Arx Obscura

Normale Version: Zwei Leben
Du siehst gerade eine vereinfachte Darstellung unserer Inhalte. Normale Ansicht mit richtiger Formatierung.
Seiten: 1 2 3 4 5 6
Es war jeden Abend das selbe Spiel.

Zunächst wurde Abendbrot gegessen. Lionel verspeiste meist zwei Brotscheiben mit Käse oder Wurst, trank dazu Milch. Cahira las sich in dieser Zeit angefallene Berichte durch oder erledigte ihre eigenen Schreibarbeiten, aß ab und an eine Kleinigkeit mit. Lionel plapperte in einem eigenartigen Kauderwelsch vor sich hin, eine Mischung aus galatisch und amhraisch, um seiner Mutter von den Dingen zu berichten, die er ohne ihr Beisein erlebt hatte.

Sie musste zugeben, dass sie nicht alles gänzlich verstand, was ihr Sohn da von sich gab, denn während er faktisch als reiner Galatier aufgewachsen war, hatte sie diese Sprache nur mit Mühe und Not gelernt. Sie beherrschte einfache Redewendungen, würde auf den Inseln zurecht kommen, ohne zu verhungern, aber um sich so frei und sicher im galatischen Sprachwortschatz zu bewegen wie sie es in ihrer Muttersprache tat, hätte sie wohl noch ein paar Jahre auf Svesur verbringen müssen.

Und manchmal empfand sie es auch als Segen, nicht alles zu verstehen, denn nicht nur Kyron sondern auch Helva oder Kordian hatten wohl alle ihre ganz eigenen Vorstellungen von Kindererziehung, die sich nicht immer mit ihren Ansichten deckten. Solange Lionel jeden Abend wohlbehalten seine Stullen verspeiste, war alles gut verlaufen - das sagte sie sich jedenfalls immer und gemahnte sich zur Ruhe. Sie hatte sicher auch nicht alles auf Anhieb richtig gemacht.

Dann wurde der Knirps bettfertig gemacht. Entweder mit einem nassen Lappen und Seife traktiert oder, wenn der Tag allzu dreckig gewesen war, gleich in den Waschzuber gesteckt; das Wasser zuvor auf der Kochstelle erhitzt und lauwarm runter gekühlt. Wo der Vater gezögerte hatte, zeigte sich die liebevolle, aber auch erbarmungslose Hand der Mutter, die den Sohn ohne dessen Einwände zu beachten, von allem Schmutz säuberte, die Haare kämmte und ihn in ein langes Leinenhemd steckte.

Es schloß sich der eigentliche Akt des Zubettgehens an, gefolgt von einer Gute-Nacht-Geschichte. Oftmals musste Helva eine Erzählung zum Besten geben - Cahira räumte währenddessen die Reste des Abendbrots und Waschens fort, kontrollierte die Kleidung auf Löcher, die geflickt werden mussten, und legte eventuell neue Sachen für den nächsten Tag zurecht, während müffelnde, verschmutze Hemden oder Hosen in einen Wäschesack wanderten. Sie war froh, dass der Heiler von seinen blutigen Axt-in-Kopf-Geschichten, die den Kleinen nicht hatten einschlafen lassen, Abstand genommen hatte.

Da für Lionel noch immer jeder Tag anders und aufregend war, denn allzulange wohnte er noch nicht bei seinen Eltern in Zweitürmen, war der Vierjährige meist schon so müde, dass ihm bei der Geschichte die Augen zufielen und dann blieb Cahira nichts anderes mehr zu tun, als die Bettdecke hochzuziehen und ihm einen sanften Kuss auf die Stirn zu hauchen.

Doch an immer mehr Abenden lag der Kleine noch wach und verlangte alle möglichen und unmöglichen Personen an sein Bett, die ihm doch gefälligst einen Gute-Nacht-Kuss zu geben hatten. Normalerweise war er ein folgsames, braves Kind, aber manchmal zeigte sich die Sturheit, die auch seiner Mutter zu Eigen sein konnte. Cahira hatte selbst Kordian deswegen aus einer Sitzung geholt, weil sie nicht wusste, wie sie ihren Sohn zum Einschlafen bekommen sollte und hatte er erstmal einen bestimmten Punkt der Übermüdung erreicht, war ihre Nachtruhe so gut wie vergessen.

Lionel ratterte also seine Liste herunter und jedesmal hoffte Cahira, dass ein bestimmter Name, der wichtigste von allen, auftauchen würde. Onkel Kordian, natürlich. Lionel war auf seinem Schoß eingeschlafen, hatten seinen Wappenrock besabbert und damit eindeutig sein Ravier markiert. Er liebte seinen Paten heiß und innig. Helva, der seinen Arbeitsplatz keine zehn Schritte von Lionels Schlafstätte hatte und sich die meiste Zeit um den Kleinen kümmerte, wenn seine Eltern unabkömmlich waren, konnte sich dem Ritual kaum entziehen. Selbst Cois, Freya oder Arthar, die in der Wachstube ein und ausgingen und zu Lionels bekannten Personen zählten, wurden verlangt.

Die Beziehung von Kyron und Lionel hatte eben keinen guten Anfang genommen. Oftmals fragte sie sich, wie sie wohl reagieren oder über den Menschen urteilen würde, der sie beinahe schon gewaltsam aus der gewohnten Umgebung in fremde Gefilde gezerrt hätte und dazu den geliebten Großvater zum Weinen gebracht hatte. Er war noch zu klein, um die Gründen dafür zu verstehen. Sie konnte Lionel nicht befehlen, seinen Vater zu mögen oder gar zu lieben, aber sie konnte ihm verbieten, ihn mit galatischen Schimpfwörtern zu bedenken und es so einrichten, dass die beiden möglichst viel Zeit miteinander verbrachten - das natürliche Band zwischen Vater und Sohn würde sein übriges tun und die beiden über kurz oder lang zusammenschweißen.

Tatsächlich erlebte Cahira eines Abends eine kleine Überraschung, als Lionel mit großen, müden Augen aus der Decke hervorlugte und seinen Kuss verlangte. Sie hatte es erst gar nicht richtig verstanden und ihren üblichen, abwiegelnden Satz angebracht. Doch sie stockte und blickte ihrem Sohn entgegen. Hatte er das tatsächlich gesagt, oder war es nur Einbildung, Wunschdenken gewesen? Sie lauschte konzentriert und forderte ihn auf, das eben gesagte zu wiederholen. Nein, sie hatte sich nicht geirrt. Er fragte nach seinem Vater:

"M’athair soll kommen! Bitte."
I'd give it all for a heart
if I was a King I would give away my kingdom
Treasures and crowns wouldn't mean a thing
If I only had a heart


Sonata Arctica - Kingdom for a Heart

~*~

Er kniete vor den in den Sandstein geritzten Rabenschwingen, das Haupt ehrfürchtig gesenkt, während er den rechten Arm entblösste. Es war eine Zeremonie, zuerst den Arm zu entblößen, dann einige Momente auf die blauen Narben zu starren, dann den Dolch anzusetzen und eine weitere dem Gespinst aus Schnitten hinzuzufügen. Danach würde er eine Dolchspitze des Pulvers in die Wunde bringen, und ein weiterer halber Tag war gesichert...
Doch es sollte anders kommen. Den entblößten Arm anstarrend lauschte Kyron ausdruckslos den schweren, metallisch klingenden Stiefelschritten, und allein das machte ihm mit einem harten Krampf in der Magengegend bewusst, dass dies nicht der Herr Weidgänger sein konnte.
Der Dolch glitt durch das warme Fleisch. Kalte, klare Stimmen hallten durch die Pyramide, bereits zu weit fortgeschritten um sich unter Drogen zu setzen und das Pferd zu erreichen.
Blaues Pulver rieselte in die frische Wunde. "Schau an" tönte eine entfernt bekannte Stimme hinter ihm, eine Stimme mit der er kaum etwas anderes als den verhassten Kult verbinden konnte.
Der Dolch fiel klirrend zu Boden. Die Schritte näherten sich rasch, eine Klinge scharrte nervenzerreissend, als sie aus der Scheide gerissen wurde.
Kyron erhob sich, den Langdolch ziehend, doch nun stellte es sich als Fehler heraus, dass er nur Leder trug. Die zwei finsteren Gestalten schienen äusserst zufrieden mit ihrem Fund, und nach einigen Augenblicken formten sich die Konturen von Bernados und - was wesentlich beunruhigender war - Dorkalon aus den Schatten des Gebäudes.


Es musste der Blutverlust sein, der die Welt um ihn herum verschwimmen ließ. Solange er auf dem Rücken lag und sich nicht regte, blieb es bei einem Gefühl des Schwimmens und Schwankens, nicht unähnlich der grausigen Schiffsfahrt die er vor einiger Zeit erst leidvoll hinter sich gebracht hatte. Sobald er sich jedoch bewegte, kehrte das Gefühl der scharfen Klinge in seinem Bauch zurück, verdreifacht, scharf und schneidend, genug um ihm Übelkeit zu bescheren. Nicht dass er an dieser Verletzung nicht selbst schuld war, immerhin konnte er sich düster daran erinnern, sich praktisch selbst darauf aufgespießt zu haben nur um die Hände an Justan zu bekommen, aber das machte den Schmerz nicht weniger markdurchdringend.
Also lag er still, wie die völlig verschlafene Heilerin es ihm empfohlen hatte. Sie hatte ihr Möglichstes in der Finsternis getan, sicher gestellt dass er nicht über Nacht verrecken würde, und davon gesprochen am nächsten Tag zu besserer Beleuchtung wieder zu kehren. Da sie an seiner Wunde geschnuppert und dann festgestellt hatte, dass es weder sauer roch, noch den Gestank von Fäkalien verbreitete, vertraute er auf ihr Wort und lag still da. Nur Schlaf, der wollte nicht kommen.
Immer wenn er die Augen schloss, eroberten die Bilder seiner Vergangenheit seinen Verstand, ließen ihn sich winden und hochschrecken, brachten seine Wunde zum Bluten und ihn um die Nachtruhe.

Er hatte sich nicht ergeben können. Dorkalon hatte ihm die Wahl gelassen, aber niemals hätte Kyron sein Wort gegenüber Cahira gebrochen. Niemals hätte er es gewagt, sich schlicht zu ergeben, und so musste er die Hiebe der Klinge, den brutalen Schlag gegen sein Kinn, denn Tritt mit dem Abgewinkelten Knie in seinen Magen hinnehmen, den Schlag mit dem Panzerhandschuh in sein Gesicht erdulden. Ein vergleichsweise billiger Preis, bedachte man wem er gegenüberstand.
Er wachte erst wieder auf als er hart auf einen dreckigen Steinquaderboden prallte, das Quietschen einer Gittertüre hinter sich hörte, als er zarte Finger spürte, die ihm das Haar aus dem Gesicht strichen...
Bernados war gegangen, Cahira hatte sich halbwegs beruhigt, doch hielt Kyron sie weiterhin an sich gedrückt, bot ihr Halt und Schutz, sprach beruhigend auf sie ein. Als erneut Schritte erklangen in den Wänden des Kultsitzes, tat Kyron etwas das er bereits einmal getan hatte, damals für Isabelle, nun für Cahira... er baute sich vor dem Gitter der Zelle auf, versperrte die Sicht, versuchte die Aufmerksamkeit seines Peinigers vollends auf sich zu richten.
Dorkalon.
Natürlich klappte es bei diesem einen Kultisten nicht, zu gut kannte er Kyron, zu tief schien der Hass und der Zorn zu sitzen. Als der Todesfürst die Zelle aufschloss, trat Kyron zurück, brachte Distanz zwischen sich und den Mann, den er ohne Sandast wohl gefürchtet hätte wie einen Gott, hob schützend die Arme. „Töte mich endlich und laß' sie frei!“ forderte er kalt, worauf Dorkalon nur leise lachte und erwiderte: „Dich töten? Das wäre zu einfach. Ihr werdet mir beide dienen. Sie wird deinen Platz einnehmen und sie wird gewiss folgsamer sein als du es gewesen bist!“ Die Situation eskalierte. Sie rangen miteinander und Dorkalons Hände schlossen sich um Kyrons Kehle, während Cahira sich entlang der Zellenwand schob, dem widerwärtigen Knochenhaufen entgegen, aus dem sie mit glücklichem Händchen blindlings einen recht kräftigen Oberarmknochen herausfischte. Der Schlag sauste haarscharf an Tarols Kopf vorbei, da dieser im letzten Moment auf einen warnenden Zuruf der namenlosen Zuschauerin hin wegzuckte. Der morsche Knochen zerschellte an der gerüsteten Schulter des Kultisten, der sich wutentbrannt umwandte und von Kyron abließ, der mittlerweile nach Luft ringend auf dem Boden kniete.
Ein Schlag, der nicht auf Verletzung oder große Schmerzen, sondern nur auf die reine züchtigende Maßregelung ihres Verhaltens abzielte, landete in ihrem Gesicht. Dann schloß er die Zelle wieder auf, ignorierte Cahiras verzweifeltes, plötzliches Flehen, das sie alles machen würden, wenn er nur Kyron gehen lassen würde, mit dem endgültigen Worten: „Ihr werdet mir beide dienen.“ und ging, im Schlepptau die eifrige Zuschauerin.


Mit träger Erschöpfung blinzelte Kyron die feucht-moosige Kerkerdecke an. Der Kreislauf hatte sich einmal mehr geschlossen, und einmal mehr war er erfolgreich gewesen, zumindest zum Teil. Er hatte sich vor Kordian gestellt als dieser unfähig zur Gegenwehr gewesen war, wie er sich vor Cahira gestellt hatte, wie er sich vor seinen Sohn stellen würde, vor Cois, vor Freya,... Es war kein Todeswunsch, der ihn trieb, das nicht. Es war der Schwur, der Kodex dem er folgte, und die Gewissheit, dass jeder Mensch auf dieser Welt mehr zu verlieren hatte als er.
Sein Wort war ungebrochen, aufrecht, ohne Makel, und das war es, was die Götter auf seiner Seite beließ. Die Seele hatte er schon lange verspielt, Stolz hatte er niemals besessen, und Ehre war eine Sache der Taten, keine Sache der Worte. Wenn er dereinst vor seinen Richter trat, ob dies nun der Dämon des Kultes sein würde, dem er vor so vielen Jahren zum Opfer gefallen war, oder aber die Götter Arkadiens, würde er dies erhobenen Hauptes tun können. Es ging nie um die Ergebnisse, nicht wenn es um den Wert eines Lebewesens ging, sondern stets nur um den Weg, und wie dieser beschritten wurde.

Ein dumpfes Auflachen drang aus seiner ausgedörrten Kehle, mehr ein Husten als ein wahrer Freudenlaut. Wenn er daran dachte, wie die Erzpriesterin und der Legionär vor Mithras am Tage ihres Todes gerichtet werden würden, empfand er beinahe Mitleid mit ihnen. Oder hätte es empfunden, wäre diese Empfindung noch Teil seines Wesens.
Was mochte Mithras wohl mit jenen machen, die das Ziel über den Weg stellten, die logen und betrogen und dies in seinem Namen, auf ihren Gott einen Eid schworen die Wahrheit zu sagen, und diesen im selben Moment durch den Dreck zogen, völlig wertlos machten? Verhielt sich Mithras wie die alten Götter? Richtete er auch jene, die tatenlos zugesehen und es geschehen hatten lassen nach dem selben Urteil? Um den Novizen, Viktor, war es schade, soviel musste selbst Kyron zugeben. Er würde früher oder später selbst eine schwarze Seele haben, wenn Justan lange genug an ihm abrieb, und dann würde es auch für ihn keine Rettung geben.
Andererseits, wenn er Justan schnell genug tötete, bevor dieser seine Drohung wahr machen konnte...

Er warf sich in die Fesseln, brüllte und schrie, flehte sie an sie möge den Worten der Kultisten keinen Glauben schenken, bis er schliesslich geknebelt wurde. Der Schmerz des Entzuges und der Schmerz der Verletzungen übermannten ihn, und schliesslich hing er schlaff in seinen Fesseln, wie gebannt auf Cahira's zögerliche, brüchige Stimme hörend, die die Eidworte des Nekromanten nachsprach.
In diesem Moment wusste er, er würde sie töten. Er musste sie einfach töten, wenn sie dem Kult anheim fiel, ihrer Seele zuliebe. Einer Seele, die mit den letzten Worten dreckbefleckt und verschmutzt sein würde wie seine eigene... wie seine eigene Seele es schon immer gewesen war.
Schöne, träumerische Illusionen zerbrachen.
...Und bauten sich neu auf, konnten nicht einmal von den Schmerzen der flackernden dunklen Magie durchbrochen werden, die ihn einhüllte als Cahira in ungeahnt wütendem Ausmaß begann den Kult zu verfluchen und zu beschimpfen, zu bespucken.
Er konnte nicht anders, er musste einfach lachen, lachen vor Erleichterung, vor Triumph, vor Glück und Ehrfurcht vor Cahira's Stärke... Dorkalon's Schwäche.
Sein schallendes, wirres Lachen begleitete die Kultisten hinaus, als sie sich für einen Angriff auf die SSI rüsteten, und nur der Dolch, den Arzel ihm in den Oberschenkel gerammt und dort stecken gelassen hatte und Isabelle, die schweigend vor der Zelle stand, blieben zurück.

"Du hast die Wahl, Köter... Entweder du sorgst dich um dein eigenes Seelenheil, darum ob DU in die Sphären der lichten Götter eintreten kannst um dort glücklich zu sein, oder du sorgst dich um deine Lieben, um deren Seelenheil. Ist dir dein Glück wert, Cahira im Kult zu sehen? Ist es dir das wert? Du hast die Stärke den Kult zu überleben, aber hat Cahira sie? Nein. Sie würde keine zehn Schritt überleben würde man ihr das Mal setzen. Wähle nun, Köter. Wählst du dein Wohl? Oder wählst du das Wohl der Unschuldigen?"


Der Kreislauf wiederholte sich, und er war die Achse. Mit einer schlaffen Hand strich Kyron über den strammen Verband um den Bauchstich, presste die Finger gegen die Wunde bis der Schmerz ihm durch alle Glieder fuhr, und schloss die Augen. Wenn er starb, war es kein großer Verlust für die Welt, aber es würde Cahira schmerzen, und vielleicht auch seinen Sohn. Kordian, die SSI, sie würden darüber hinwegkommen mit der Stoik die nur Krieger empfanden, und sie würden weiterkämpfen.
Wenn aber jemand Hand an seine Frau, sein Kind legte, oder auch nur die Gefahr bestand dass es passieren könnte, hörte die Welt auf zu existieren. Es gab keinen anderen Weg, nur den Einen auf dem die Gefahr vernichtet wurde, oder er selbst starb. Kyron hatte zu oft an einem Bindfaden über dem Abyss gehangen, um diese Gefahr noch einmal hinzunehmen. Justan hatte ihm keinen anderen Weg gelassen, nur den einen, der durch einen Fluss aus seinem Blut verlief, keinen Pass, keine Brücke die Kyron zum Ausweichen nehmen hätte können, nur diesen einen Weg, schnurgerade ins Gemetzel.
"Ich glaube ich muss beizeiten Euer Weib und Euren Sohn aufsuchen... damit diese sich keine Sorgen machen."

Kyron schloss die Augen und ließ die Hand wieder zur Seite sacken. Er würde nicht mehr schlafen können, bis die Gefahr für seine Familie gebannt war. Die Würfel waren gefallen.
Justan musste sterben.
Früher an jenem Tag war sie noch ganz besorgte Mutter gewesen. Lionel hatte auf ihrem Pferd gesessen und vor Freude gejuchzt, während sie eigentlich nur daran denken konnte, wie der Kleine kopfüber auf den Boden stürzen würde. Er sah tatsächlich so winzig auf dem gewaltigen Tier aus, dass ihr ganz das Herz überlaufen wollte. Aber diese Aktivität hatte dafür gesorgt, dass ihr Sohn an diesem Abend friedlich und mit einem Lächeln auf den Lippen einschlief.

Da es noch recht früh war und sie sonst niemanden in der Wachstube oder Baracke entdecken konnte, entschied sie, in Löwenstein ein paar Sachen für die Truppenkasse zu verkaufen und gleich mal in diesem Labyrinth von Stadt das Allerlei ausfindig zu machen - sie hatte wenig Lust, zu spät zu ihrem Termin zu kommen, nur weil sie sich in den Straßen verirrt hatte. Das sie weder Kyron noch Kordian einen geschlagenen Tageslauf gesehen hatte, machte ihr eigentlich wenig Sorgen. Sie alle hatten ihre Dienstpläne, verschiedenartigsten Verpflichtungen; ihr Leben brachte es nun mal mit sich, nicht jeden Abend gemeinsam am Kamin die Fuße hochlegen zu können.

Sie genoß die frische Abendbrise, während sie neben ihrem beladenen Gaul die ausgetretene Straße entlang trottete, und gelangte ohne Zwischenfälle nach Löwenstein. Ihre Verkäufe erledigte sie rasch und machte auf dem Marktplatz eine kurze Rast, die vorbeieilenden Passanten beobachtend, während sie ihren aufkommenden Hunger an ein paar Nüssen stillte.

Gerade als sie ihr Tier wieder aus dem Stall führte, um das besagte Geschäft zu suchen, erkannte sie Arthar die Straße vorüber laufen und sie stockte. Der Hauptmann winkte sie heran und informierte sie ohne Umschweife, dass Kordian und Kyron im Heilerhaus wären.

Später an jenem Abend versuchte sie Scherben zu einem Ganzen zusammen zu setzen, was ihr nur mühselig gelingen wollte. Kordian war nicht der, den sie kannte. Oder vielleicht, wie Cois es später ausdrückte, haben sie ihn nie gänzlich gekannt? Aber dieser Mann redete wirres Zeug, hatte einen wahnhaften Glanz in den Augen und wollte das Heilerhaus, die Stadt, eigentlich nur verlassen. Nein, er musste die Stadt sogar verlassen. Selbst Arthar hatte sie aus dem Zimmer lotsen müssen. Hätte sie es nicht getan, wer weiß, was dann geschehen wäre.

Und Kyron .. diese lallende Stimme, das zuckende Lächeln. Wie in seinen “besten” Tagen, wenn er zu viel getrunken oder sich sonst welche Substanzen zugeführt hatte. Wie sehr sie diesen Zustand hasste. Aber gleichzeitig musste sie sich widerwillige Bewunderung abringen, denn niemand war so klar bei Verstand wenn er vollkommen benebelt war wie ihr Ehemann. Beide waren verletzt, Kyron mit dieser Bauchwunde noch schlimmer als Kordian. Und warum das alles? Weil sie Inverick gesucht hatten und angegriffen worden waren. Weil sie sich verteidigt hatten. Weil Schuhmann Lionel und ihr gedroht hatte.

Sollte sie sich dermaßen in ihm getäuscht haben? Er war ihr gegenüber immer als freundlicher Ehrenmann aufgetreten und sie hatte kein Anzeichen von Lug oder Betrug deuten können. Aber weder der Leutnant noch der Korporal waren Männer, die sich solch eine Geschichte ausdenken würden, vor allem zu welchem Zweck? An jenem Abend jedenfalls würde sie nichts weiter heraus bekommen; Kordian war zu sehr seinem Wahn verfallen und Kyron seinen Drogen, außdem brauchte Letzterer dringend Ruhe. Nachdem sie Kordian aus der Stadt gelotst und er niemanden umgebracht hatte, wie er Kyron versprochen hatte, und den Göttern seis gedankt auf Anouk gestoßen waren - sie hatte schon leise Gewissensbisse den nicht mehr zurechnungsfähigen Leutnant einfach an die Jägerin abzuschieben; aber er schien tatsächlich ruhiger, gefasster in ihrer Gegenwart - kehrte sie nach Löwenstein in das Heilerhaus zurück. Sie war müde, vollkommen verwirrt, hatte Hunger.

Ihr Ehemann war eingeschlafen, zum Glück. Seelig schnarchend lag er auf seiner Pritsche und sah, vielleicht dank der entspannenden Substanzen, einmal mehr aus wie der junge Mann, der er eigentlich war. Vorsichtig zog sie eine Decke über seinen geschundenen Körper. Eigentlich bot das Nachtlager Platz genug für Zwei und Cahira hätte nichts lieber getan, als sich an den Rücken ihres Ehemannes zu schmiegen und zu vergessen, was für ein Chaos wieder einmal um sie herum ausgebrochen war. Aber sein Zustand verbot es ihr und so schob sie den Hocker beiseite, knüllte ihren rasch über den Kopf gezogenen Wappenrock zu eine Art Kissen zusammen, ihre Waffenkoppel griffbereit, und legte sich neben das Bett auf den Boden. Sie hatte schon schlechter geschlafen, im Sumpf, in irgendwelchen Kerkerzellen, auf matschigem Zeltboden; hier war es wenigstens warm und trocken. Und während sie in den Schlaf dämmerte, dachte sie noch so ganz bei sich: Oi, und ich habe Helva gesagt, ich würde bald wieder da sein.
Die Träume hielten ihn wach. Es waren nur selten zusammenhängende Sequenzen, die sich den Weg aus seiner Erinnerung bohrten, zumeist waren es Bilder, Gesichter, kleine Ausschnitte von Landschaften, ein Wort, ein Lachen, eine Geste, die er sah obschon niemand außer ihm im Raum war. Sie waren ihm in den letzten Jahren treue Begleiter geworden, diese Erinnerungen. Kyron nannte sie "die Schatten", denn wie Schatten schlichen sie hinter ihm her, tagein, tagaus.
Früher hatte er versucht sie mit Alkohol, Rauschgiften, wilden Schlägereien zu vertreiben, sich derart um Kopf und Kragen gebracht dass er am Ende im Kerker geendet war, aber die Jahre der Haft hatten ihn gelehrt dass nichts davon Wirkung zeigte.
Alkohol? Nein. Alkohol raubte ihm nur die Kontrolle darüber, wie er auf diese Phasen des Traumwandelns reagierte, nahm ihm die Beherrschung und führte zu unschönen Szenen.
Stechapfel sorgte dafür, dass die Erinnerungen zu Schreckgespenstern wurden, die ihn in ein sabberndes, zitterndes Häufchen Elend verwandelten, das sich nicht mehr aus seiner Ecke wagte. Dieses Teufelszeug hatte er nach dem ersten Versuch bereits weit, weit fort verbannt aus seinen kleinen Exkursen.
Fliegenpilz und Pantherpilz ließen ihn an einzelnen Sequenzen hängen bleiben wie ein Säufer am Bier, mit der überaus unangenehmen Zugabe, dass er sich zugleich nicht regen konnte. In Kombination mit Alkohol verbesserte sich die Angelegenheit und zerfaserte alle Gedanken zu einem aussagelosen Einheitsbrei, aber nachdem er einmal beinahe gestorben war erschien ihm die Sache das Ergebnis nicht wert.
Und Mohnsaft? Laudanum... Es nahm den Schatten ihren Schrecken. Mit Laudanum im Magen konnte er zwischen ihnen hindurch wandeln wie ein Heiliger durch die Heiden, unberührt und unbeeindruckt, dafür übernahmen sie alles, erfüllten die Umgebung so vollständig, dass er mit einer entsprechenden Dosis des Rauschgifts nicht mehr wusste wo er war, wann er war, und wer die Menschen um ihn herum waren.
Es hatte ihn Jahre gekostet, alle Reaktionen auf die Visionen zu unterdrücken, zu akzeptieren dass sie nicht mehr als Schall und Rauch waren, und die Finger von all den Giften zu lassen hatte dabei eindeutig ihren Beitrag geleistet.

Nun aber, wo er schlimm genug verletzt war um selbst eine Heilerin davon zu überzeugen, dass dem Süchtigen Laudanum zu geben eine gute Idee war, da blieb auch ihm keine andere Wahl. Nicht dass er anders gewählt hätte, die Worte Eirenes gaben ihm nur die perfekte Ausrede, sich an das Gebräu zu klammern wie ein Kälbchen an die mütterliche Zitze, und verdammt seien die Schatten!
Und nun lag er da, derart betäubt und jenseits von gut und böse, dass nicht einmal die Erinnerungen ihn mehr aufschrecken konnten.
Angst jedoch hatte keinen Einfluss auf ihr Erscheinen.

*~~~*
"GOTTVERDAMMT! LAUF, LOS!"
Tatsächlich zeigte der schockartige, herrische Ausruf Wirkung. Noch während Cahira losstürmte, den wandelnden, grausigen Leichnam namens Arzel regelrecht über den Haufen rannte, hallten Alarmrufe über das Kultgelände. Natürlich, wozu hatten sie Wachen... Es erschien wie ein Traum, als er die aufgeregten, erzürnten Stimmen hörte, fühlte wie Arzel ihn zu packen versuchte, und er reagierte instinktiv, mit letzter Kraft. Es knirschte ekelerregend, als er dem Untoten den Arm verdrehte bis er brach. Er hätte noch weiter gedreht, weiter gehebelt, immerhin hatte er Arzel versprochen ihn in Fetzen zu reissen sobald er frei kam, doch im nächsten Moment blitzte es rot in seinem Augenwinkel auf, und Dutzende von feingeschmiedeten Panzerplatten verschärfte Schläge prasselten auf ihn ein - er musste loslassen.
Kyron hatte beileibe schon oft Prügel bezogen, doch niemals so intensiv, genüsslich, schlichtweg gedankenlos brutal wie in diesem Moment. Nach den ersten drei oder vier Schlägen war er selbst zu schwach für Schutz oder Gegenwehr, und immer noch trat Bernados auf ihn ein. Er wusste nicht wann es ein Ende genommen hatte, aber er spürte das kalte Eisen der Kette die ihm um den Hals geschlungen wurde, spürte den reibenden Schmerz als Bernados ihn schlicht hinter sich her schliff, um ihn dann in die altbekannte Zelle zu werfen...

*~~~*

Der tropfende, knochen- und leichenbedeckte Keller verwandelte sich mit einem trägen Blinzeln zurück in das freundliche, helle, warme Heilerzimmer, und doch sprang sein Herz noch drei verwirrte Schläge hinterher bevor es wieder seinen gelassenen, gleichmütigen Rythmus fand.
Wie lange war er nun schon hier, gefesselt vom stetigen, nimmerendenden Zugang zum Gift? Einen Tag? Keinen Tag? Drei Tage? Düster erinnerte er sich an Cahiras Worte in seiner letzten Wachphase, als sie ihm eindringlich mitgeteilt hatte dass sie gehen müssten, bald, heim, zurück in die Sicherheit Zweitürmens. Wie lange war dieses Gespräch her?
Träge hob Kyron den Kopf und sah sich um. Die Kerzen waren nicht mehr frisch, und Cahira war nicht zu sehen, es musste also eine Weile her sein. Zudem war dort nur Finsternis hinter den Fenstern des Heilerhauses zu entdecken. Vielleicht war Cahira schon gegangen, hatte ihn hier zurück gelassen, in der Erwartung er würde nachkommen?
Es war ein irrwitziger Gedanke den er da hatte, aber trotzdem so simpel und logisch, dass er ihn nicht anzweifelte. Mühsam und unendlich langsam erhob er sich von der Krankenliege, und wickelte sich in den Umhang, den Inara ihm vor Tagen gegeben hatte um Lionel darin einzudecken.
Die Welt um ihn flackerte zurück zum Keller. Der Geruch von verwesendem Fleisch und Blut drang ihm in die Nase, und in der Ferne konnte er das rythmische, monotone Murmeln dutzender betender Kultisten hören. Nichts als Schatten, sie können dir nichts tun. Mit einem Blinzeln ergriff Kyron die Kiste mit seinem Rüstzeug, und schleppte sie hinüber zur Treppe, die sich als gähnender Abgrund tarnte. Für einen Moment spürte er das alte Zögern, die Sorge dass das was er sah doch die Realität war, also warf er die Kiste die Treppe hinab. Es polterte und polterte, wie es bei einer Rüstung geschehen sollte, die eine Treppe hinab fiel, und der Lärm war Bestätigung genug für ihn.
Die Schrecken um sich ignorierend wanderte er die Treppe hinab und atmete erleichtert auf, als die Welt sich wieder normalisierte. Der Heilerlehrling, der wohl die Nachtwache übernommen hatte, wusste nicht so recht wie man einen ausgewachsenen Krieger aufhalten sollte, und so stand er nur Momente später auf der Straße.
Der nächste Schemen der auf ihn zukam hatte Cahiras Stimme, und mehr brauchte es nicht um ihr Gesicht zu berichtigen. Erleichtert darüber, dass sie ihn doch nicht zurück gelassen hatte, ergriff er ihren Wappenrock und folgte ihr... aber nur ein paar Schritte.

"Euer Mann... scheint etwas mitgenommen."

Der Abgrund seines Verstandes öffnete sich einmal mehr.

*~~~*
"Gut. Gut, ich gebe auf."
... "Aufgeben? Aber das tut ihr doch nicht." der Namenlose lächelte, und es wirkte aufmunternd und bestärkend. "Ihr gewinnt... ihr gewinnt eure Freiheit von den Lügen und Verspiegelungen zurück, die dieser heuchlerische lichte Gott euch vorspielte. Ihr gewinnt euren klaren Geist zurück, eure Vernunft, euer Bewusstsein. Mein allmächtiger Herr ist gut zu seinen Jüngern, er schützt und behütet sie vor dem Bösen, das dort draussen in der Welt lauert und seine Klauen in euer Fleisch schlägt. Und wenn ihr ihm die Treue schwört, wird er euch die Macht geben, eure Liebsten zu schützen." Seine Stimme klang so beruhigend, ernst und gütig, gedämpft und vertraulich.
Kyron kniete in der Ecke, an die Wand gepresst, den Blick teils gehetzt, teils verwirrt auf den Mann der vor ihm auf den Fersen saß gerichtet, den Mann der zum Nekrarchen gewählt wurde, nachdem sein Vorgänger aufgestiegen war. Einen Moment schossen verschwommene Erinnerungen an den unterirdischen Kerker in der Eiswüste durch sein Bewusstsein, damals, als die Rollen anders herum verteilt gewesen waren.
Als er ihn gefoltert hatte, den verhassten, fanatischen, eifrigen Mithrasdiener. Als er das überzeugte Böse gewesen war, das seine Klauen ins Licht geschlagen und an dessen Fleisch gerissen hatte. Er war sich sicher der Namenlose konnte sich ebenso erinnern, und einen Moment stieg Trotz in ihm auf, Trotz gegen den Mann zu verlieren.. Trotz sich schlussendlich doch zu ergeben.
"Ich will nicht als Untoter enden.." Kyrons Stimme war heiser und krächzend, nach drei Tagen in einer frostigen, nassen Zelle kein Wunder. Sein Blick huschte über den Anblick seines Gegenübers. Er wirkte ruhig, glücklich, zufrieden. Dinge die Kyron schon lange nicht mehr gekannt hatte, Zustände von denen er gar zu behaupten wagte er hatte sie nie gekannt. Beneidenswert.
"Das werdet ihr auch nicht wenn ihr meinem Meister gut dient und seinem Willen folgt. Nur wenn ihr widerstrebt und frevelt, und zuwider handelt der göttlichen Weisung." Erneut kam die Antwort prompt, selbstsicher und überzeugt. Kyron's sorgfältig gehegtem Misstrauen wurde mehr und mehr der Boden unter den Füssen weggezerrt, entsprechend beunruhigt war er.
Der Namenlose streckte die Hand aus, langsam, vorsichtig, als würde er erwarten Kyron könne ihn beissen oder anfallen. Der letzte Mann der eine solche Geste auf ihn zu gemacht hatte, hatte nur einen Augenblick später nervenzerreissende Energiestösse durch seinen Körper gesandt, die seine Muskeln zucken hatten lassen, doch dieses Mal passierte.. nichts.
"Und wenn ich ablehne... wird die Jagd jemals ein Ende haben?" Er musste diese Frage stellen, sie brannte ihm wie ein blutiger Schnitt auf der Seele.
Es schien als würde seines Häschers Gesicht einfrieren, doch nicht vor Hass, sondern um kühl und ungerührt festzustellen: "Dann wird die Jagd weitergehen, und ihr werdet eines langen, grausamen, qualvollen Todes sterben. Doch er wird erst der Anfang der Pein sein, denn eure Seele wird für den Rest der Existenz von den Folterknechten des Abyss mit Schmerz und Qual versehen werden, auf dass ihr eure Sünde büßt."

*~~~*

Schatten. Es waren nichts als Schatten.
Die Narbe an Kyrons Handfläche juckte und juckte, und kein Kratzen dieser Welt konnte es lindern. Für einen Moment glaubte er, den Odem des Todes gegen sein Genick wehen zu fühlen, aber sein Geist weigerte sich es zu akzeptieren. Zu akzeptieren, dass er eine längst vergessene Stimme hören konnte, die Dinge sagte an die er sich nicht erinnern konnte.
Nein, nein, diese Worte von dieser Stimme mussten irgendwo in seinem Verstand geboren worden sein, es gab keine andere Erklärung. Er war tot, tot wie Dorkalon, tot wie Bernados, Belshira, Arzel, Tauron,... Schatten. Sie waren alle nichts als Schatten. Eine Strafe der Götter für seine Frevel, die er wie ein Mann zu tragen hatte.
Sich an diesen Gedanken klammernd ergriff er wieder Cahiras Wappenrock, ließ sich von ihr durch die Stadt leiten, hinaus in die kühle Frühlingsnacht, ein Blinder der sein ganzes Vertrauen in jemanden legte, der behauptete sehen zu können.
Cahira hörte das leise Lied einer Amsel, während sich über dem Harpienpass das erste zögerliche Rot der aufgehenden Sonne zeigte, als sie ihr Pferd die Straße von der Wachstube hinab Richtung Baracke führte. Bald würden die umliegenden Höfe erwachen, die Bauern würde ihre Arbeit aufnehmen, gackernde Hühner füttern oder blökende Kühe melken. Bei der Koppel hinter der Baracke angekommen, nahm sie dem Tier Zaumzeug und Sattel ab, platzierte alles in dem dafür vorgesehenen Schuppen und griff nach einem Striegel, um diesen in kraftvollen Zügen über den Leib des Pferdes zu ziehen. In Zweitrümen gab es keinen Stallmeister, dem man diese Arbeit für ein paar Heller überlassen konnte; jeder Soldat, der ein eigenes Pferd besaß, hatte sich selber um dessen Wohlergehen zu kümmern.

Es tat gut, ihre Gedanken konzentriert auf dieses einzige Tun zu richten. Die Frage, die sich, seitdem sie Kyron wohlbehalten - wenn man diese Umschreibung für ihren verletzten Ehemann denn so nennen konnte; immerhin war die Wunde nicht wieder aufgeplatzt und benommen vom Laudanum war er schließlich eingeschlafen - in einem der Betten beim Heiler verlassen hatte, wie eine lästige Wespe bei einer Kuchentafel einfach nicht vertreiben lassen wollte, wenigstens für diese geraume Weile außer Acht zu lassen. Ignorierte man sie, lief man auch keine Gefahr gestochen zu werden.

Sie hatte die vergangene Nacht im Heilerhaus in Löwenstein verbracht; irgendwer hatte ihr dankeswerter Weise eine Decke über ihre Schultern gelegt, doch es änderte nichts an der Tatsache, dass der harte Boden ihren Leib versteift aufwachen ließ und sie sich mehrmals recken und strecken musste, ehe sie wenigstens wieder einigermaßen Gefühl in ihre Glieder bekam. Ihrem Ehemann ging es den Umständen entsprechend gut und er wachte nur ab und an aus seinem Dämmerschlaf auf. Ob er verstanden hatte, dass sie die Stadt verlassen mussten, sobald er aufstehen konnte, war fraglich. Fraglich war ebenso, wann dieser Zeitpunkt sein würde und wie sie ihn überhaupt den langen Weg bis in die Baronie schaffen sollte - aber darüber wollte sie sich erst Gedanken machen, wenn es wirklich soweit war.

Da sie Kyron in den fähigen Händen der Heiler wusste, kehrte sie alleine nach Zweitürmen zurück, erklärte einem höchst entrüsteten Helva, was passiert war beziehungsweise die Einzelheiten, die sie selber erfahren hatte, und gleichzeitig Grund dafür waren, dass sie nicht wie angekündigt, schnell wieder zurück gekommen war, kümmerte sich um ihren mauligen Sohn, der sich verständlicherweise verlassen gefühlt hatte von Vater, Mutter und Patenonkel - Kordian war höchstwahrscheinlich noch immer bei Anouk in der Hütte, hoffentlich in einem besseren geistigen Zustand als zuvor - und absolvierte pflichtgemäß eine Wachrunde. Dann erst kehrte sie nach Löwenstein zurück. Es dämmerte bereits und die ersten Laternen in den Straßen waren schon entzündet worden. Motten und anderes Getier umschwirrten munter die Lichtkegel, die sich wie warmes Gold auf den Asphalt ergossen.

Bei der Altstadttaverne traf sie auf Arthar und Andra, die ihr Papier und Botschaften mit auf den Weg gaben, die sie an die entsprechenden Personen weiterleiten sollte. Matt schmunzelnd dachte die junge Frau bei sich, dass sie wohl einen ausgezeichneten Laufburschen hätte abgeben können und es gelang ihr, das Geschäft mit Herrn Altwasser abzuschließen. Dass Belphain nicht nur regen Handel betrieb sondern auch Stadtwache war, erschreckte Cahira im ersten Augenblick, doch er erwähnte mit keiner Silbe die ausstehende Bestrafung ihres Ehemannes. Entweder überging er dieses Detail einfach zu Gunsten des Profits oder er hatte die entsprechende Verlautbarung nicht vor Augen oder er nahm vielleicht keine Verbindung zwischen ihnen an - einerlei, während des Gesprächs mit einem Becher Wein entspannte sie sich mehr und mehr, was auch dem gegärten Traubensaft zu Gute kam, und konnte auch ausblenden, dass am Nebentisch ein Rotrock saß, der wiederum mit einem anderen Mann im Gespräch vertieft war.

Dass Herr Caetano sein Amt als Vogt der Stadt aufzugeben gedachte und Ehrwürden Schuhmann zum Führer der Sonnenlegion ernannt worden war, waren zwei überraschende Neuigkeiten an diesem Abend. Die erste erregte bei ihr milde Neugier, weniger verwundertes Unverständnis als bei den anderen späten Gästen der Taverne, die zweite ließ ihr einen unangenehmen Schauer den Rücken hinab gleiten. Ausgerechnet Schuhmann, der Lionel und ihr gedroht und damit gezeigt hatte, das er wohl doch nicht so ein ehrenwerter Mann war, wie sie anfangs geglaubt hatte. Das konnte nichts Gutes bedeuten.

Sie war dem Heilerhaus schon zu lange fern geblieben und zügig richtete sie ihre Schritte durch die ihr bekannten Straßen. Beinahe hätte sie den Mann ignoriert, der da ebenfalls des Weges ging, ratlos mal hier mal dort hin blickend. Aber sie konnte nicht aus ihrer Haut, auch wenn sie so schnell wie möglich zu Kyron zurück wollte, wusste sie um dieses Gefühl des Verlorenseins in der unbekannten Stadt, war sie doch erst vor einigen Wochenläufen in derselben Situation gewesen. Da das Heilerhaus schon in Sichtweite war, sprach sie den Fremden an, ob sie helfen könne. Leider entpuppte sie sich als schlechte Stadtführerin; sie kannte nun zwar einige Wege, aber wenn es darum ging, gezielt nach einer Unterkunft für die Nacht Auskunft zu geben, versagte ihre Ortskenntnis. Gewiss, eine Taverne. Die, die sie kannte und aus der sie gerade gekommen war, hatte bereits ihre Pforten geschlossen. Und in der Herberge von Herrn Ceras waren schon damals alle Zimmer belegt gewesen und sie war recht unsicher, in welcher Richtung die überhaupt lag. Zum Glück kam Avinia daher und sie überließ den Fremden der Schneiderin, die sich glücklichweise weit besser auskannte als sie.

Irgendetwas an dem Mann war … eigenartig. Sie hätte es nicht ganz in Worte fassen können. Es war nicht seine Kleidung, die verständlicherweise von einer langen Reise zerknittert und mitgenommen aussah, es war auch nicht seine Sprache, denn er drückte sich höflich und gewählt, gar freundlich aus. Vielleicht war es das junge Gesicht gepaart mit diesem schlohweißen, langen Haar, welches er sich gerade im Gespräch mit Avinia über die Schulter zurückstreifte. Ganz am Rande ihrer Erinnerung löste diese Geste etwas aus. Doch ehe sie darauf kommen sollte, erscholl unglaublicher Lärm aus dem Heilerhaus, Scheppern, Krachen, ein kurzes, doch hitziges Wortgefecht, aus der sie die Stimme ihres Mannes erkannte.

Sie bog um die Ecke, um ihn in der Tür stehen zu sehen, eine Kiste vor seinen Füßen. “Kyron!”, rief sie etwas lauter als sie sollte, um dann leiser, als sie näher gekommen war anzufügen: “Du solltest dich doch noch ausruhen.” “Wir können flüchten.”, murmelte er ihr zu. Ganz recht war es ihr nicht, denn er sah immer noch sehr bleich und mitgenommen aus und hatte nur einen Umhang über seine Schultern geworfen, aber da er sich nun schon einmal bemüht hatte, aufzustehen und seine in der Truhe aufbewahrte Rüstung und Waffen mitzuschleppen, war nun wohl die Zeit des Aufbruchs gekommen. Ganz Unrecht hatte er nicht; mittlerweile war die Nacht angebrochen und die meisten braven Bürger schliefen wohl schon in ihren Betten. Die Wahrscheinlichkeit auf unliebsame Bekannte zu treffen war gering und im Schutz der Dunkelheit konnten sie wohl allzu neugierigen Blicken einer Stadtwache entgehen.

Sie hievte also die Kiste auf ihre Arme während Kyron ihren Wappenrock packte und sie zockelte los, wieder den Weg zurück, den sie gekommen war. Ihr Ehemann murmelte beständig etwas und schnappte nach seinen Schatten. Dies war etwas Neues für die junge Frau die sich nicht daran erinnern konnte, dass er in der Vergangenheit dermaßen deutliche Selbstgespräche oder verwirrende Gesten gezeigt hatte. Einerseits jedoch hatte er schon so viel Schmerz und Leid in seinem Leben erfahren, dass es eigentlich ein Wunder war, dass er noch nicht vollständig dem Wahn verfallen war, andererseits stand er unter dem Einfluß der Droge, die die Schmerzen der Bauchwunde in Zaum halten und ihn eigentlich zur Ruhe kommen lassen sollte.

Je näher sie der Straßenecke kamen, an welcher der Fremde und Avinia noch immer über einen möglichen Schlafplatz berieten, desto häufiger und hingebungsvoller kratzte sich Kyron die Innenfläche seiner Hand. Die Narbe. Irgendwann ließ er auch den Wappenrock los, nur um sich zu raufen, und der Fremde trat näher.

"Euer Mann... scheint etwas mitgenommen."
“Ach, das sieht nur so aus …”
“Aber er braucht Hilfe!”
“Die bekommt er schon von mir. Ihr lasst Frau Avinia warten, ist das nicht unhöflich?”
“Wie ihr wünscht … Cahira …”

Während dieses Wortwechsels war ihr immer mulmiger zumute geworden und sie hatte das inbrünstige Bedürfnis, Kyron von diesem Mann fernzuhalten und ihn so schnell wie möglich in Sicherheit zu bringen. Bloß weg von hier, weg von diesem Mann, weg aus der Stadt. Zum Glück wandte der Fremde sich tatsächlich der wartenden Schneiderin zu, Kyron packte wieder ihren Wappenrock und sie lief los. Langsam genug, dass Kyron folgen konnte, schnell genug, um so rasch wie möglich Abstand zwischen sich und dem Fremden zu bringen. Erst am Stall am Stadtrand gestattete sie ihnen beiden eine Pause. Ihre Arme taten von der Last der Kiste weh, ihr Atem ging ruckartig und sie spähte zurück, als fürchte sie, verfolgt zu werden. Eine prickelnde Gänsehaut hatte sich entlang ihrer Wirbesäule manifestiert.

“Was ist denn los?”, murmelte Kyron, der nun zwar etwas klarer schien aber dem diese Hetze durch die Straßen der Stadt nicht gut bekommen war. Er tat ihr so leid, aber es musste sein! Und sie hatten noch einen geraumen Teil des Weges erst vor sich, den er aber auf dem Rücken ihres Pferdes hinter sich bringen konnte und auch die Kiste ließ sich hinten am Sattel befestigen, so dass sie dann hoffentlich schneller voran kommen konnten.
“Ich habe Angst, Kyron.”, gestand sie ihm. Tatsächlich hatte sie das ungute Gefühl schon längst als blanke Furcht indentifzieren können, nur nicht, was oder wer genau solche Beklemmungsgefühle in ihr ausgelöst haben mag. War es tatsächlich der Fremde gewesen? Waren es einfach nur ihre überspannten Nerven und die späte Stunde? War es Kyrons ihr fremd scheinendes Verhalten, sein Herumgefummel an der Narbe, Zeugnis einer Vergangenheit, die sie lieber vergessen wollte? Oder die Sorge, dass ihr Mann die Strecke nicht ohne weiteren Schaden davonzutragen, hinter sich bringen könnte? Die Angst, entdeckt zu werden, von der Stadtwache oder der Sonnenlegion? Vielleicht alles zusammen. Sie konnte erst aufatmen, als sie die Grenzen der Baronie überschritten. Niemand hatte sie aufgehalten oder verfolgt.

Nachdem sie ihr Pferd versorgt und es in die Koppel entlassen hatte, kehrte jedoch auch die lästige Frage zurück und trieb ihren Stachel in ihren übernächtigten Geist.

Woher hatte der Fremde meinen Namen gekannt?
So lange schon war es hergewesen... Und einiges hatte sich seitdem verändert, fürwahr, beinahe hätte er Cahira nicht wiedererkannt. Doch Kyron... war etwas anderes - ihm war sein Schicksal auf die Seele geschrieben und keinerlei Anstrengung, ja nichteinmal die Zeit konnte diese Zeichnung verwischen. Ja, Kyron hatte er sofort erkannt, auch wenn diese ihn nicht wahrzunehmen schien. Auch Cahira schien ihn umgekehrt nicht mehr zu erkennen, aber gut, schließlich hatte sich seine Erscheinung in den letzten Jahren etwas verändert... Und niemand würde wohl vermuten, dass er den Toten entkommen wäre.

Solle es also nur so bleiben. - Einstweilen.
Der Tag ging den Bach runter als der Hund starb.

Sie hatte die Bedrohung, welche am Ausgang der Mine lauerte, unterschätzt, als sie durch die dunklen Gänge auf dem Weg zu Anouks Hütte war, in der Hoffnung, Kordian dort anzutreffen, um ihn den Hund zu überlassen. Es war schwer genug gewesen, Lionel von diesem gewaltigen Rüden lozueisen - und das ging nur mit Versprechungen, dass sie alsbald zu Inara gehen würden, um einen eigenen Welpen auszusuchen.

Doch diesmal war der Leutnant, der ein wachendes Auge auf seinen Soldaten gehabt hatte, nicht dabei und allzurasch sah sich Cahira in einen Todeskampf verstrickt, der nicht zu ihren Gunsten ausgefallen wäre, wäre da nicht der Wolfshund gewesen, der sich mit spitzen Zähnen auf den Gegner geworfen und diesen, wenigstens für einige Schrecksekunden, niedergerungen hätte. Genügend Zeit für die junge Frau, sich aus dem Staub zu machen, ehe ein zweiter Angreifer kam, der dem treuen Tier ohne zu Zögern seine Klinge in den Hals rammte. Das jämmerliche Jaulen klang an den Bergwänden wider und verfolgte Cahira, bis sie draußen am Mithrastempel Atem schöpfen konnte.

Dieser von ihr verschuldete Tod kam ihr so nutzlos vor und machte sie so wütend - vor allem auf sich selber - dass sie das Gefühl hatte, sie müsse irgendetwas erschlagen, sonst würde sie platzen. Also stapfte sie kopflos in den Sumpf und hieb dort auf alles ein, was ihr in den Weg kam. Früher hatte sie Drachen getötet und nun musste ein Hund sie retten - wie tief war sie nur gesunken?

Immerhin gaben die Kröten und Echsen einiges an brauchbares Material ab, welches sie in Löwenstein verkaufen konnte. Doch ihre Laune bessert sich nicht unbedingt, als sie die wenigen Heller sah, die die Händler der Stadt ihr für die Beute zahlen wollten. “Was, nur 4 Heller für dieses Krötenbein? Ihr wisst ja gar nicht, was das für Arbeit war, es zu beschaffen!” Aber immer war es die selbe Antwort: Sie könne es verkaufen oder lassen, immerhin gäbe es genügend Krieger, die tagein tagein ihre Jagdtrophäen loswerden wollen; sie war nur eine von vielen.

Während sie sich noch das Hirn zermaterte, wie sie den Verlust des Hundes einerseits Kordian aber vor allem Lionel erklären sollte, und die kargen Münzen aus dem Verkauf brummend in ihr Bankfach lagerte - selber nach Moor stinkend, eine Schramme im Gesicht und das Haar wirr aus dem Kopftuch lugend - da sprach ein Mann sie an.

Er war neu in der Stadt und fragte, wo man ein paar Schilling als Heiler verdienen könne. Eigentlich hätte sie misstrauischer, hellhöriger sein müssen, gerade in Anbetracht der jüngsten Ereignisse des Nachts mit fremden, unheimlichen Männern und ihrer Erfahrung mit Heilkundigen - immerhin hat sich ihr Verlobter auf Svesur als verlogener Hexer entpuppt - aber sie hatte keine Nerven mehr für die feinen Zwischentöne, die ihr zugespielt wurden: Ein Heiler mit dem Schwerpunkt auf der Verwirrung des Geistes, die Erwähnung ihres kleinen Sohnes, obwohl sie mit keinem Wort sein Alter genannt hatte …

Sirran, wie er sich vorstellte, war freundlich, wusste sich auszudrücken und erzählte von seiner Begabung mit so viel Leidenschaft, dass es ihr schwer fiel, sich dem zu entziehen. Es ging ihm darum, durch Gespräche die wirkliche Ursache einer Krankheit zu ergründen und so den Patienten zu heilen, anstatt nur an den Symptomen herumzuwerkeln. Alles klang so logisch, einfach und ohne Hintergedanken. Was konnte an einem vernünftigen Gespräch schon schlecht sein? Schlußendlich sagte sie zu, dass er auch sie analysieren durfte für ein paar Schilling, damit er sich eine Unterkunft für die Nacht und etwas zu Essen leisten konnte.

Ganz wohl war ihr bei der Sache nicht. Das überhebliche Lächeln, welches wohl so mancher bei Wahrsagern, die er ohnehin nicht für voll nahm, zur Schau getragen und auch sie nun im Mundwinkel spielen hatte, verschwand mit seinen Worten allmählich. Er gab eine höchst präzise Diagnose ihres Inneres ab - ihre ständigen Sorgen, die sie aufzufressen drohten und weswegen sie immer an irgendetwas herumnesteln musste, sei’ es ihr Wappenrock oder das Haar; ihr eigentlich freundliches Wesen, trotzdem sie Fremden immer mit einer gewissen Scheu begegnete - kurzum, er blickte in ihre Seele und prophezeite ihr, dass dieses Geschwür, welches sie da mit sich herumtrug, sie über kurz oder lang aufzufressen drohte.

Erst nach einer Weile kam sie wieder zu Worten; er ließ ihr die Zeit, ohne aufdringlich auf sie einzudringen. “Ihr habt Recht, mit allem, was ihr gesagt habt.” gab sie leise zu. Sie deutete ihre bewegte Vergangenheit an und das gerade vor ein paar Tagen sie das Gefühl übermächtigt hatte, dass die Ereignisse von damals sie wieder einholen würden. Normalerweise hatte sie sich recht gut im Griff, aber seit jener Nacht quälten sie die altbekannten Alpträume, die sie schon seit Jahren nicht mehr heimgesucht hatten … Und ihren Ehemann hätte es noch schlimmer getroffen, er hätte noch viel mehr Leid erfahren als sie. Für sie. “Ich kann euch beiden helfen!” Es klang zu schön um wahr zu sein. Doch die junge Frau hegte keinen Arg und stimmte einem weiteren Treffen mit Sirran zu.

Es war schon spät und der Heiler bat sich an, sie noch ein Stück Richtung Zweitürmen zu begleiten. Gerade sprach er noch davon, dass alles, was er tun würde, nur dazu dienen würde, dem Paar zu helfen, da verharrte er plötzlich im Halbdunkel einer Laterne. Mit einem Male hörte sich seine Stimme so anders an, seine Gestalt begann zu flackern. “Was immer ihr da tut, hört sofort auf damit!” flehte Cahira. Der freundliche, braunhaarige Mann löste sich auf, verwandelte sich in einen Dämon. Wieder krochen die kalten Finger der Panik ihr Rückgrat empor, griffen nach ihrem Verstand und löschten jeden vernünftigen Gedanken aus ihrem Hirn. Sie kannte diese Stimme, die erst als hohles Echo Sirrans Stimme mitschwang, erkannte die Gestalt, die nun auf sie zutrat.

Anders als Dorkalon, Kyrons Vater, ihr Schwiegervater, der mit seiner gesamten Gestalt brachiale Gewalt ausdrückte und darin vielleicht Kordian nicht unnählich gewesen war, war jener Mann eher der Marionettenspieler im Hintergrund gewesen. Er hatte sich ihr nur ein paar Mal gezeigt, doch es hatte gereicht, um ihr deutlich zu machen, welche Macht er besaß. Ein junges, ansehnliches Gesicht, umrahmt von schlohweißem Haar, wusste er mit Worten zu betören, zu überzeugen, zu zerstören. Jede Silbe träufelte Gift in die Ohren ihrer Zuhörer. Selbst ihr Ehemann sprach diesen verfluchten Namen, wenn überhaupt, nur flüsternderweise aus: Kyrthon Dureth.

Obwohl sie ansonsten erstarrt war wie das Kaninchen vor der Schlange presste sie die Hände an ihre Ohren. Sie durfte seiner Silberzunge nicht zuhören, durfte sich von seinen Worten nicht becirzen lassen. In einem beständigen Mantra murmelte sie vor sich her: “... tot … tot .. sie sind alle tot .. er kann es nicht sein, darf es nicht sein … sie sind alle tot …” Ganz gewiss sah sie tatsächlich wie eine arme Irre aus, wie es Kyrthon nun einem aufmerkenden Passanten einzureden versuchte. Der Mann ging schließlich weiter seiner Wege, auch er ein Opfer der Überzeugungskunst des verfluchten Feindes.

Kyrthons Stimme war in ihrem Kopf. Die zugehaltenen Ohren und das Gemurmel hatten nichts gebracht. Sie befahl ihr, ihn anzusehen. Ohne Gegenwehr hob sie ihren Blick. “Ich hasse Euch.” schleuderte sie ihm entgegen, doch ohne wirklich Eindruck zu hinterlassen verklang diese Bekundung ihrer Gefühle für diesen Mann. “Aber, meine liebe Cahira. Ich will euch doch nur helfen. Du und Kyron, ihr seid gute Leute. Ihr habt es nicht verdient, so zu leiden! Selbst Lionel ...” Er wurde nicht müde zu betonen, welch’ hilfreichen Geist er doch hatte und es eigentlich nur gut mit ihnen meinen würde. Als er sie genug mit seinen Worten geqäult hatte, da entließ er sie mit einem “Wir sehen uns in Hirschenheim!” Sie hatte ihm verraten, dass sie dort ein Zimmer bewohnten. Wie dumm.

Cahira stolperte die ersten Schritte noch rückwärst, dann drehte sie um und rannte, als ob die Einundzwanzig persönlich hinter ihr her wären. Sie hatte nur einen klaren Gedanken: Sie musste Kyron und Lionel in Sicherheit bringen. Bei der Baracke angekommen - sie war schweißnass vor Anstrengung und Angst, ihre Beine versagten ihr beinahe den Dienst und ihre Lunge stieß nur noch stoßweise, ruckartigen Atem aus - sattelte sie zwei Pferde und stopfte in die Satteltaschen wahllos alles, was ihr in die Finger kam. Die wahnartige Furcht vor der auferstandenen Vergangenheit trieb sie an, obwohl sie eigentlich keuchend am Boden hätte liegen müssen.

Mit einem Male trat ein Mann heran und entsetzt schrie sie auf. Sie brauchte einige Momente, ehe sie registrierte, dass es Kordian war, der sie nun besorgt musterte und ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter legte. Nur stotternd kam die Erklärung für ihren aufgelösten Zustand über ihre Lippen. Merkwürdig, dass sie es überhaupt schaffte, irgendeine vernünftige Silbe über ihre Lippen zu bringen. Kordian wirkte eher überrascht als besorgt. “Dureth ist wieder da? Aber ihr seid nicht mehr alleine …” Mit diesen Worten zog er die junge Frau in freundschaftlicher, beruhigender Geste in seinen Arm. Es tat gut, die Härte seines Brustpanzers unter dem Wappenrock an ihrer Wange zu spüren, seinen tiefen, ebenmässigen Atemzügen zu lauschen, seinen männlichen Duft zu inhalieren.

Er sprach auf sie ein, wie er wohl auch auf ein durchgegangenes Füllen einsprechen würde. “Niemand legt Hand an Dich oder Kyron oder Lionel.” Sie beruhigte sich allmählich, doch war ihre Gestalt eben noch voller Spannung, bereit zur kopflosen Flucht, erschlaffte sie nun kraftlos. Langsam hatte der Krieger seine Umarmung gelöst. “Ich habe dich nicht verdient. Rette Kyron und Lionel, aber nicht mich. Du würdest so etwas nicht sagen, wüsstest Du, was ich Dir verheimliche.” murmelte sie schwach. Sie spürte seine beiden Händen nun auf ihren Schultern ruhen. Keine bedrohliche Geste, nur ein Zeichen, dass er da war. “Was Shae und mich angeht, müssen wir unter uns beiden ausmachen. Ich kann mich nicht erinnern, was ich ihr angetan habe, bin mir aber sicher, ihre Rache zu verdienen!” Überrascht ruckte ihre Aufmerksamkeit in sein Gesicht. Er wusste es? Er lächelte lediglich schickalsergeben.

Vor ein paar Tagen traf sie auf Kordians ehemalige Gefährtin. Eine Druidin mit den sprichwörtlichen Haaren auf den Zähnen und vor der Cahira immer großen Respekt hatte. Es war besser, sie auf seiner Seite zu wissen, als sie zum Feind zu haben. Sie war damals von einen auf den anderen Tag verschwunden und obwohl Kordian wochen- und monatelang keinen Stein auf dem anderen gelassen hatte, war sie verschwunden geblieben. Nun war sie wieder da und wollte Rache für eine Gegebenheit, die bereits viele Jahre in der Vergangenheit lag. Obwohl Cahira große Gewissensbisse gehabt hatte, stimmte sie zu, nichts gegen diese Pläne zu unternehmen, solange sie Kordian nicht ernsthaft in Gefahr bringen würden. Außerdem würde es bedeuten, dass er sich wieder an die Vergangenheit, oder wenigstens einen Teil davon, erinnern konnte.

“Wir alle versuchen unser Bestes, Cahira. Und ich möchte, dass Du Dich um Anouk kümmerst, falls Morrigú mich holen kommt.” Zuerst konnte, wollte sie ihm dieses Versprechen nicht geben. Sie hatte das Gefühl, noch nicht einmal auf sich selber aufpassen zu können, doch dann stimmte sie zu. Wie konnte sie ihrem väterlichen Freund diese Zusicherung verweigern, nach allem, was er ja für sie getan hatte und bereit war, zu tun?
“Du gehst nun zu Deinem Sohn und ruhst Dich aus. Ich werde in der Wachstube bei Kyron sein und aufpassen." “Du ... sagst ihm aber nichts? Jedenfalls nicht, bis er sich wieder erholt hat, bitte?”, merkte sie schnell auf. Sie wollte auf keinen Fall das ihr Ehemann in seinem desolaten Zustand die Schreckensnachricht der Auferstehung eines alten Alptraumes zu hören bekam. “Selbstverständlich. Nicht, wenn er nicht danach fragt.”, erwiderte der Kämpe und damit stolperte Cahira gen Hirschenheim, erklomm mühsam die Stufen und ließ sich in das Bett neben Lionel fallen, der bereits lange schlummert, und ihr plötzliches Gewicht an seiner Seite mit einem leisen Schnaufen kommentierte. Erholsamer Schlaf wollte sich keiner einstellen; sie wältzte sich hin und her mit wirren Visionen hinter ihrer Stirn.

Am nächsten Morgen brauchte es nur Lionels zaghaftes Anstupsen und sein missbilligendes “Mama, Du riechst dona!” damit sie die Augen aufriss. Er hatte recht. Da sie sich gestern nicht mehr die Mühe gemacht hatte, aus ihrem Wappenrock und der Lederkluft zu steigen, hatte sich der Gestank von Sumpf und Moor mit ihrem Schweiß und dem Geruch der Angst vermischt. Sie wusch sich, legte frisch Kleidung an und band sich das wirre Haar in einen ordentlichen Zopf. Doch auch mehrere handvoll brunnenkaltes Wasser konnten die Spuren der schlaflosen Nacht nicht beseitigen. Noch weniger die in ihrem Inneren rumorende ängstliche Unruhe. Was würde als nächstes passieren?

Als sie in den morgentlichen Sonnenschein trat, kam sie sich durchscheinend und verloren vor. Am liebsten wäre sie an diesem Morgen nicht mit Lionel zu Kyron in die Heilerstube gegangen, so wie sie es die vergangenen Tage, seitdem ihr Ehemann von Helva versorgt worden war, gehalten hatte. Sie frühstückten gemeinsam, redeten, waren einfach als Familie zusammen, bis der Heiler befinden würde, dass ihr Ehemann auch ohne sein ständig wachendes Auge zurechtkommen und endlich in sein Heim übersiedeln konnte. Denn nicht nur Kyrthon Dureth vermochte es in ihr zu lesen wie aus einem offenen Buch.
Tag des Donners, 14. Wonnemond im Jahre 1402.

Es war eine ganz einfache Liste, die mit diesen Worten beschrieben war. Es folgten Reihe um Reihe einzelner, exakter Striche; dabei waren sieben an der Zahl immer etwas enger zusammengerückt, ehe die nächste Kolummne begann. Eine ganze Seite füllten diese Linien und auch die Rückseite des Papiers war mit diesen Zeichnungen bedeckt.

… IIIIIII IIIIIII IIIIIII IIIIIII IIIIIII IIIIIII IIIIIII ...

Am Ende der Liste, die nach einer bestimmten Strichanzahl endete, standen die Worte

Freiungstag, 13. Wonnemond im Jahre 1403.


Bei ihrer ersten Begegnung hatte sie eine leise, dennoch angsterfüllende Ahnung, beim zweiten Zusammentreffen und der damit einhergehenden Gewissheit, das dieser Mann nicht tot war, verwandelte die blanke Panik die junge Frau in eine kopflos Flüchtende, die sich nur mit Mühe und Not beruhigen lassen ließ.

Als Kyrthon jedoch vor der Wachstube gestanden hatte, im Gespräch mit ihrem Ehemann vertieft, der nicht minder angespannt gewesen war, die Hand am Knauf seiner Waffe, da wollte sie sich am liebsten auf ihn stürzen und zeigen, wie gut sie mit Fäusten und Messer umzugehen wusste. Mit leiser Genugtuung sah sie, wie ihr Feind auch zurückwich, doch Kyron hielt sie von ihrem Vorhaben ab. Er brauchte nur den Arm vorzustreckten und ihr leise zuzuraunen: “Du darfst ihm nichts tun. Er hat meine Seele!” damit sie all’ ihre Beherrschung zusammennahm und den Weißhaarigen nur mit ihren Blicken tötete.

Konnte es tatsächlich stimmen, dass ein Mensch seine Seele, oder in Kyrons Fall einen Teil davon, weggeben konnte und damit langsam aber sicher Zugrunde ging? War es in der Tat der Fall, dass auch sie von dieser Art Fäulnis betroffen war, da sie sich beständig in der Nähe ihres Ehemannes aufhielt? Und konnte auch Lionel in Mitleidenschaft geraten sein, ob nun aus der Vererbung heraus oder aufgrund des Umgangs mit Vater und Mutter? Konnte nur Kyrthon helfen, sie alle zu retten und ihnen ein Leben ohne zukünftiges Leid zu ermöglichen? Cahiras Gedanken rasten und fanden doch keine passenden Antworten auf diese Fragen. Es konnte sich auch nur um einen elendigen Trick handeln, um sie beide in seinen Bann zu ziehen.

Aber Kyron glaubte daran, sonst hätte er sie nicht aufgehalten, das zu tun, was sie in der Infanterie mit Feinden von Dureths Kaliber getan hatten, oder es schon längst selbst in die Hand genommen, und sie hatte sich eines geschworen: Ihren Ehemann nie wieder im Stich alleine zu lassen. Die Ereignisse ihrer Gefangennahme, sein Schrei "GOTTVERDAMMT! LAUF, LOS!" und ihre anschließende, beinahe fatal endende Flucht ließen sie des Nachts schweißgebatet aufwachen. “Ich lasse Dich nicht alleine mit ihm gehen.”, beharrte sie also, als Kyron einwilligte, dass Kyrthon zumindest ihm helfen solle, seinen Seelensplitter wiederzuerlangen und die Schmerzen und den Verfall bis dahin in Zaum zu halten. “Das solltest Du aber.”, war seine einzige, geraunte Gegenwehr. Wahrscheinlich hatte er selber erkannt, dass in diesem Punkt Cahiras Starrsinn obsiegen würde.

Vollkommener Wahnsinn, wisperte eine Stimme in ihrem Hinterkopf. Doch nach allen Strapazen der Vergangenheit, die sie teilweise nur mit Mühe und Not überstanden hatten, der Tatsache, dass sie drei Jahre getrennt voneinander gelebt und sich erst vor so kurzer Zeit wiedergefunden hatten, und die Angst, dass der langsame, qualvolle Tod des geliebten Mannes tatsächlich der Wahrheit entsprechen konnte, brachte die leise Stimme der Vernunft zum schweigen und auch sie willigte in den Handel ein. Natürlich würde Dureth früher oder später Gegenleistung für seine Hilfe fordern. Doch Kyron war nicht so dumm, sich auf eine zeitlich unbegrenzte Vereinbarung einzulassen. Ein Jahr sollte diese währen.

Ob der Mann ihnen dann geholfen - und vor allem zu welchem Preis; Cahira ging natürlich vom schlimmsten aus - oder nur seine Spielchen mit ihnen getrieben hatte, für die junge Frau war diese Frist nur eine Verschiebung des Unvermeidlichen. Sie nahm Versprechen ernst und vorerst würde sie Dureth kein Häarchen krümmen und wahrscheinlich auch dafür sorgen müssen, dass es kein anderer tat. Aber dann ...

… und ich zähle die Tage bis zu deinem Tod …
"There is nothing you can do to help me now
I am lost within myself as so many times before
There's nothing you can do to ease my pain
I am so, so sorry but if you love me you must let go"

Pain Of Salvation - Chain Sling

~*~

Die Vernunft hatte gesiegt, zumindest in Teilen. Jene Teile Kyrons, die ihn statt der großen Schlucke von zuvor kleinere, beherrschtere Mengen vom laudanumversetzten Weinbrand tätigen ließen, waren jene Teile, die Cahira liebten, und Lionel. Kyron selbst wusste nicht, wieviel von seinem Inneren dazu gehörte, denn selbst wenn niemand es ihm zutraute, niemand ihm glauben wollte, und er es ganz sicherlich niemandem anvertraute, er hatte doch an einem Punkt seines Lebens großen, unauslöschlichen, gnadenlosen Hass für Cahira empfunden.
Er hatte sie tot sehen wollen, und nicht nur weil Tarol es von ihm gefordert hatte. Einmal weil sie sein junges Herz gebrochen, sich in einen Adeligen verguckt hatte, und jener Hass war flammend und kräftig gewesen, aber kurzlebig.
Später jedoch, als Isabelle in sein Ohr gewispert hatte, als er mit der Todesbotin durch unsichtbare Ketten und gemeinsames Leid aneinander gefesselt worden war, da hatte er erschöpften Hass empfunden. Jenen Hass, den man empfand wenn ein Liebster seit Monaten im Sterben lag, und man all das Leid nicht mehr dulden wollte. Die Art von kaltem Fatalismus, die ihn wünschen gemacht hatte, Cahira würde ihn vergessen und sich jemand anders suchen, oder sterben, nur damit er nicht mehr aus der Ferne um ihr Leben fürchten musste. Um sein eigenes Leben zu fürchten wäre sinnlos gewesen, da es nicht mehr in seinen Händen gelegen hatte, sondern in jenen des Teufelspriesters, den Händen von...

"Kyrthon Dureth."
Das Gesicht war so oft in seiner trunkenen Peripherie erschienen, dass er den Mann an der Türe des Heilerhauses zuerst gar nicht beachtet hatte. Nicht einmal als der Schemen sprach wollte Kyron seine Anwesenheit ernst nehmen, und versuchte ihn mit einem geworfenen Kohlestift zu verjagen.
Der Stift prallte von der Brust des äußerst soliden Schreckgespensts ab.
Kyrons Herz versuchte mit einem Satz aus seinem Hals zu springen.
Rumpelnd rückte er in die hinterste Ecke die er erreichen konnte, ohne dem Namenlosen zuvor näher zu kommen, aber es nutzte nichts. Der Schlohhaarige trat vor und nahm ihm jeden Ausweg, ohne ihm näher als zwei Schritte zu kommen. Die Narbe an seiner Hand begann wieder zu jucken als würden sich Schwärme von Mücken in sein Fleisch bohren, aber er wagte es nicht einmal sich zu kratzen.
Nie in seinem Leben war er fähig gewesen, irgendjemandem zu erklären, warum gerade dieser Mann mit seiner freundlichen Stimme, dem aufmunternden Lächeln und den sanften Gesten ihn gerade in eine solche sinnzerreißende Panik versetzte. Niemand außerhalb des Kultes hatte es verstanden, und niemand der den Kult verlassen hatte, war jemals in der Lage gewesen davon zu sprechen, von den Dingen zu erzählen die Kyrthon Dureth aus der Dunkelheit beschwören konnte, von den Mächten die sein Meister ihm gegeben hatte.
Er war kein kräftiger Mann, dieser Kerl, und auch nicht einschüchternd. Er war nicht bedrohlich, nicht boshaft, nicht arrogant, und doch floss durch seine Adern die reine Kraft des Bösen, allen Bösens. Seine Macht war die der Worte, und Worte konnte Kyron nicht bekämpfen, das hatte er nie gelernt. Kyrthon konnte aus Luft und Muskelbewegungen einen Grund für Kyron schaffen, seine Frau zu töten, oder seinen Sohn aufzugeben, oder sich umzubringen, und der einzige Grund warum er es nicht tat war der, dass er zuvor dafür sorgen würde, dass Kyron erstens bereute, und zweitens einen Zweck erfüllte, der seine magere Existenz in den Augen des Namenlosen rechtfertigte.
Eigentlich sollte Kyron diesen Mann töten... Aber er konnte es nicht, hatte es nie gekonnt. Und andere schienen das selbe Problem zu haben, denn immerhin stand er hier, in Fleisch und Blut, lächelnd und unversehrt. Dieses Lächeln, es war der Abgrund in den Abyss.

Er würde ihn nicht töten können, diese Erkenntnis kam Kyron bereits als er sich von der Liege schälte und den Schmerzen zum Trotz zur Türe humpelte, bevor Kyrthon auf den Gedanken kam auch noch Hohenwacht in seine Fäden einzuspinnen. Gleichzeitig versuchte er einen anderen, weitaus erschreckenderen Gedanken zu verjagen, der zu ihm gekommen war wie der altvertraute Anblick von Dureth's Gesicht.
'Du hättest sie töten sollen als du damals die Gelegenheit hattest. Nun ist es zu spät.'

Kyron schüttelte sich wie ein nasser Hund. Niemals.
“Du hast es schon wieder getan!”

Das war alles, was ihr aus dem Mund kommen wollte. Sie war vollkommen sprachlos und glotze mit großen Augen vor sich hin. Konnte sie glauben, was sie da sah? Immerhin, der Tag war lang gewesen und die Dämmerung hat sich schon längst über das Eisenthal gelegt. Sie war hinter Kyron den kleinen Weg hinterher gestolpert, der sich am Hirschenheim vorbei scheinbar in einem kleinen Walstück verlor. Vermutlich fanden auch nur Ortskundige den Pfad, der sich übewuchert von Gebüsch ab und an unter einer Wurzel hindurch mal hier, mal dort hin schlängelte. Nach einem guten Stück lichtete sich der Wald jedoch und gab den Blick frei auf das sogenannte Klammtal, umsäumt vom gewaltigen Gebirgsmassiv des Harpienpasses. Emsige Bergleute hatte Stollen in den Berg getrieben - die Klammmine - und selbst ein kleiner Steinbruch war vorhanden. Und dort stand das zweistöckige Haus, machte selber den rußbeschmutzen Eindruck eines stoischen Grubenarbeiters, und schmiegte sich in das Gesamtbild dieser Bergbaueridylle.

Cahira kannte das Tal natürlich. Ihre Wachgänge durch Zweitürmen umfassten auch diesen abgeschiedenen Ort und vor kurzem erst hatte das Regiment das Haus geräumt, weil die Vorbesitzer sich nicht mehr um das Anwesen gekümmert hatten. Zwar hatte Magda versucht, ihr das Haus schmackhaft zu machen und auch Arthar hatte angedeutet, dass sich wohl auch ihr Ehemann dafür interessierte, aber sie hatte diesen Gedanken ganz schnell wieder abgetan. Das Haus war zu groß, zu teuer, sie sind doch gerade erst im Hirschenheim untergekommen und außerdem sollte dort lieber ein Bergmann oder Schmied einziehen.

Cahira war mit jedem Schritt in Richtung Klammtal besorgter geworden. Kyron hielt so etwas wie Zwiesprache mit sich selber: “Ich habe eine große Dummheit gemacht. Du wirst mir das nicht verzeihen. Ich habe Dich hintergangen, dich so lange versetzt und dann ... Aber es waren gleich zwei Frauen gewesen, die mich überredet haben und ich dachte mir: Na, warum nicht? …” Auch ihre Beteuerungen, dass, was immer er getan haben mochte, doch gar nicht so schlimm sein könne, ließen den Mann nicht zur Ruhe kommen. Bis sie endlich vor dem Haus standen und Kyron verkündete: “Ich habe das Haus gekauft!”

Cahira wünschte sich seit jeher eine heimelige Höhle, einen Zufluchts- und Rückzugsort. Einen Ort zum Wohlfühlen, Gäste bewirten, Familienfeiern, Gartenarbeit, Wunden lecken, Kinder großziehen, Ehepaar sein, Einrichten, alt werden … Sie hatte in Guldenach in einer Herberge gewohnt. Es war ein einfaches, sauberes Zimmer gewesen, welches sie mit ihren Habseligkeiten etwas wohnlicher, weniger unpersönlich gemacht hatte. Dennoch war es kein richtiges Heim. Für ein Heim, ein zu Hause, hatte erst Kyron gesorgt, als er ein Landhaus in der Nähe der Stadt gekauft hatte, in dem seine damalige Verlobte und sein Schwiegervater eingezogen waren. Dieses Zusammenleben gestaltete sich nicht immer einfach, doch einfach war Familienleben wohl nie. Später, zu Zeiten der Infanterie, hatten sie dann mit Sansa einen Hof bezogen und Cahira, die damals guter Hoffnung gewesen war, hatte den Garten bewirtschaftet, Hühner und Schweine gefüttert und so nicht nur zu ihrer inneren Ruhe sondern auch zur Verpflegung ihrer Kameraden beigetragen.

Doch jedesmal war es Kyron gewesen, der dafür gesorgt hatte, das seine Familie ein Dach über dem Kopf hatte und somit Cahiras größten, inningen Wunsch erfüllt. Ausgerechnet er, der ihr ziemlich deutlich gemacht hatte, dass er seine Freiheiten brauchte und nicht die Art Mann wäre, der jeden Abend treu brav nach Hause käme. Auch wenn es ihr manchesmal noch immer schwer fiel, versuchte sie Kyron nie in diese Richtung zu drängen und ihre gluckenhaften Anwandelungen nicht allzusehr ihren Ehemann spüren zu lassen. Doch jeder brauchte einen Ort, an dem er sich zu Hause fühlte, zu dem er zurück kehren konnte und ohne Fragen aufgenommen wurde, auch wenn die Welt draußen mal wieder mit dem Kopf nach unten stand.

“Bitte, nicht anfangen zu weinen. Du bist mir nicht böse, nein?” Kyron richtete seinen nervösen Blick auf Cahira, die sich langsam vom Hausschild mit ihrem Namen zu ihm umgewandt hatte. Sie fand es herzerweichend, wie besorgt er war. Wie konnte sie ihm böse sein? Magda war so freundlich gewesen, ein Zimmer ohne Cahiras Zutun anzubieten und er kaufte ein ganzes Haus. In der Tat musste sie einige Tränen wegblinzeln und schluckte hart. Aber ganz gewiss nicht vor Ärger oder Zorn. “Du hast es wieder getan. Du hast deiner Familie ein Heim verschafft und das ist das wundervollste, was ein Mann nur tun kann!”
Seiten: 1 2 3 4 5 6