Zwei Leben
#21
Einge Blumen öffnete ihren Blüten erst des Abends und schwängerten die milde Frühlingsluft mit ihrem Duft. Es wurde eindeutig von Tag zu Tag wärmer, der Sommer stand vor der Tür, und die Sonne sorgte bis in die Abendstunden für angenehme Helligkeit. Die Arbeit auf Koppeln und Feldern ging zu dieser Jahreszeit immer recht leicht von Hand. Die schwere Kühle des Winters hinter sich gelassen, warteten lange, laue Abende darauf, mit Lachen und Zusammensein gefüllt zu werden.

Cahira hatte es sich zur Angewohntheit gemacht, sich nach vollbrachten Tagwerk auf die Bank neben dem Hirschenheim zu setzen, vielleicht mit einer heißen Tasse Tee oder doch einer kühlen Milch, und den Tag Revue passieren zu lassen. Manchmal leisteten ihr Lionel oder Loren Gesellschaft. Öfter steckten die beiden Buden jedoch ihre Köpfe zusammen und rangen ihr das Zugeständis ab, noch am Tümpel angeln zu gehen oder Inaras köngliche Pferdezucht zu bewundern.

Ihre Schwangerschaft hatte das letzte Drittel erreicht und obwohl sie selber den Geburtstermin erst im nächsten Mondlauf geschätzt hatte, konnte es doch nun jeden Tag soweit sein. Sie machte nun keine lange Wege mehr, hielt sich im Hirschenheim oder Landsitz auf, schon alleine weil die Arbeit auf dem Hof ihr alles abverlangte. Zum Glück hatte sich neben Loren, der sich eher um den Verkauf der Hoferzeugnisse kümmerte, noch ein weiterer Knecht gefunden, der einen guten Eindruck machte, und dem sie nur allzugerne die alltäglichen landwirtschaftlichen Pflichten überließ.

Und mit dem Ausruhen, Innehalten hatte sich noch eine andere Gepflogenheit eingespielt: das Abstreichen der Liste, welche den Jahreslauf des Paktes mit Dureth widerspiegelte. Sie hatte die Liste nicht immer so regelmässig geführt wie jetzt. Manchmal war sie verschwunden gewesen in irgendeiner Tasche ihres Gurtes oder als Lesezeichen gebraucht worden, doch wie ein böser Traum tauchte sie irgendwie irgendwo wieder auf - zerknittert, befleckt, gebraucht. Doch mit der massive Mauer des Hirschenheims im Rücken und den Blick auf die bewirtschafteten, blühenden Felder voran, hatte sie die Stärke, sich der Liste regelmässig zu stellen.

Es waren nur noch wenige Striche - einer pro Tag - übrig, die nicht markiert waren; genauer gesagt war der letzte Tag der kommende Freiungstag. Wenn sie darüber nach dachte, dass dann ein ganzer Jahreslauf vorrüber war und was in dieser Zeit alles passiert ist, konnte sie es eigentlich kaum glauben. Aber sie hatte es ja Strich auf Strich vor sich. Auf der einen Seite war der Tag im Steinbruch so unglaublich lange her, auf der anderen Seite könnte es auch erst gestern gewesen sein, dass sie dieses Bündnis zugunsten Kyrons Seelenheil geschlossen hatten.

Das erste halbe Jahr hatten sie auch ganz gut hinter sich gebracht. Sie musste nichts tun, was sie in ernstliche Schwierigkeiten gebracht hätte und eine Zeitlang glaubte sie sogar, in dem einstmaligen Feind einen Freund gefunden zu haben. Doch aus heutiger Sicht war es wohl doch eher Kyron gewesen, der die Bürde dieser unheiligen Allianz zu tragen hatte und die nach seinem plötzlichen Verschwinden mit Kerkerhaft im Tempel und dem Brandmal der Kirche gipfelte. Schlimmer noch: Dureth hatte es geschafft, sie zu entzweien. Alle ihre Bemühungen, gegen den Mann anzukommen, schlugen fehl; Kyron blieb dem Leben seiner Familie fern. Vermutlich war da doch eine Portion Hexerei dabei, aber wie ihr auch später von verschiedenen Stellen zugetragen worden war, war auch dies nur zu ihrem Schutz. Jedenfalls wollte, musste sie daran glauben.

Sie war derweil standhaft geblieben. Hatte zu ihrem Ehemann gehalten, obwohl er als Ketzer gebrandmarkt war und sich angeblich mit anderen Frauen herum getrieben hatte. Hatte ihren gemeinsamen Sohn behütet und mit dem Hirschenheim etwas geschaffen, zu was Kyron zurück kehren konnte. Cahira wusste, es war im Grunde genommen nicht ihr Haus und viele der Sachen hatte sie Cyril und Querida zu verdanken, dennoch hatte sie es in ihren Augen mal wieder geschafft, ein Heim zu formen und Lionel eine weitestgehend sorgenfrei Kindheit zu bieten. Sie mussten nie Hunger leiden, der Tisch war stets reich gedeckt, fette Rinder und Hühner bevölkerten den Stall, der Schuppen war mit Vorräten über Mondläufe gefüllt.

Während sie den nächsten Strich auf der Liste tilgte, fragte sie sich unwillkürlich, was dannach passieren würde. Sie erwartete keinen Knall oder dergleichen und höchst wahrscheinlich würde auch der 14. Wandelmond 1403, der Tag nach der Jahresfrist, beginnen, wie jeder andere zuvor auch …. aber irgendetwas musste doch passieren, sich ändern … oder nicht?

[Bild: xc5kceja.jpg]

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#22
Das Hirschenheim wirkte seltsam leer und schmucklos, nachdem sie in den letzten Tagen ihre persönliche Habe in alle möglichen Kisten und Fässer verstaut und für den Abtransport gen Ravinsthal bereit gemacht hatte. Sie hatte versucht, alles nach einem System zu verpacken, welches es ihr ermöglichte, die Dinge nach dem Umzug schnell wieder zu finden und das meiste mit Beschriftungen versehen. Leider machte dies den Packprozess, der ohnehin durch ihren gewaltigen Schwangerschaftsbauch, den schmerzenden Lenden und geschwollenen Beinen stark eingeschränkt worden war, weder leichter geschweige denn schneller.

Natürlich waren ihr auch Lionel und Loren Rabe, ihr Gehilfe, zur Hand gegangen. Doch die Mitarbeit des Sohnes artete immer mehr in Spielerei mit seinen (wieder)gefunden Spielsachen aus statt dass er wirklich voran gekommen wäre. Loren musste anfangs den Schrecken, dass Cahira Zweitürmen, ihre gesellschaftliche Stellung und die prachtvolle Behausung zugunsten des Nachbarlehens, in dem laut dem Burschen nur Taugenichtse, Strauchdiebe und Meuchelmörde hausen würden, aufgeben wollte, verdauen und sie verständigten sich zunächst darauf, dass er nach Candaria zu seiner Familie zurückkehren sollte, bis die Lage in der neuen Heimat geklärt war.

Natürlich war auch der jungen Frau mulmig zumute, wenn sie an Ravinsthal dachte. Sie war ein paar Mal zu Feierlichkeiten dort gewesen und hatte ein Auge auf die Felder des Küstenhofs von Gabriel gehabt. Das Land war zugegebenermaßen wunderschön, aber wild und ungezähmt. Und der gebürtige Ravinsthaler war ein ausgekochtes Schlitzohr, da hatte der junge Rabe nicht ganz Unrecht. Sie wusste nicht, was sie und Lionel hinter dem Pass erwarten würden. Wo würden sie unterkommen? Wie sah der Hof aus, den Kyron schon gepachtet hatte? Welche Aufgaben erwarteten sie? Wie würden sie dort aufgenommen werden? Wie würde sich Lionel in einer fremden Umgebung fühlen, nachdem die himmelhochjauchzende Freude, seinen Athair wiederzusehen, abgeklungen war? Doch die junge Frau lächelte Lorens und auch ihre Bedenken einfach fort. Was blieb ihr auch anderes übrig? Sie hatte ihren Entschluß gefasst und bereits verkündet. Auch wenn sie es sich nicht leicht gemacht hatte.

Während der Entscheidungsfindung hatte sich das Hirschenheim in eine Zuckerbäckerei verwandelt. Von jeher musste sie immer etwas zu tun haben, um ihrer Anspannung Herr zu werden. Wenn sie nicht schwanger gewesen wäre, hätte sie wohl Stunden mit körperlicher Ertüchtigung verbracht, so aber hatte sie Teig geknetet.

Kekse waren über Tellerränder getrudelt, Kuchen hatten dampfend zum Abkühlen auf jeder freien Ablagefläche gestanden und das Feuer im Ofen wurde immer wieder angefacht, um das nächste Blech mit Leckerein in den heißen Schlund zu schieben. Selbst die nimmersatten Buben hatten allmählich kein Backwerk mehr sehen können und waren froh gewesen, wenn es zum Abendbrot etwas deftiges wie Suppe gab - vor allem der junge Mendoza sich nach dem dritten Tag der süßen Teigzufuhr heimlich hinter einem Baum übergeben hatte.

Kyron hatte zum Treffen der Klinge einfach vor der Tür gestanden, als wäre er gerade erst losgezogen, um Rauchkraut zu besorgen. Cahira war zu baff gewesen, als dass sie ihm das Wiedersehen bereitet hatte, was ihm wohl zugestanden und welches sie sich in Gedanken so oft ausgemalt hatte. Stattdessen gab es kleingeschnittes Butterbrot, wie sie es ihrem fünfjährigen Sohn immer zubereitete, und, nach einem kurzem Streitgespräch, der Austritt Cois’ aus der Klinge. Es bedurfte einiger Überzeugungsarbeit, dass der Mann nicht gleich das nächste Schiff nach Galatia bestieg.

Als die junge Frau diesen Abend zu Bett gegangen war, kam sie lange Zeit nicht zur Ruhe. Ihre Hände zitterten, die Gedanken rasten. Wenn sie wollten, das Kyron blieb, musste der vorherige Pakt mit Dureth als stummes Zugeständis weitergeführt werden, ihn nicht zu belangen. Eine bittere Pille, welche sie aber zugunsten eines gemeinsamen Familienlebens geschluckt hatte; jedenfalls leichter als Cois. Dabei war ihr natürlich bewusst, dass der Feind jeden beliebigen Vorwand ins Feld führen konnte, um Mendoza wieder fester an sich zu binden. Aber es war ein Schritt voran - besser als die gezwungene, lieblose Trennung.

Und wenige Tage später, als sie ihrem heimgekehrten Ehemann gestanden hatte, ausgerechnet den Mann in die Dienste der Baronie gestellt zu haben, der seinen Sohn bedroht hatte, stellte er die unvermeidliche Frage: “Was machst Du noch hier, wenn die Klinge doch längst nach Ravinsthal gezogen ist?” Begleitend damit stellt er klar, dass er selber nicht in Zweitürmen wohnen konnte, jedenfalls nicht solange Schumann in seinen Augen eine Gefahr für die Familie darstellte. Doch dieser war nicht nur durch seinen Posten als Jagdmeister Bestandteil der Baronie, sondern vor allem durch seine Zugehörigkeit zum Haus Hohenwacht - und dies war eine Hürde, die Cahira nicht beseitigen können würde.

Sie hatte ihm die Frage nicht wirklich beantworten können; vor allem die Sitzung und das Streitgespräch über eventuellen Beteiligungen der Klinge an Überfällen in der Baronie schon zu viel Kraft und Nerven gekostet hatte. Cahira hatte Kyrons Zorn gespürt, dem sie nur ihre Sanftmütigkeit entgegen stellen konnte. Aber Kordian hatte es damals freigestellt, ob sie bleiben wollte oder nicht, als er die Einheit aus dem Regiment gezogen hatte, und auch Gabriel hatte mit keinem Wort Missfallen geäußert, dass sie noch immer in Zweitürmen geblieben ist.

Doch Mendoza hatte mit seiner Frage ins Schwarze getroffen. Sie hatte es sich in Zweitürmen gemütlich gemacht und vielleicht hatte sie einfach diesen harten Anstoß gebraucht, um wieder in die Gänge zu kommen. Außerdem, was nützte es, hier ein Heim erschaffen zu haben, welches offenbar nicht gewollt war? Also war die Entscheidung nach Ravinsthal zu gehen, egal, wie sie es drehte oder wendete, ganz gleich, wie viel Kuchen und Kekse sie bug und belanglos welche Stellung und Bequemlichkeit sie aufgeben würde, im Grunde genommen eine ganz einfache.

Heimat ist dort, wo das Herz ist. Heimat ist dort, wo die Klinge ist.

[Bild: xc5kceja.jpg]

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#23
100 Bürstenstriche, so wie es von ihrer Mutter gelernt hatte, um das Haar sauber und weich zu halten. Cahira hatte Locken und braune Farbe von Ida geerbt. Anders als ihre Brüder, die beide rothaarige und blass wie der Vater waren, trug sie ihre galatischen Wurzeln nicht gleich auf Anhieb zur Schau. Es war ihr eigenes kleines Abendritual gewesen; kurz vor dem zu Bett gehen bürstete Ida das unbändige Haar der Tochter und sie tauschten Geheimnisse und Gedanken aus, welche für die Ohren der Männer nicht gedacht waren.

Es war noch nicht Abend, früher Nachmittag eher und Cahira hatte eine Verabredung mit ihrem Ehemann, der unten in aller Seelenruhe wartend Rauchwölkchen in die Luft blies. Die Arbeit auf dem Hof war getan, die Tiere versorgt, und sie hatte sich mit dieser Lavendelseife gewaschen, welche sie glücklicherweise zwischen dem Wust ihrer noch immer nicht gänzlich ausgepackten Habseeligkeiten gefunden hatte, frische Leibwäsche angezogen, ein neues Kleid. Behindert durch den runden, schweren Bauch ging alles in quälender Langsamkeit voran. Doch sie wollte hübsch aussehen und nahm die gestriegelten Locken zu einem einfachen Zopf zusammen, welcher sich apart über ihre Schulter legen lassen würde.

Sie freute sich auf die Zeit mit Kyron: Durch Rabenstein streifen, gemütlich etwas zu Abend essen und dann dieses aufregende Treffen des Herzogrings … Vielleicht waren dies die letzten ruhigen, gemeinsamen Stunden, welche sie verbringen konnten, bevor Lionel nach Ravinsthal kommen und das Kind geboren werden würde und die Ereignisse um den Ring und die Königsgarde ihren Lauf nehmen würden.

Noch immer konnte sie es nicht ganz fassen, tatsächlich hier in Ravinsthal zu sein. Und auch Kyron war im ersten Moment recht überrascht von ihrem Entschluß gewesen. Er hatte wohl eher Ausflüchte erwartet, warum sie _nicht_ nach Ravinsthal kommen würde als dass sie relativ rasch ihre Sachen zusammengepackt hatte. Doch Cahira schlug nicht nicht äußerlich nach ihrer Mutter, sondern auch im Wesen glichen sich die beiden Frauen. Beide waren im Grunde genommen nicht für Veränderungen geschaffen und liebten die geruhsame Eintönigkeit des Lebens und wenn sie gezwungen waren, Entscheidungen zu treffen, die das übliche Einerlei zu durchbrechen drohten, taten sie sich schwer. Doch war erstmal ein Beschluß gefasst, wurde dieser schnell, gründlich und ohne weitere Gedanken daran zu verschwenden, durchgesetzt.

Vermutlich war dies der Grund, warum sie den Umzug von Zweitürmen nach Ravinsthal auf sich genommen hatte, obwohl die Plackerei das Letzte war, was eine hochschwangere Frau tun sollte. Zusätzlich hatte sie gefürchtet, hätte jemand aus Zweitürmen sie ernstlich zum Bleiben aufgefordert weil sie gebraucht wurde, dass sie dort geblieben wäre. Sicherlich nicht für immer, aber der Wohnsitzwechsel wäre wohl erst nach der Geburt in aller Ruhe erfolgt - wenn die unbeständigen Zeiten dies zugelässen hätten.

Auch in Ravinsthal wartete viel Arbeit auf sie. Mit dem Umzug, der Übernahme des neuen Hofes und der Einrichtung hatte sie sich zu viel zugemutet. Sie hasste Aufhebens um ihre Person; um andere konnte sie sich wunderbar sorgen, sie verhätscheln, sie pflegen. Aber wenn es um ihr eigenes Wohl ging, war sie gedankenlos. Als sie die letzten Sprossen der Leiter, welche das Erdgeschoss mit dem Schlafzimmer ihres neuen Hauses verband, hinab purzelte, galt ihre Sorge vielmehr dem ungeborenen Kind als dem verstauchten Knöcheln und sie verbrachte drei Tage beim Heiler in Rabenstein. Auch wenn sie es nicht zugeben wollte und sie Gewissensbisse hatte, dass Kyron sich den Kopf über ihr Wohlergehen zerbrach und Flint, der Heiler, diese Unruhe auf sehr schmerzhafte Art und Weise in Form eines Veilchens zu spüren bekam, hatte ihr diese Zwangspause gut getan und die nächsten Tage würde sie es wohl etwas ruhiger angehen.

Doch auch Kyron war nicht untätig gewesen. Neben seinen Pflichten in der Garde und als Kommandant der Klinge, hatte er dafür gesorgt, dass sie weitere Felder bewirtschaften konnte und auch eine Koppel umzäunt. Ob er überwucherndes Unkraut einfach ausgerissen, bereits vorhandenes morsches Holz ausgebessert hatte oder tatsächlich mit seinen eigenen Händen Land urbar gemacht und Pfosten und Latten gezimmert hatte, hatte sie noch nicht erfragt, aber es kam auf das selbe Ergebnis heraus. Auch redeten sie nie über Dureth oder die Zeit der gezwungenen Trennung. Vielleicht war es auch unnötig über die Vergangenheit zu reden. Sie waren jetzt zusammen, er dem dauerhaften Einfluss des Hexers aufs Erste entzogen, das war was zählte.

Sie legte sich noch ein Tuch um die Schultern - später würde es sicher frisch werden - und trat endlich aus dem Haus. Der Wartende erhob sich und löschte sein Rauchkraut, bei ihrem Anblick ein zaghaftes Lächeln im Mundwinkel - ach, wie sie sein Lächeln vermisst hatte … und da war es wieder, dieses Flattern im Bauch, welches sie zunächst nur für backfischgleiche Aufregung gehalten hatte. Aber nein, nur einen Moment später nässte sich ihr Schoß und sie bedauerte ihren gerade frisch angezogenen Unterrock. Bei ihrem scharfen Einatmen, der Hand auf ihrem Bauch, zögerte Kyron und neigt den Kopf. “Ich denke, Ser Crutzenwerter und der Ring müssen warten …” Die leise aufkommende Panik im Blick des Mannes machte deutlich, dass er genau ahnte, was diese Worte meinten, doch er rührte sich kein Stück, so dass sie es doch noch deutlicher aussprechen musste: “Das Kind kommt. Jetzt!”

[Bild: xc5kceja.jpg]

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#24
Die Mutter ist in der Besenkammer
und hört ein lautes Kindergejammer.
Sie eilt in das Bad und siehet dann,
wie das Kind gebadet wird vom Ehemann.

Er zieht, die Mutter wird immer blasser,
den Sohn an den Ohren durchs Wasser.
Sie: "Bist Du verrückt, was soll das heißen?"
Er: "Soll ich mich verbrühen am Wasser, dem heißen?"

Der Rabenvater - Hans-Juergen Ketteler
~*~

“Das Kind kommt. Jetzt!”
jetzt... Jetzt... Jetzt... JETZT. Das Echo fuhr Kyron ähnlich einer Kanonade zu den Montagsübungen der Burg Rabenstein durch die Glieder, und wo er zuvor noch gesessen hatte, da stand er nun, wussten die Götter wie es dazu gekommen war. Sein Geist, der nach dem zügigen Sprung nicht mehr so recht mit seinem Körper verbunden war, beobachtete mit verstörter Einfältigkeit, wie sein Körper panisch die Arme wedelnd hin und her zu hechten begann. Holz wurde beiseite getragen, obschon es gar nicht störte und von der Türe weiter entfernt war als Cahira selbst, dann schienen seine Gliedmaßen sich daran zu erinnern, dass besagte Schwangere vielleicht wichtiger sein könnte, als ein freier Fußweg. Die arme Frau wurde gepackt als seien ihr die Beine abgefallen, und unter Stottern und gewisser Blässe mühselig die Leiter hinauf begleitet.
'Eine vier auf einer fünfstufigen Dummheitsleiter,' kommentierte sein Verstand Kyrons Tun leidsam und ließ es sich nicht nehmen, noch einen Einwurf zu tätigen. 'Die Rüstung auszuziehen wäre vielleicht ganz vernünftig gewesen.'
Egal, nun wo die geschwollene Ehefrau im oberen Stock war und selbst ein wenig besorgt dreinsah - seltsamerweise nur wenn sie Kyrons Gesicht begutachtete, als habe die Besorgnis gar nichts mit den Wehen zutun - mussten andere Dinge getan werden. Wichtige Dinge, da war sich Kyrons hysterischer Körper ganz sicher. Wo diese Dinge zu tun waren, und was sie nun eigentlich wirklich waren, das war egal, Taten, die waren wichtig.
Die nächsten Momente waren gefüllt mit einem milde verzweifelten "Wo ist der verfluchte Kess- AH DA! HAHAHAHA!", einem Geschepper als das Gerät trocken aufs Herdfeuer gewuchtet wurde, einigen Momenten der Stille, während das Fehlen des Inhalts langsam zu dem Panischen durchsickerte, und dann ein angemessenes Fluchen, gefolgt von weiterem Scheppern und dem Klappen der Türe.
Stille breitete sich im Haus aus, zog sich in die Länge, und verfing sich wie labbrige Tierhaut an der Einrichtung. Kyron kehrte nicht zurück.

Keine fünf Minuten später - und unter dem trockenen Gedanken, 'die Rüstung auszuziehen wäre wirklich vernünftig!' - donnerte der aufgelöste Gardist auch schon ins Heilerhaus zu Rabenstein, wo prompt ein weiterer Faustkampf mit Flint begonnen wurde, als dieser sich dem wortkargen Zerren am Oberarm widersetzte und den Krieger einmal mehr vor die Türe setzte.
Für einige weitere Minuten stand Kyron dort wie ein bestellter Sack Kartoffeln, den man im Regen vergessen hatte, und starrte mit pochendem Herzen ins Nichts, während sein Kopf verzweifelt darum kämpfte, einen Plan zu machen. Einen guten Plan. Irgendeinen verdammten Plan, bevor die Welt unterging!
'Es ist simpel', schaltete sein Verstand sich ein, vorsichtig den Kontakt zu dem hysterischen Leibe suchend, während dessen Augen sich auf eine nahende Gestalt legten, wie ein Krokodil das Reh bei der Tränke beobachtete, 'du brauchst eine Hebamme, nicht wahr? Du könntest also einfach ruf-'
Gerade als Gwen an seinem angespannten, starren Leib vorbei marschierte, da schnellte sein Arm vor, packte diese henkersartig am Oberarm und brachte den Verstand einmal mehr dazu, augenrollend auf Abstand zu gehen.
Die einzige Erklärung, die die arme Frau vor dem Verschleppen bekam, war ein geknurrtes "HEBAMME.", dann ging die Reise auch schon los. Im Laufschritt, als ginge es um Leben und Tod.
[Bild: KyronSig2017.png]

Pain clears the mind of thoughts
Let pain clear your mind of all thought
so that the truth may be known
(Life - Charlie Crews)
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#25
„He, was..?! Lass los!“

Es blieb ihr nichts anderes übrig, als hinterdrein zu stolpern.

„Nimm deine Griffel weg, oder du bringst dein Balg selber auf die Welt, Blechkübel!“

Manchmal musste eine Druidin den General in sich hervorpfeifen und ihn die Kommandos brüllen lassen, vor allem wenn Mannsvolk wie Kyron Mendoza die Straße entlanggekracht kam wie ein loser Mühlstein. Das war eine der Lektionen, die ihr keine Vatin hatte beibringen müssen. Das Schwammverfahren war genug: beobachten, aufsaugen.

Nach ein paar nachgesetzten, wohlplatzierten Hieben, die zu wenig außer einer scheppernden Rüstung führten, lockerte der Kindsvater am Stadttor angekommen endlich den Griff. Er brauchte Zeit, bis die Kommandos sickerten. Sie sah es seinem Gesicht an. Ohren, Kopf, Gesicht. So kämpften sich die neuen Informationen schleichend und schrittweise durch. Indigniert richtete sie sich das Wams, zurrte es zurecht und nickte Mendoza auf eine Art, die, wie sie hoffte, möglichst mütterlich und resolut wirkte, einmal fest zu. Was man nicht durch Statur vermittelte, musste man durch Verhalten bewirken. Also bellte sie herrisch, dachte an den verfluchten Jurenkhan und warf dabei das Kinn hoch.

„Na bring mich schon hin, bist du festgewachsen?“ Ein diffuses Knurren, mehr Reaktion gab es nicht.

Im Schweinsgalopp ging’s in Richtung Hof, wobei das eine Schweinchen unablässig klapperte und das andere schrulligerweise nie die Fußsohlen aufsetzte, sondern über die Wege trippelte wie eine verhinderte Provinztänzerin mit gewissen Gleichgewichtsschwierigkeiten. Als das ungleiche Duo den Hof erreichte, blickte die Rabenkreisschülerin zur Seite.

So wie sie ihr Gegenüber einschätzte, hätte sich Gardist Mendoza lieber einem bis auf die Zähne bewaffneten Indharimer gegenübergesehen, als einer kreißenden Frau, selbst wenn es seine eigene war. Er brauchte Beschäftigung.

„Du musst mir helfen. Geh zurück, hol meine Tasche – frag nach Koren Ginsterstrauch, der weiß, wo sie steht – und mach danach hier Wasser heiß.“

„Wasser heiß, jawohl! Wie geht das?“

Das würde eine lange Nacht werden. Seufzend tätschelte sie dem werdenden Vater die Wange.

„Eins nach dem anderen.“

Sie hörte es noch klappern, dann trat sie über die Schwelle. Das Haus lag seltsam still und ungestört, als hätte es mit seinen Bewohnern nichts zu tun. Ein Rotschopf schob sich über die oberste Leitersprosse.

„Cahira?“
[Bild: Gwendolyn-Signatur.png]
Toast can never be bread again.
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#26
Wenn man davon ausgehen konnte, das der Kopf den Verstand behebergte, lief der Körper eines geschlachten Huhnes auch eine geraume Weile umher, vollführte manchmal gar eigenartige Bewegungen, scharrte, schlug mit den Flügeln, alles unter Beobachtung der trüber werdenden Knopfaugen des vom Körper getrennten Leibes. Es war vielleicht ein makaberer Vergleich, aber Kyron benahm sich ebenso kopflos wie ein Huhn und sie unterdrückte den Impuls, den Gerüsteten wieder zurück auf seinen Sitzplatz zu drücken, um für ihn einen Heiler heranzuschaffen.

Aber es war ihr Fehler gewesen. Sie hätte sich auf die Niederkunft besser vorbereiten und eine Hebamme organisieren müssen, damit sie im jetzt eintretenden Fall klare Anweisungen hätte geben können, wer wo zu benachrichtigen wäre. Sie hätte ihren Mann auch weniger drastisch vorwarnen können, aber da spielte wohl auch ihre eigene Aufregung eine Rolle. Nicht zuletzt war es auch immer wieder erstaunlich, wie ein Krieger, der sich jedem Feind furchtlos entgegenstellte ohne Rücksicht auf das eigene Wohlergehen von der Aussicht einer Geburt aus dem Tritt gebracht werden konnte.

Nachdem sie mehr oder minder mühlevoll die Leiter wieder hochbugsiert worden war, polterte der Mann schon wieder hinunter und ihr blieb nur der sorgenvolle Blick hinterher. Ihr leises “... vielleicht solltest Du die Rüstung …” verbiss sie sich unter einem neuerlich aufkommenden Krampf. Dann schlug die Tür zu und es herrschte Stille. Sie wusste, dass er nun unterwegs war um Hilfe zu holen, wie auch immer die in seinen wirren Gedanken aussehen mochte; das Problem war nur, dass ihn dies bis nach Hohenquell führen konnte, wenn er weiter so ein konfuses Gebaren an den Tag legen würde.

Cahira bereitete sich darauf vor, das Kind eben alleine auf die Welt bringen zu müssen. Auf Svesur war sie bei vielen Geburten dabeigewesen und nach dem ersten Schrecken, dass das Kind ausgerechnet heute kommen musste, war dieser Gedanke gar nicht mehr so angsterfüllend. Die Götter hatten ihnen in einer ihrer schwersten Stunden gezeigt, das sie zusammengehörten und ihnen das Kind geschenkt, warum sollten sie ausgerechnet jetzt, da sie wieder vereint waren, dieses Band zerstören? Nein, es würde alles gut gehen, davon war die junge Frau überzeugt.

Sie entledigte sich der unnützen Garderobe bis auf die Leibwäsche und knuffte ein paar Kissen zurecht. Die Wehen kamen noch in einigem Abstand, aber wurden bereits heftiger. Die zweite Geburt sollte immer leichter werden als die Erste. Bei einer erneuten Schmerzwelle glaubte sie nicht mehr ganz daran und verlagerte ihren geschwollenen Leib auf das Bett. Sie hörte aus der Ferne die Hühner gackern und glaubte auch ein Geräusch wie beim Graben zu hören, aber das konnten auch ihre angespannten Nerven sein.

“Cahira?” Als Gwens Kopf bei der Leiteröffnung aufftauchte, sandte sie trotz ihrer anfangs kämpferischen Einstellung, die Geburt alleine zu bewältigen, ein lautloses dankendes Stoßgebet an die Götter. “Gwendolyn. Wie schön, Euch zu sehen. Ist Kyron ....” Weiter kam sie nicht. Grausame Hände rissen ihr das Rückgrat entzwei und sandten Strahlen der Pein durch ihren Bauch.

Obwohl man es der mageren Druidenschülerin nicht ansah, sie hatte die Situation sofort im Griff wie ein General seine Truppen. Sie beruhigte die Gebärende, dass es dem Ehemann unter den Umständen gut gehen würde, tauschte Belanglosigkeiten aus, hielt ihre Hand, sprach ihr gut zu, machte ihr Mut … bis nach Mitternacht endlich der Schrei eines Kindes die nächtliche Ruhe zerriss. Ein kräftiger, ein guter Laut. Cahira konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal so dermassen erschöpft, wund, aber glücklich gewesen war.

Gwen legt ihr das gesäuberte Kind auf die Brust, selber einen etwas abgeschlagenen Ausdruck auf den Zügen. “Eine Tochter.” Hatten die Götter also im letzten Moment doch noch eine Finte parat gehalten. Ein Mädchen würde es unter den strengen, überbehütenden Augen von Vater und Klinge ungleich schwerer haben als ein Junge. Aber an mögliche Schwierigkeiten in der Zukunft wollte die junge Mutter jetzt noch nicht denken. Es gab zunächst wichtigeres: der Vater hatte bereits seinem Sohn den Namen verliehen, da war es nur Recht, wenn er dies auch bei der Tochter zu würde; Cahira murmelte: “Bitte, richtet doch aus, dass alles gut ... und dass Kyron einen Namen … ” Weiter kam die jungen Frau nicht. Erschöpfung übermannte sie und sie fiel mit dem Neugeborenen an ihrer Seite in einen Dämmerschlaf.

[Bild: xc5kceja.jpg]

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#27
Die Stimmen im Raum summten in ihrem Kopf und trugen zu ihrer schläfrigen Stimmung einlullend bei. Das kleine Bücherregal war eine zu bequeme Stütze, als dass sie diese nicht dankbar hätte annehmen können und bald schon merkte sie, wie sie ihre Augen kaum mehr offen halten konnte. Lediglich ein paar Bemerkungen trug sie zu den Gesprächen bei, dann hatte sie hoffnungslos den Faden verloren. Die Tage waren lang und arbeitsreich; die letzten Ernten mussten eingebracht und Vorbereitungen für den nahenden Winter mussten getroffen werden. Als sie hochschreckte, die Augen vor Panik geweitet und mit pochendem Herzen in der Brust, entschied sie, dass es Zeit war, das Treffen des Herzogsrings zu verlassen - immerhin konnte Cois ihr noch Bericht erstatten, falls etwas wichtiges anstehen würde. Sie murmelte ein paar leise Worte des Abschieds und der Entschuldigung und schob sich durch die Tür.

Der kühle Abendwind und der Marsch von der Burg zu ihrem Hof kitzelten ihre Lebensgeister, doch die Müdigkeit hatte sich bereits allzusehr in ihre Knochen gefressen, so dass sie an der Weggabelung Richtung Rabenstein entschied, keinen Abstecher in die Ortschaft zur Garde zu machen. Sie würde Kyron wohlmöglich mit ihrer Schläfrigkeit nur anstecken. Also trabte sie den ihr mittlerweile wohlbekannten Pfad gen Rabenfelder und freute sich darauf, alsbald in ihr Bett zu sinken und früher oder später zu bemerken, dass auch der Ehemann den Weg in die gemeinsame Lagerstatt gefunden hatte.

Den Sommer über hatte sie sich zurückgezogen. Nach dem kräftezehrenden Umzug und der Geburt der Tochter war dies auch bitter nötig gewesen. Obgleich es nicht hieß, alle Pflichten vernachlässigen zu können und dem süßen Nichtstun zu frönen. Die Kinder brauchten ihre Aufmerksamkeit und Sorge und Haus und Hof mussten bewirtschaftet werden. Doch sie ging alles etwas langsamer an, nahm sich mehr Zeit als üblich für die Gemeinsamkeit mit der Familie und ließ einen Wäschehaufen oder das Geschirr vom Frühstückstisch auch mal links liegen - die Hausarbeit lief ihr immerhin nicht weg.

Das Haus hatte sie mittlerweile eingerichtet: Unten eher die zweckmässige Wohnküche mit großem Tisch, Arbeitsplatz für Kyron und Lagermöglichkeiten für alle Dinge, die man eben so brauchen konnte, oben das gemütliche Schlafzimmer mit feinen Vorhängen und Teppich, Waschgelegenheit, Kleiderschrank und der kleinen, aber erlesenen Sammlung an Büchern. Cahira hatte schon einige Unterkünfte eingerichtet - ihre Häuser in Silendir, dann in Zweitürmen, dazwischen diverse Quartiere der Klinge - und langsam aber sicher spielte sich eine Art Routine dabei ein. Sie wusste, was sie wo brauchte und drapierte hier eine Vase, dort ein Kissen, um für heimelige Behaglichkeit zu sorgen.

Cahira hatte den Aushang, dass in der ravinstahler Verwaltung ein Schreiber gesucht wurde, kurz nach dessen Anbringen erspäht. Sie hatte mit sich gerungen, ob sie sich bewerben soll. Einerseits hatte sie eine neue Anstellung so kurz nach ihrem Weggang aus Zweitürmen irgendwie als Verrat empfunden, andererseits hatte erst noch die Reise mit Cois nach Candaria angestanden. Mártainn versuchte nun schon eine geraume Weile genauere Informationen zu dem verfluchten Baronssitz auf den Rabenfeldern zu sammeln und eine ehemalige Angestellte sollte diese liefern. Cahira hatte zwar Gewissensbisse, Kyron mit den Kindern und dem Hof alleine zu lassen, hielt es aber im Sinne der Namensfindung für die Tochter doch für einen guten Einfall und Lionel verehrte den Vater allzu sehr, als dass er ernstliche Probleme verursachen würde.

Nach rund einem Wochenlauf kehrten sie ohne neuen Erkenntnisse zurück - zwar sah man Cois die Zermürbung hinsichtlich seiner erfolglosen Suche nicht direkt an, aber Cahira konnte doch spüren, dass es an ihm nagte - und der Säugling hatte immer noch keinen Namen; immerhin konnte Kyron nun ohne Umstände Windeln wechseln. Ein Ritual bei Neumond sollte den Namen nun offenbaren. Sie vertraute Kyron, so dass sie nicht genauer nachfragte, was genau er damit meinte. Natürlich hätte Cahira selber einen Namen vergeben können. Doch sie hatte das Kind zehn Monde lang unter ihrem Herzen getragen und die Namensgebung sollte das Band zwischen Vater und Tochter stärken; und schließlich sah sie es als eine Art “Tradition” an, Lionel hatte seinen Namen auch vom Vater bekommen.

Schließlich bewarb sie sich um den Verwaltungsposten. Ravinsthal war noch mal etwas ganz anderes als die kleine Schreibstube in Zweitürmen oder die langen, bürogesäumten Flure in Guldenach, aber letztendlich glich sich die Arbeit: Bürgerakten mussten geführt und Liegenschafsregister auf den neuesten Stand gebracht werden, Aushänge mussten gefertigt und angebracht werden, Briefe geschrieben … Ganz im Allgemeinen war das Leben in Ravinsthal recht angenehm, trotz des schlechten Rufes, welches das Lehen in Servano inne hatte. Allzu oft schoß Cahira die Röte ins Gesicht, wenn einer der Gardisten, die nahe des Verwaltungstraktes ihre Bahnen zogen, einen zotigen Witz zu einer über den Burghof eilenden Wäschemagd hinabrief, der aber auf ebensolche Weise vergolten wurde. Die Menschen waren rau aber herzlich und sie empfand den Zusammenhalt hier doch enger als beispielsweise in Löwenstein, wo sich ein jeder fremd schien.

Zudem gestaltete sich das Zusammenleben mit Kyron als harmonisch und so, als ob sie nie getrennt gewesen wären. Es waren die kleinen Gesten, das stille Beisammensitzen, wenn die Kinder schliefen, das schlichte Füreinanderdasein. Hier waren sie wieder eine richtige Familie. Sie wusste diese Zeit umsomehr zu schätzen, da die Vergangenheit ihrer Beziehung ein ständiges auf und ab gewesen war, jüngst die Trennung aufgrund dieses Paktes mit Dureth. Zum Glück hielt sich der Puppenspieler bisher im Hintergrund und ihr war es ganz lieb, dass der Mann sich nicht zeigte

Der Angriff der Piraten und wilde Eber, Käferschwärme und sonstiges Getier, welches aggressiv die Rabenfelder bedrohte, rissen Cahira letztendlich doch aus ihrer sommerlichen Lethargie und zeigten deutlich, dass Beschaulichkeit und Idylle nicht auf Ewig währten, so sehr sie es sich auch wünschen würde. Niemand aus ihrer Familie wurde bislang verletzt, doch in Ravinsthal waren die grausamen Spuren des Übergriffs noch über Wochen deutlich zu erkennen; ihr Hof war zwar bislang von der Heimsuchung der Natur verschont geblieben - anders als der Steinadlerhof, von dem Magda berichtete, dass die Ernte gefressen und Tiere gerissen worden wären - aber die Wesen wagten sich immer weiter vor und sie musste ein strenges Auge auf den herumtollenden Lionel haben. Doch trotz dieser Unbillen ließ die kleine Trauerfeier, die Cois für die Gefallenen der Attacke abhielt, ihr gewahr werden, welch ein Glück sie eigentlich hatte: Eine Familie, zwei gesunde Kinder, ein mehr als erträgliches Einkommen, eine anerkannte Stellung in der Gesellschaft ...

[Bild: xc5kceja.jpg]

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#28
Am Tag der Sonne kam sie zur später Stunde vollkommen nass und erfroren nach Hause. Glücklicherweise hatte sie sich bei Aki etwas aufwärmen können, als sie ihre neue Rüstung abgeholt hatte. Doch nachdem sie Cois noch rasch die Schlüssel für die neue, größere Koppel überlassen hatte und in die kühle Wohnküche getreten war, merkte sie, wie sich das klamme Herbstwetter in ihre Knochen gefressen hatte und sie leise bibbern ließ.

Cois’ Unternehmung, den zerstörten Faunschrein zu sichten und die Herkunft der Wesen zu untersuchen, hatten ihr in der Tat gut getan. Fernab von den Pflichten als Mutter und Hofbetreiberin hatte sie sich einmal mehr wie eine richtige Klinge gefühlt. In der Bewegung und Anspannung, was die Gruppe wohl als nächstes erwarten würde, hatte sie den kalten Wind und die Nässe kaum gespürt, dennoch ein paar sehnsüchtige Blicke auf Kyrons weichen Wollschal geworfen, den sie ihm vor ein paar Mondläufen aus Candaria mitgebracht hatte.

Rasch entfachte sie ein paar Holzscheite, deren munteres Feuer nicht nur allmählich das Haus, sondern auch das Badewasser im Kessel auf der Feuerstelle erwärmte. Die Kinder waren bei Flint, dem Heiler in Rabenstein, untergebracht, die Tröge der Tiere gefüllt - mit einigen Gewissensbissen dankte sie den Göttern dafür, sich heute abend nur um sich kümmern zu dürfen. Auf alle Fälle würde sie Flints Gefallen, die Kinder zu betreuen, morgen mit einem kräftigen Frühstück vergüten.

Kyron war während ihrer Schwangerschaft aus Sorge um ihr Wohlergehen mit Flint einander geraten und Cahira hatte Tage später mit viel gutem Zureden die Wogen geglättet und dabei herausgefunden, dass sich der Mann in der Not sehr wohl als Hüter ihrer Kinder eignen würde. Als Lionel zudem recht zielsicher auf ein Gefäß gedeutet und den Inhalt erkannt hatte, hatte der Junge das Herz des Heilers im Nu gewonnen. Trotzdem er noch klein gewesen war, war ihm die Zeit auf Svesur in Aidans Stube sehr wohl im Gedächtnis geblieben. Cahira, die die Auffassungsgabe ihres Sohnes sehr wohl zu schätzen wusste, hätte es doch lieber gesehen, wären ausgerechnet dieses Episoden ihrer Zeit auf den galatischen Inseln weniger präsent im Kopf ihres Jungen.

Nachdem sie Waffe und Schild gereinigt und abgetrocknet und sich der feucht kalten Lederrüste entledigt hatte, füllte sie das heiß dampfende Wasser schließlich in den bereitgestellten Waschzuber um und ließ die Scheite noch glühen, damit auch Kyron, wenn er aus Rabenstein nach Hause kommen würde, noch zumindest lauwarmes Waschwasser vorfinden würde. Aus ihrem wohl gehüteten Schatz von duftenden Ölen wählte sie die grüne Phiole mit dem Aroma frischer Fichtennadeln und träufelte ein paar Tropfen ins Wasser.

Als sie noch in Zweitürmen gewohnt und gearbeitet hatte, war sie des öfteren in Löwenstein gewesen und hatte in der Vielzahl von Geschäften und Buden gestöbert und so manch Kleinod, wie eben jener Auswahl an Duftölen und Seifen, gefunden. Ravinsthaler schienen sich mit dererlei Tand nicht abzugeben. Sie hatte nichts gegen die allgegenwärtige Kernseife, aber wenn es dem Anlass entsprach, seifte sie sich gerne mit der Rosenseife ein oder nahm, wie eben jetzt, ein heißes, den sich ankündigenden Schnupfen vertreibendes Bad.

Sie ließ auch für Kyron das duftende Ölfläschchen stehen, wickelte sich in ein dickes Tuch und fiel warm, entspannt und glücklich ins Bett. Ciola, die kleine Katze, welche Lionel vor dem Hungertod gerettet hatte, rollte sich an ihrem Fußende ein. Während die Regentropfen weiterhin auf das Dach des Hauses klopften, schlief sie rasch ein, obwohl sie auf die Heimkehr ihres Ehemannes warten wollte ...

Am frühen Morgen am Tag des Mondes versorgte sie die Tiere und schlenderte nach Rabenstein, um dort die Kinder abzuholen und mit Flint gemeinsam zu frühstücken. Sie kehrten nicht gleich zum Hof zurück, sondern machten zunächst Zwischenstation bei Owen. Lionel brauchte einen neuen, dickeren Mantel, denn der kommende Winter versprach kalt zu werden. Cahira selber konnte zwar Löcher hinlänglich stopfen, ansonsten war an ihr kein Talent für die Schneiderei verloren gegangen. Während der Schneidergeselle Lionel für die richtige Mantellänge rasch vermaß, präsentierte dieser stolz sein Pendant zum Wollschal des Vaters und konnte zu Owens Leidwesen gar nicht ruhig stehen.

Ansonsten wartete der Tag mit der üblichen Arbeit auf. Sie lagerte Kartoffeln, zuvor gepöckeltes Fleisch und Fisch und Stroh ein, versah das eingekochte Apfelmus mit Etiketten, versuchte den jungen Hengst an das Zaumzeug zu gewöhnen und amüsierte sich über ihren Sohn und seinen Hund, die im Hof Fangen spielten. Der gestrige Regen hatte die Luft frisch und rein hinterlassen; der Tag war klar, doch obwohl die Sonne schien, spürte man bereits die Ahnung von Frost in jedem Atemzug. Dennoch holte sie Kissen auf die Veranda des Hauses, um wohl noch in den letzten Sonnenstrahlen dieses Jahres den warm duftenden Mittagseintopf zu essen.

Sie brachte die Kinder relativ früh zu Bett. Der Junge war durch sein Herumtoben recht müde und Brynja war nach ihrer Milch und einem zufriedenen Aufstossen sofort wieder eingeschlafen. Ein letzter Gang über Hof und Felder, ob alles in Ordnung war, dann wollte auch Cahira den Abend am Ofenfeuer ausklingen lassen … doch die aufgeschreckten Hühner und dumpfes Grollen rissen sie recht schnell aus dieser idyllischen Vorstellung. Im Laufschritt eilte sie gen Stall. Ein Wolf machte sich gerade daran, den Hühnerpferch zu erobern, während zwei andere abwartend auf die Beute lauerten. Während die junge Frau noch überlegte, wie sie nun gegen drei Wölfe ankommen sollte, kam Lionel aus dem Haus geschossen. Barfüssig, die Haare wild, schrie er den Viechern entgegen: “Lasst meine Hühner in Ruhe!”

Es war etwas anderes, sich selber ganz bewusst einer Gefahr auszusetzen und genau dafür ausgerüstet zu sein und viele Stunden damit verbracht zu haben, diverse Kampftechniken zu erlernen - darauf, den Jungen unmittelbarer Bedrohung in Form von drei recht imposanten Wölfen zu sehen, hatte sie niemand vorbereitet. Jegliches Denken setzte aus; sie hatte nur Augen für den stocksteifen Lionel, dem wohl auch gerade erst bewusst geworden ist, welche Dummheit er da begangen hat und nun vom Silbernen beschnuppert und anschließend beleckt wurde. Den Göttern war es gedankt erfasste Kyron, der gerade vom Dienst nach Hause kam, die Situation präzise und verjagte die Biester.

Jetzt erst kam Bewegung in ihre Glieder; sie rannte zu Lionel und drückte den Jungen an sich. Zum Glück war auch Ghalen - der noch einen abendlichen Besuch abstatten wollte - zur Stelle und plauderte zwanglos drauf los und nahm der Situation allmählich den Schrecken. Dennoch brachte Cahira keinen Ton heraus; die Angst hatte einen dicken Klumpen in ihrer Kehle hinterlassen, der sich erst mit einem Becher eilig heruntergestürtzten Cider löste. Doch sie war mit Kyron einig, dass Giftköder wohl eine gute Lösung wären, um das Wolfsproblem zu bannen. Sie sprachen noch über einige andere Dinge, Kyrons Ausbildung, die er hier in Ravinsthal endlich zu einem Ende führen konnte, doch in ihren Gedanken hatte sich das Bild, wie Lionel vor dem silbernen Wolf gestanden hatte, um seine Tiere zu beschützen, mit bangen, flatternden Herzen und auch einem Hauch von Stolz festgesetzt.

Natürlich konnte Lionel nach diesem Ereignis kaum einschlafen. Als Cahira in die Schlafstube kam und Kyron noch einen Rundgang um den Hof machte, hatte der Junge noch kein Auge zugetan. Erst als er noch ungefähr drei Mal die Ereignisse des Abends mit seiner Mutter besprochen hatte, Brynja zwischendurch unzufrieden aufgewacht war und wieder beruhigt werden musste, und zwei Schlafliedern fielen ihm die Augen zu. Cahira indes schlief in dieser Nacht kaum …

Am Tag des Dienstes fühlte sich die junge Frau von den Ereignissen des vergangen Abends und der durchwachten Nacht wie ausgelaugt. Obwohl oder vielleicht gerade weil Lionel den Ernst der Lage verkannte und alles für ein wunderbares Abenteuer hielt, sah sie zu, den Jungen den Tag über nah bei sich zu halten. Als Brynja jedoch ihrer vollen Aufmerksamkeit bedurfte - das Windeltuch war voll, die Kleine hatte Hunger und spie’ dann doch die Hälfte der Milch auf Cahiras Kleid - schaffte es der Junge, den wachenden Augen der Mutter zu entfliehen. Diese rannte dann selber wie ein kopfloses Huhn auf dem Hof herum und malte sich die schrecklichsten Dinge aus, was Lionel geschehen sein mag.

Der hatte sich aber nur mit ein paar Zuckersteinen ins HaKu verdrückt und wurde von Cahira, die ihrem glückselig Süßigkeiten lutschenden Sohn gar nicht böse sein konnte, vollkommen aufgelöst an die Brust gedrückt. Eigentlich stand heute Verwaltungsarbeit an, aber sie hatte keine Muße sich mit Schriftstücken zu plagen und suchte eine um die andere Ausreden, dem Dienst fernzubleiben. Doch eine Pflicht war eine Pflicht und Lionel war dank des patenten Einschreiten des Vaters nichts geschehen. Außerdem freute sich der Junge immer mit Kyron ein paar Stunden alleine verbringen zu können - sie dachte da an den letzten Ausflug ins Moorbad, von dem der Kleine noch tagelang zehrte, und der so typisch für den Vater, so anders war, als die alltäglichen Unternehmungen, die sie ihren Kindern bieten konnte. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn war eben doch etwas anderes und vor allem umso erfreulicher, da beide auf Svesur keinen guten Start miteinander hatten.

Schließlich gabe Kyrons Zureden den Anlass, ihr Dienstkleid überzuziehen, Mann, Sohn und Tochter jeweils einen dicken Kuss auf die Stirn zu drücken und sich auf den Weg zur Burg zu machen. Mittlerweile kannte sie die meisten Burgwachen mit Namen und auch ihre Familien, so dass ihr Weg zum Verwaltungstrakt durch Plaudereien verlängert wurde. In den Büroräumen allerdings war es dann ruhig und nur gedämpft drangen Geräusche von außen durch die dicken Mauern. Der dumpfe Geruch von Hadern und Tinte lag in der Luft und beruhigte die angespannten Nerven der jungen Frau.

Manchmal fand sie es recht eigenartig, dass sie diese Arbeit so gerne verrichtete und wunderte sich selber, wie sie den Überblick über die ganzen losen Schriftstücke und Akten behalten konnte. Aber so war es gewesen, seit Kyron ihr damals in Guldenach vor so vielen Jahren das Lesen und Schreiben beigebracht hatte, und dabei ist auch geblieben. In der geruhsamen Arbeit als Schreiber, die selten Überraschungen barg, hatte sie von jeher Kraft für ihr sonst doch recht wechselhaftes Leben geschöpft. In der Klinge war sie ebenfalls für die Buchführung zuständig gewesen und hatte die meiste Korrespondenz geführt.

Auch jetzt verfehlte die Beschäftigung mit Liegenschaftsregistern, Bauanfragen und Bürgschaftsurkunden nicht ihren Zweck. Es kehrte eine tiefe Beruhigung in die junge Frau, die ihre Gedanken auf wenig aufreibende Dingen richten musste. Vielleicht hatte ihr Mann gerade das bezweckt, als er sie drängte, trotz der Wolfsplage in die Schreibstube zu gehen. Vermutlich hätte sie alle mit ihrer Sorge nur noch nervöser gemacht und sie zollte Kyrons Weitsicht innerlichen Respekt. Der Abend war bereits fortgeschritten, die Sprechstunde zu ihrer Überraschung gut besucht gewesen, als sie endlich den Heimweg antrat und ihre Familie bei den letzten Happen des Abendessens vorfand …

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#29
Konklave 1403 - Auftakt

“Kon-klaaaaaa-ve! Kon-klaaaaa-ve!” Mit jeder getrillerten Silbe sprang Lionel auf dem Bett, welches gequält ächzte und dessen Matratze einige Federn und Stroh entließ, auf und ab. Seine Begeisterung, mit der Mutter nach Löwenstein reisen zu dürfen, hohe Würdenträger und Ritter des Reichs bestaunen und sogar die phantastische Löwenwacht begehen zu dürfen, brachte bei Cahira gleichsam ein mildes Lächeln auf die Lippen wie auch ein tadelndes Kopfschütteln zu Tage. Die Euphorie erlebte nur einen Dämpfer, dass der Vater sie wohl nicht begleiten würde, doch Onkel Cois war ein mehr als annehmbarer Ersatz für Kyron.

Am Vorabend der eigentlichen Feierlichkeiten traf man sich im Hof von Burg Rabenstein. Cahira hatte ein paar Sachen für die Übernachtung in Kalvas’ Satteltaschen gepackt, aber eigentlich wollte sie nur einen Tag bleiben und dann wieder in die heimatlichen Gefilde zu Heim und Herd zurückkehren. Fürst Lazarus entpuppte sich als herrlich unkompliziert. Er trat auf den Burghof, nahm ein paar Schlucke aus einem Flachmann und mahnte dann zum Aufbruch. An einem Strick führte er einen der berühmten ravinsthaler Rappen mit sich als Gastgeschenk für die Vogtin. Auch Lionel benahm sich vorbildlich. Außer, dass er die Wartezeit bis zur Abreise Richtung Servano mit Spielerein am Brunnen verbrachte und sich natürlich sein sauber angezogenen Hemd und Hose benässte, sass er vor Cahira im Sattel und bestaunte die an ihnen vorbeiziehende Umgebung und den stark anschwellenden Tross.

In Thalweide stießen die Grauwölfe zu ihnen und diese führten eine Vielzahl an Packpferde mit sich; an der niedergebrannten Kreuzwegtaverne trafen sie auf die Gesandten aus Hohenmarschen, Nortgard und Silendir - den Herzog höchstselbst. Die Gerüchte hatten sich also bewahrheitet. Wie sie später Cois anvertrauen würde, hatte sich der Mann seit ihrer letzten Begegnung kaum verändert. Noch immer gutaussehenden, charmant, der perfekte silendirische Edelmann eben, den man aber trotz seines gezierten Auftretens und modischer Rafinesse nicht unterschätzen durfte. Irgendwie hatte sie doch gehofft, dass ihm eine Warze direkt auf der Nase gewachsen wäre oder dergleichen, für dass, was der Klinge damals angetan worden war und letztendlich zu ihrer Zerschlagung geführt hatte. “Es ist eben doch nicht so viel Zeit vergangen wie man denkt.” würde Cois auf seine ihm so eigene lakonische Art antworten und natürlich hatte er, wie meist immer, Recht.

Ab und an murmelte sie ihrem Sohn Erklärungen entgegen, wer die hohen Herrschaften waren oder welche Landmarke sie passierten. Im Großen und Ganzen kamen sie gut voran; so wie es eben bei so einem großen Tross üblich war, stockte er mal ohne ersichtlichen Grund und zog dann wieder an Geschwindigkeit an. Natürlich wurden sie von der Stadtwache am Tor von Löwenstein erwartet und auch einige Bürger hatten sich eingefunden, um die Besucher in Augenschein zu nehmen. Cahira merkte sehr wohl die kritischen Blicke, die vor allem den Ravinsthaler zugeworfen wurden - die rote Amtstracht mit dem silbernen Emblem stach aus der Gruppe heraus - und die leicht angespannte, kühle Atmosphäre, aber sie ließ sich nichts anmerken, vor allem nicht wegen ihres Sohnes, der in kindlicher Freude vom Pferd winkte und aufgeregt mal hier und dort hin deutete.

Nachdem sie die Pferde in den Stall im Burghof der Löwenwacht untergebracht hatten - und bei so einer großen Gruppe hatte die Stallknechte alle Hände voll zu tun - begann das schier endlose Prozedere der Begrüßung. Jeder Gesandte sprach bei der Vogtin vor, die angetan in vollem Orant und flankiert von Stadtwächtern, mal mehr oder weniger freudig die mitgebrachten Gaben annahm. Selbst Cahira taten nach einer Weile die Füße weh und sie lauschte den Freundlichkeitsbekundungen nur noch mit einem Ohr, erging es Lionel nicht anders, denn nach eingehender Betrachtung der beiden Personen direkt vor ihnen - Titus Falkenstein von Silendir und seiner wirklich imposant gewachsenen Leibgarde - fragte der Knirps recht vorlaut: “Mama, warum ist der Mann vor uns so kl ….”

Sie zuckte zusammen und drückte dem Sohn die Schultern, damit er dieses eine unsägliche Wort ja nicht aussprechen würde. Der Herzog war klein geraten, das konnte wohl jeder sehen, aber in Silendir war es so eine Art ungeschriebenes Gesetz, nicht über den mangelhaften Wuchs des Hochedlen zu sprechen, schon gar nicht in seiner Gegenwart, da drehte sich der Herzog auch schon um. Sie hatte keine Ahnung, ob ihm dämmerte, was Lionel hatte sagen wollen, noch wusste sie, wie er reagieren würde oder er sich überhaupt wegen dem Jungen umgedreht hatte. Doch sein Blick suchte Lionel, maß den nun stummen Knirps einen Moment, dann zauberte er mit einem hinreißenden Lächeln einen Zuckerhahn unter seiner Weste hervor, strubbelte Lionel durchs Haar und verfolge dann wieder den Akt der Begrüßung, der nun glücklicherweise auch seinem Ende entgegen ging. Cahiras Mutterherz wurde von dieser Geste erleichternd gewärmt. "Papa sagt immer, man muß die Wahrheit sagen!" Da sie genau wusste, mit welchem Argument Lionel jede ihrer maßregelnden oder erklärenden Worte zunichte machen würde, schob sie das Gespräch über sein naseweises Verhalten schlicht beseite.

Recht rasch zerfaserte sich die Gruppe. Einige, darunter auch sie selber, Cois, die Edlen Tartsonis, Sanchez und Melyr, bezogen direkt in der Löwenwacht Quartier; die Grauwölfe hatte sich wohl in der Stadt etwas organisiert. Es war für alle ein langer Tag gewesen und man fieberte einem gutem Humpen Ale noch am Abend und den Feierlichkeiten am nächsten Tag entgegen. Lionel schlief auf der Stelle noch mit seiner Süßigkeit in der Hand ein. Cahira schnappte noch etwas Luft, ehe auch sie sich zur Ruhe begab. Sie lauschte noch eine Weile den hohen Herrschaften, die im ravinsthaler Quartier feierten, tranken, lachten. Es erinnerte sie irgendwie an Svesur, an die Lebensfreude ihrer galatischen Sippe und sie schlief mit einem Lächeln auf den Lippen ein.

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#30
Konklave 1403 - Das festliche Massaker

Aus. Vorbei. Sie konnte und sie wollte nicht mehr. Sie kam sich vor wie eine der Übungspuppen, welche sie in der Vergangenheit traktiert hatte unter dem Kommando von verschiedenen Stimmen - unter anderem Sievert, Kordian, Kyron - um ihren Körper zu stärken. Es gab wahrscheinlich keinen Knochen in ihrem Leib, der ihr nicht weh tat und sie bei jeder noch so kleinen Bewegung quälte. Nein, keine Puppe. Ein loser Sack aus Knochen.

Ein halb zu Tode geprügelter, zerkratzter Knochensack. Ihr Kleid war hin. Zerrissen von garstigen Händen, die sie am fliehen hindern wollten und es letztendlich geschafft hatten, dass sie zwar aus dem Festsaal raus aber nur ein paar Schritte weiter zu Boden geschlagen worden war und liegen blieb. Sie wusste nicht, wie oft sie den Versuch unternommen hatte, den Angreifern zu entkommen. Doch bei jeder Regung stürzten sich mindestens einer, meist jedoch mehrere dieser merkwürdig blassen Gestalten auf sie und schlugen, tritten, kratzten solange auf sie ein, bis sie sich nicht mehr rührte. Ihre Widerwehr wurde mit jeder dieser Attacken lahmer, die zurückgelegte Strecke kürzer. Die Kräfte schwanden, als ob sie ihr durch irgendeine unheilige Macht entzogen wurden. Hoffnungslosigkeit, Mutlosigkeit und Schwäche hinterließen ein großes dunkles Loch in ihrem geschundenen Leib.

Die Winterkälte frass sich bereits durch den Stoff des Kleides. Blinzelnd erkannte sie ganz nahe bei sich das Rot eines ravinsthaler Wappenrocks. Isabelle? Die Schmerzen von Platzwunden am Kopf raubte ihr zeitweise die Sinne und ließ die Umgebung flimmern. Blut lief von ihrer Stirn in ihre Augenbrauen, von ihrer Nase über Lippen und Kinn; sie schmeckte das metallischen Aroma des roten Lebenssaftes in ihrem Mund. Der Atem hörte sich in ihren eigenen Ohren seltsam schwer und röchelnd an. Sie war bei weitem keine Heilerin, aber sie vermutete eine gebrochene Rippe. Oder vielleicht mehrere. Wenn Sie Glück hatte, war es bei diesem Bruch geblieben und die zerborstenen Knochen hatten nicht noch mehr Schaden angerichtet … aber was spielte das nun noch für eine Rolle?

Sie konnte nur hoffen, dass Magda mehr Geistesgegenwart als sie selber, die nachsehen wollte, warum beim Thronsaal so ein Wirrwarr ausgebrochen war, besessen und Lionel, sich selber, ihr ungeborenes Kind in Sicherheit gebracht hatte. Dabei hatte der Tag doch so gut begonnen …

Sie wurde vom aufgeregten Lionel aufgeweckt. Nach der Morgentoilette nahmen sie ein einfaches, doch kräftigendes Frühstück ein und halfen bei der Beseitigung der Feierrückstände im ravinsthaler Quartier. Der etwas sauertöpfische Diener ließ sich für eine Führung durch die Löwenwacht erweichen, da er wohl erkannte, dass nicht alle Ravinsthaler schlitzohrige Halunken waren und der wissbegierige Sohn fragte dem Mann sprichwörtlich Löcher in den Bauch. Danach erkundeten sie die Stadt. Cahira zeigte Lionel die Markthalle, die Schmiede, wo sie Kordian und Kyron nach ihrer langen Trennung wieder getroffen hatte, die Bibliothek; sie ließen sich einfach treiben, erstanden hier und dort ein paar Kleinigkeiten zum Naschen, denn schließlich sollte es am Abend das große Festbankett geben und kehrten am späten Nachmittag mit schmerzenden Füßen und kalten, roten Wangen aber vorfreudiger Stimmung wieder zum Quartier zurück. Zur Feier selber dann begleiteten sie mit Cois den Fürsten, der sich aber mit den anderen Adligen im Thronsaal versammelte.

Gerade noch stopfte sich Lionel ein saftiges Stück Braten in den Mund und am Tisch diskutierte man über ein Trinkspiel - Cahiras Gedanken kreisten um Dinge, welche sie noch nie getan hatte, um die anderen zum trinken zu bewegen - da brach das Chaos aus.

“Cahira!” War es Kennans Stimme, die da ihren Namen rief? Sie wurde hochgerissen und aus ihrem Schleier aus Schmerzen und Betäubung heraus merkte sie, wie sie mitgeschliffen wurde. Zwar versuchte sie so gut sie es in ihrem geschundenen Zustand vermochte behilflich zu sein, doch ihre Füße wollten ihr nicht mehr ganz gehorchen. Andere Stimmen, Laute drangen wie durch zähe Melasse zu ihrem trägen Hirn. Das meiste hatte kaum einen Sinn, erst als sie wieder irgendwo zum liegen kam, hörte sie Lionel an ihrer Seite schluchzen. Er war zwar immer noch hier, in diesem Massaker eines eigentlich freudigen Anlasses, aber er lebte, war unversehrt.

Als sie das nächste Mal erwachte, fanden sie sich mit einer kleinen Gruppe in den Untiefen der Festung der Gefängnisinsel wieder. Ihre Wunden waren notdürftig versorgt worden, der eingeflößte Heiltrank tat sein Werk und musste vorläufig ausreichen, Cois hatte ein Gebet zu den Göttern gesandt. Jedenfalls waren die Schmerzen etwas gedämpfter. Es war wohl vorhin tatsächlich Isabelle gewesen, deren Wappenrock sie gesehen hatte, denn sie saß nun an die Wand gelehnt, war blass, ebenfalls angeschlagen, aber noch immer kampfeslustig, wie sie ihren kleinen Dolch umklammerte: “Den hier traue ich kein Stück!”, womit sie wohl sämtliche Flüchtenden ausschließlich der bekannten ravinsthaler Lehensangehörigen meinte. Magda schlief vor Erschöpfung ein; Cahira befürchtete, dass der Stress zu einer verfrühten Niederkunft führen könnte. “Das wäre das schlimmste, was mir jetzt passieren könnte!”, hatte die Schwangere noch gemurmelt, ehe ihr die Augen zugefallen waren.

Die Gefängnisinsel brummte wie ein aufgeschreckter Bienenstock. Das Winseln von Verwundeten und Sterbenden untermalte das Klirren von Rüstungen, eiligen Schritten; Rufe nach Heilern wurden laut, Kinder plärrten und der Geruch von Tod und Verderben lag schwer in der abgestanden Luft. Die Geräuschkulisse von gestern Abend wäre ihr wissen die Göttern bei weitem lieber gewesen. Lionel rollte sich an ihrer Seite ein, wie er es als ganz kleiner Junge schon getan hatte und sie zog einen Umhang, der ihr dankenswerterweise von unbekannten Spender über die Schultern gelegt worden war, über ihrer beider Gestalten. Gerüchte, Vermutungen was eigentlich geschehen war erreichten sie auch hier in den Gewölben. Beinahe den gesamten Hochadel hat es dahingerafft bei dem überraschenden Angriff der Vampire. Vampire? Noch wusste sie nicht, was sie davon halten sollte. Jedenfalls waren der Fürst und Reichsritter Zornbrecht entkommen und so wie berichtet wurde, auch die meisten Ravinsthaler.

“Mama?” Beinahe verzagt nuschelte Lionel unter dem Umhang hervor und lugte mit großen Augen auf. “Der kleine Mann ist tot.” Eine schlichte Feststellung des Jungen, dessen Ohren sie kaum verschließen konnte und der trotz seiner Angst mehr mitbekommen hatte, als ihr lieb gewesen wäre. Kurz wallte Trauer für den Herzog auf, für den ehemaligen Landsmann, für den Ehemann, für den Mann, der ihrem Sohn doch gerade erst gestern auf so unnachahmlich charmante Weise eine kleine Freude gemacht hatte.

“Werden wir auch sterben?” Da war die Sache wieder mit der Wahrheit. Um genau zu sein wusste sie es nicht und sie neigte in der Tat, angedacht ihres Zustandes und dem vieler anderer wohl auch, eher dazu, diese Frage zu bejahen. Wie waren die Angreifer so rasch in den Saal gekommen und konnten sie nicht auch hier unversehens auftauchen und sie ohne große Gegenwehr niedermachen? Die Antwort kam ihr also zögerlich über die aufgeplatzten Lippen, denn es hatte keinen Sinn, den Jungen noch mehr zu verschrecken als er ohnehin schon war: “Nein, wir kommen wieder nach Hause!” Und insgeheim betete sie darum, dass dies tatsächlich der Wahrheit entsprechen würde.

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