehr so sein wie ich bin. Ich wünschte, ich wäre so tot wie Eoghan!” Und er brach vollends zusammen, während er in Tränen zerfloss.
Jetzt unterdrückte Cahira ihren Impuls nicht und war nach einem Schritt auf ihren Knien, um den Jungen an sich zu drücken, ihr Umhang rutschte bei diesen jähen Bewegungen zu Boden. Lionel schlang seine Arme um sie wie ein Ertrinkender sein rettendes Stück Holz, die Hände auf ihrem Rücken …

Der Schmerz kam eher überraschend als heftig. Sie biss sich auf die Zunge und presste die Augen zusammen, um vor Schreck nicht aufzuschreien und drückte den zitternden Leib des Jungen fester an sich. Doch es hätte wohl die Welt um sie herum untergehen können, Lionel hätte nichts bemerkt, so wie er auch nicht merkte, dass das Feuer seiner Hände Wams, Hemd, Leibwäsche und schließlich das blanke Fleisch seiner Mutter in ungehemmter Rage verbrannte. Auch um sich selber von dieser zwar verkraftbaren, dennoch flackernden Pein abzulenken, redete sie auf ihn ein, versuchte ihn zu beruhigen: Alles würde gut werden, Vater und Mutter würden sich um ihn kümmern und er bräuchte keine Angst zu haben, ganz gleich, wer oder was er war, sie würden eine Lösung finden, nur solle er nur nie wieder diese Worte gebrauchen, er war ihr Junge, sie würde ihn beschützen …

Es scheinen endlose Stunden vergangen, seitdem sie das heilige Tal passiert hatten, endlose Stunden in denen Cahira Lionel immer wieder dieselben Worte zumurmelte, die ihn irgendwann einlullten und ruhiger werden ließen, sein Körper schwer in ihren Armen, der Schmerz auf ihrem Rücken ein helles Pochen. Innerlich tobte ein Sturm in ihrem Herzen, denn sie wusste im Grunde genommen nicht wirklich, was nun zu tun war. Mit Kyron sprechen, der in seinen eigenen Treueschwüren gegenüber der Vergangenheit wie eine Fliege im Netz der Spinne gefangen war und seine eigenen Probleme auszufechten hatte? Darauf hoffen, dass dies nur ein Gefühlserregung jugendlichen Gemütes war, so schnell vergessen wie jede Beule oder Kratzer beim Bolzen? Auf die weiteren Lektionen der Lehre vertrauen, mit deren Fortschreiten Lionel seine ungezähmten Gefühle sicher unter Kontrolle bringen würde?

Als auch die letzte Träne verronnen war und Lionel einen gefestigteren Eindruck machte, schlugen sie schließlich langsam den Heimweg ein. Es war mittlerweile kalt und ungemütlich geworden. Die Äste der uralten Bäume schienen in den länger werdenden Schatten nach ihnen zu greifen. Cahira verbarg die zerfetzte Kleidung und Haut fröstelnd unter dem Umhang, welchen sie vom Boden aufgelesen hatte. Nachdem Lionel sich das Gesicht gewaschen und fürs Abendbrot zurecht gemacht hatte, schien der Ausbruch überstanden. Doch was war, wenn es wieder passieren würde, dann in Gegenwart von Brynja oder anderen Personen, die sich recht schnell zusammenreimen würden, was er war - von den Wunden, die er hinterlassen würde, ganz abgesehen. Zwar hatte sie als Soldat der Klinge schon bedrohlichere Wunden von Einsätzen davon getragen und im Nachhinein stellten sich die Verbrennungen als nicht ganz so schlimm heraus wie anfangs gedacht; das Verstörende daran war eher, wie es passiert war und wer ihr diese Wunden unter welchen Umständen zugefügt hatte. Die Mutter fühlte sich hilflos überfordert, lädiert an Körper und Geist. Sie lag die Nacht noch lange wach - wirre Gedanken, Befürchtungen und Zukunftsängste sowie das Ungemach der Verbrennungen hielten den Schlaf fern.

[Bild: xc5kceja.jpg]

Herzlichen Dank an Morrigan!
Zitieren




Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste