FSK-18 Tagebuch eines Monsters
#1
Tagebuch eines Monsters

I.                  Episode – Erwachen
II.                Episode – Instinkt
III.             Episode – Kraft
IV.               Episode – Heilung
V.                  Episode - Fluch
VI.               Episode – Mond
VII.            Episode – Jagd
VIII.         Episode – Kontrolle
IX.              Episode –Silber
X.                 Episode – Alpha
XI.              Episode – Brut
XII.       Episode - Gestaltwandler




Ich bin ein Werwolf. Und damit schimpfen mich die Lebenden ein Monster. Was definiert mich als Monster? Die schwache, unterlegende Art der Menschen definiert ein Monster als Wesen, das ihnen Unerklärlich scheint und nicht kontrolliert werden kann. Es ranken sich viele Mysterien um eine Vielzahl von Monster, manches wird in Sagen erzählt, anderes lässt sich in Büchern recherchieren und manches durch Beobachtung in Erfahrung bringen. Aber dennoch bleibt immer ein unberechenbarer Bruchteil, den man lediglich durch die Erfahrung am eigenen Leib erforschen kann.
Vielleicht bin ich zu hart zu mir selbst. Es gibt Gelehrte, die uns als Wesen mit Verstand anerkennen und den menschlichen Anteil, der neben dem Fluch erhalten bleibt, in den Vordergrund stellen. Auf der anderen Seite gibt es ebenso viele Kritiker, die uns als Wesen bezeichnen, die direkt aus dem Abyss stammen. Die Bezeichnung Monster ist in dieser Hinsicht noch freundlich, wäre in ihren Augen Dämon viel passender.
Dies soll weder ein Versuch der Rechtfertigung noch der Definition sein. Ich weiß was ich bin und das soll an dieser Stelle ausreichend sein. Was ich nicht weiß ist, wie sich meine Zukunft gestaltet. Es war ein harter, steiniger Weg, um mir die Menschlichkeit und meinen Verstand zu erhalten und womöglich erleichtere ich es einer späteren Generation mit dieser Niederschrift an das essentielle Wissen zu gelangen. Außerdem hört man immer wieder Geschichten über Amnesie. Manch einer mag es Ammenmärchen nennen, aber falls ich mir eine Furcht erhalten habe, dann die zu Vergessen. Vergessen wer ich war, vergessen wie ich zu dem wurde, was ich nun bin oder vergessen, welche Entscheidungen ich zu welcher Zeit getroffen habe. Sollte der Wolf in mir je die volle Kontrolle über mein Handeln erlangen, wäre dies der handfeste Beweis, dass es einst einen Verstand in dem Monster gab.
 
I.                 Episode – Erwachen

Der Tag meiner Geburt liegt mehr als drei Jahresläufe zurück. Es war kein glorreicher Moment, sondern ein sehr düsterer. Ich erwachte in einer Höhle, fast aller Sinne beraubt, nackt, dreckbeschmiert, blind und hungrig. Es sollte eine Weile dauern, bis mir bewusst wurde, dass sich meine Sinne verschärft hatten, jedoch mein menschlicher Verstand damit überfordert war. Ich nahm Bewegungen und Geräusche in meiner Umgebung war, bevor ich etwas sehen konnte.
„Wo bin ich?“ fragt eine heisere Frauenstimme. Eine tiefe Männerstimme stößt als Antwort ein Brummen aus. Ehe ich mich versehe konzentriere ich mich auf mein Gehör und stelle fest, dass vier Personen in meiner Nähe sind, drei männlich, eine weiblich. Ich schnuppere und schmecke Frauenparfum, so intensiv, dass ich stumm würgen muss. Es sticht sogar unter dem Geruch der Höhle hervor. Geruch der Höhle? Was denke ich da? Ich verbringe mein halbes Leben in Minen und schürfe Erz, trage die Gerüche von Staub, Lehm und Erde tagtäglich nach Hause, aber nie war die Duftnote so intensiv gewesen. Ich blähe die Nasenflügel und schnupper neugierig. Mein scharfer Geruchssinn verrät mir so viel mehr, als ich es je für möglich gehalten habe. Die Personen um mich tragen verschiedene Kopfnoten, ihr ganz persönliches Parfum. Die Frau riecht nach dem Parfum – beherrscht von Vanille, Nelke und Pfirsich – der eine Mann nach Ale und Metall, der Zweite nach Holzspänen und Angst und der Letzte riecht … sauber. Erstaunlich, aber er brachte es tatsächlich zustande sauber zu riechen. So würde er später auch seinen Spitznamen von mir erhalten: Sauberwolf.
Den Menschen in meiner Umgebung ist scheinbar dasselbe Wiederfahren wie mir. Sie sind meine Leidensgenossen. Sobald ich mich auf meinen, ebenfalls einst verkümmerten Sinn Sehen konzentriere, nimmt die Höhle Gestalt an. Die Umgebung wirkt, als wären überall Feuerschalen angebracht, nur dass diese unsichtbar sind. Meine Tiefenwahrnehmung ist spektakulär. Ich erkenne jede Kante, egal in welcher Entfernung und weiß sogar über die Konsistenz der Erze Bescheid, ohne sie zu berühren oder zu schmecken. Schmecken, ernsthaft? Ich presse mein Gesicht mit unstetem Atem auf die Erde und lecke an dem Untergrund. Die parfümierte Frau gibt einen entsetzten Aufschrei von sich. Ich ziehe die Zunge langsam zurück und koste das staubige Aroma, während ich zu den Übrigen sehe, die mich entsetzt fokussieren.
„Hier ist keinerlei Laterne, aber ich kann alles sehen, was für ein Zauber ist das?“ fragt der saubere Hermetiker. Seine Stimme kommt mit bekannt vor, ich habe ihn schonmal gesehen. Rasch flitzt mein Blick über die anderen. Ich kenne sie alle, ein bunt zusammengewürfelter Haufen von Verdammten.
„Ihr!“ kreischt die parfümierte Schreiberin, als sie den bärtigen Grauwolf mit Alkoholfahne erkennt. Vermutlich waren sie vor diesem Tag verfeindet, so wie es für Löwenstein und Ravinsthal zu dem Zeitpunkt üblich ist.
„Na, Püppchen?“ grollt der alte, massige Mann zurück. Der Holzwurm hingehen gibt sich sehr still und überfordert. Er riecht weiterhin intensiv nach Furcht und Unglaube.
Dann erklingt eine tiefe, dominante Stimme, die mich und die anderen zusammenzucken lässt. Wir hatten die sechste Person weder gewittert noch gehört.
„Endlich seid ihr wach.“
Die Stimme gehört dem Wahnsinnigen – Jasander ist sein Name - wie wir im Laufe der folgenden Tage erfahren. Er ist unser Erzeuger oder behauptet zumindest es zu sein. Die Dinge die er uns näher bringt geben abwechselnd Sinn oder wirken derart verwirrend, dass sie den menschlichen Verstand überfordern.
Bereits drei Vollmonde nach unserer Geburt töten wir ihn gemeinsam.
Bis zu dem Zeitpunkt war nicht genug Zeit, um uns ausreichend zu schulen und mit Wissen zu versorgen. Aber es ist ohnehin ratsamer sich selbst zu bilden, anstatt die Theorien eines Frevlers zu glauben. Zweifellos war er der älteste Werwolf und es stand außer Frage, dass er unsere Gruppe an Welpen gewandelt hat. Jedoch war ungewiss was Jasander’s Intentionen waren. Wollte er uns benutzten? Wollte er uns für seine Machenschaften opfern? Sollten wir seine Untergebenen sein? Um uns zu unterwerfen waren unsere eigenen Monsterhälften zu stur, kräftig und unabhängig. Ich wählte meinen eigenen Weg und der Rest folgte mir. Wir wurden ein Rudel, herumstreunende Wölfe, ohne festen Zusammenhalt aber mit demselben Ziel. Wir schätzten einander nicht, aber konnten unsere Gemeinsamkeiten nicht verhehlen.

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#2
 II.                 Episode – Instinkt

Das gemeinsame Ziel der Kontrolle über den Wolf verknüpfte uns fünf wie ein unsichtbares Band. Wir waren ein Rudel, auch wenn es keiner direkt aussprach. Wenn es etwas zu beschließen gab, waren gewisse Stimmen lauter als die anderen. Schlussendlich setzte sich die meine durch. Warum war mir damals rätselhaft. Mittlerweile ist mir klar, dass es mein Instinkt war, der mich von den anderen abhob.
Mit der Wandlung hatte ich das animalische Verhaltensmuster nicht entwickelt, es wurde nur verstärkt. Gewissermaßen steckten die Eigenschaften bereits seit geraumer Zeit in mir. Der Wille meine Artgenossen zu schützen, vor allem die Schwächsten. Der Wille zu lehren und zu leiten. Der Wille mein Rudel geeint zu halten. Der Wille meine Kammeraden zu nähren und gesund zu halten.
Dieses Bewusstsein wurde durch den Fluch und den erlangten, wölfischen Teil genährt und gekräftigt. Mit jedem Vollmond, den wir gemeinsam auf die Jagd gingen, akzeptierten die anderen mich mehr. Mein Handeln wurde anerkannt, gar adaptiert, da es sich in unserer Wolfsform richtig anfühlte. Während die anderen sich bemühten, gar zwangen an ihrer menschlichen Form und ihren menschlichen Gefühlen festzuhalten, gab ich mich dem Wolf hin. Dadurch, dass ich ihn nie in einen Käfig zwängen wollte, hatten wir keine Meinungsverschiedenheiten und wir gingen Hand in Pfote.
Die Unternehmungen im Rudel erwiesen sich als einfach, wenn ich mich auf meine Instinkte verlassen konnte. Die anderen Mitglieder meines Rudels konnten sich auf mein Handeln verlassen und ihre Energie für anderes aufsparen. Sie hatten jemanden, der die Richtung vorgab und damit trug ich die Last der Verantwortung für sie mit.
Jagen erwies sich als leicht. Ich wählte das Ziel und die restlichen Wölfe formieren sich nach meiner Vorgabe. Fokussieren, annähern, umzingeln und zuschlagen. Als die Beute erlegt war und die anderen entsprechend konditioniert, war es mir vergönnt das beste Stück Fleisch zu wählen, bevor sich die Übrigen an der Beute zu schaffen machen.
Wir stießen auch auf Menschen, die bei unserem Anblick entweder die Flucht ergriffen oder uns attackierten. Im Falle von Aggressivität war es meine Aufgabe, die Nuancen zu erkennen. Ich kann anhand des Verhaltens des Menschen sehen, ob er zur Gefahr für sich selbst oder uns wird. Je nachdem muss ich einen Rückzug in Erwägung ziehen oder den Waghalsigen zur Flucht zwingen. Eine Jagd mag verlockend sein, aber nicht um jeden Preis. Vor allem nicht wenn unser Gegenüber eigentlich ein Freund ist und die animalische Wut das Erkennen überlagert.
Aber am deutlichsten macht sich die Auswirkung meiner verstärkten Instinkte bei meinen körperlichen Empfindungen bemerkbar. Das andere Geschlecht wirkte fast so verlockend auf mich, wie ein angeschlagenes, verwundetes Reh, das ich durch den Wald jagen kann, um es zu erlegen. Der Umstand führte dazu, dass ich die Wölfin zu meiner Gefährtin des Waldes wählte, ob mein menschliches Bewusstsein das mochte oder nicht. Sie stand in meiner Rangordnung über den anderen Rudelmitgliedern und meine Anerkennung ihrer Person führte unwiderruflich zu einer gegenseitigen Anziehung.
Sie hatte keine Wahl, außer sich mir zu unterwerfen. Obwohl das grob klingt, war es für sie keinerlei Strafe. Wir waren durch unser animalisches Bewusstsein wie elektrisiert. Sie reagierte auf meine Körpersprache, auf mein Knurren, auf meine Berührungen. Und ich reagierte auf ihren Geruch, ihre weiblichen Bewegungen und das schützenswerte, filigrane Sein ihrer Weiblichkeit. Streng genommen war sie nicht mein Typ Frau. Ich bevorzugte seit jeher brünett und geheimnisvoll. Sie war blond, aufgetakelt und leicht zu durchschauen. Entsprechend leicht fiel es mir sie zu verführen, falls die Notwendigkeit überhaupt bestand. Denn es fühlte sich vielmehr an, als wäre sie dafür bestimmt.
Die Schreiberin war die erste, die meine Kraft und Selbstkontrolle als Vorteil ansah und die anderen davon überzeugte, dass ich einen guten Anführer abgeben konnte, wenn auch auf Bewährung. Niemand wollte das unbedingt aussprechen, denn dafür waren sie zu stolz und zu sehr menschlich in ihrem Denken. Es aufzusprechen würde bedeuten, dem Wolf nachzugeben. Sie erhielt meine Anerkennung für ihre Loyalität und durfte die Felle mit mir teilen.
Jedoch war das keine willentliche Entscheidung. Es geschah einfach. Nach einer besonders aufreibenden Vollmondnacht, lag sie erschöpft neben mir und eines führte zum anderen. Sie konnte die animalischen Instinkte, die ich in ihr auslöste nicht zurückhalten. Ich wäre ein Narr zu behaupten, dass ich vom Aussehen oder meiner Art den anderen Männern unseres Rudels etwas voraushätte, aber sie entsprachen – zu meinem Glück – einfach noch weniger ihrem Beuteschema. Ich war in Löwenstein gewissermaßen berüchtigt und angeprangert. Gefahr ging von mir aus, wie ein unsichtbarer Schirm.
Wir hielten uns nicht zurück, weder vor den anderen, noch vor unseren Wölfen. Auf skurrile Weise entwickelte sich die körperliche Lust in unserer Wolfsform. Aber ein Akt als Tier war für uns beide unverständlich und gewissermaßen abstoßend. Wir tobten zusammen als Wölfe und ich demonstrierte ihr, dass sie sich mir unterwerfen musste. Sie offenbarte mir die blond schimmernde Fellkehle und ich inhalierte dort ihren Duft. Mein kräftiger Tierkörper landete auf dem ihren und drückte sie zu Boden. Ehe wir uns versahen wurden aus Pfoten Hände, aus Mäulern Lippen und aus Fell Haare. Die Verwandlung vollzog sich rasch und bemerkenswert schmerzlos. Eine Erfahrung, die vorher gern mit brechenden Knochen und brutal zurechtrückenden Gelenken verbunden war. Es lehrte uns, dass wir auf unseren Instinkt vertrauen sollten.  
Selbst in der menschlichen Form erhielten wir das Ringen um Kontrolle bei. Sie genoss es – wie so viele vor ihr – von mir dominiert zu werden. Sie reckte das Kinn und offenbarte die weiche, verletzliche Haut ihres Halses. Ich beschnupperte sie erneut und ihr Geruch brachte mich in Fahrt. Nie zuvor hatte ich Unterwürfigkeit gerochen und geschmeckt. Ich konnte spüren, wie sie sich spielerisch unter mir wand, aber ihr Geist lechzte nur nach animalischer Befriedigung. Es war grausam wie einfach es sich herausstellte, mit ihrer Lust zu spielen. Jede ihrer Bewegungen war wie ein offenes Buch. Ich spürte und wusste wie weit ich sie treiben konnte, ohne ihr die Erleichterung zu schenken und es treib sie schier in den Wahnsinn, als ihr das bewusst wurde.
„Du bist dafür geboren“ fluchte sie in Ekstase. Ich erlöste sie von ihren Qualen und zeigte ihr im gleichen Zug, weshalb sie die richtige Entscheidung mit mir getroffen hatte. Der ganze Wald konnte ihre überwältigten Lobhymnen hören, als sie mir lauthals zustimmte.
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#3
III.                 Episode – Kraft

Die Wandlung bringt viele Vorteile mit sich, welche die Nachteile zwar nicht ausgleichen können, aber den Fluch erträglicher machen. Die Eindrucksvollsten sind die Stärke, die Selbstheilung, die Zähigkeit und die scharfen Sinne. Jede einzelne davon wird mit jedem Vollmond ausgeprägter.
Ich hatte bisher schon einiges an Kraft aufzuweisen, was an meinem Beruf liegt, sowie der Muskelmasse die ich, dank den Genen meines menschlichen Vaters, bemerkenswert gut aufbaue und halte. Aber die Verstärkung durch den Fluch ist dennoch eindrucksvoll. Ich kann ohne große Mühen Möbelstücke durch die Gegend hieven, weswegen ich ein beliebter Kandidat für Umzüge bin. Aber Möbelrücken ist lange nicht so auffällig wie die Tatsache, dass ich einen Mann von meinem Kaliber einhändig an der Kehle packen und von den Füßen heben kann. Ich kann ein Genick brechen, als wäre es ein Zweig, mit blanken Händen Knochen brechen oder sogar jemanden das Herz aus der Brust reissen.
Klingt unglaublich? Es ist nicht alles. Zur Kraft kommt die Geschwindigkeit, die ich durch Konzentration auf meine Wolfssinne abrufen kann. Mein Wolf ermöglicht es mir sogar in menschlicher Gestalt doppelt so schnell wie ein Sterblicher zu laufen, mich zu bewegen und zu agieren. Die Freude darüber verblasste schnell, denn nicht immer lässt sich die Kraft kontrollieren. Wut ist ein effizienter Auslöser, ebenso wie Erregung. Im ersten Moment klingt es nach dem Hauptgewinn, beim Geschlechtsakt das Tempo zu erhöhen, aber der menschliche Körper ist nicht unbedingt mit der gleichen Zähigkeit wie ich gesegnet. Zumal es dem Liebesspiel einen recht unschönen Abbruch gibt, wenn aus einem anheizenden Würgen ein Genickbruch wird.
Dieser Tage ist es für mich nicht mehr so leicht unauffällig zu bleiben. Wenn jemand Verdacht schöpft hilft meist nur eine Beseitigung. Ich kann nicht riskieren, dass die Kirche Wind davon bekommt, denn das würde meinen sicheren Tod bedeuten. Oder den meiner Kammeraden. Immerhin war ich in meinen jungen Tagen nicht nur für mich selbst verantwortlich. Das mag sehr Verantwortungsvoll klingen, ich wünschte nur es würde der Wahrheit entsprechen. Denn mein Verhalten ist oftmals alles andere als selbstlos. Dafür sind die Versuchungen viel zu groß und die Möglichkeiten zu vielfältig.

[Bild: khsewow5.png]

Der Frühling hat vor Kurzem Einzug in Amhran gehalten, als ich der Straße Richtung Südwald nehme. Die Veränderung der Gerüche zerrt mich regelrecht nach draußen. Ich kann und möchte mich dem nicht entziehen, dafür sind die Veränderungen, die mein Körper und Geist durch machen zu interessant. Auf den ersten Blick wirke ich wie ein einfacher Spaziergänger, denn es gelingt niemanden in meinen Kopf zu schauen, zu meinem Glück.
Meine Sinne arbeiten Hand in Hand. Die Gerüche um mich herum sprechen in Farben. Wenn ich die Nasenflügel blähe und tief die Luft einziehe, sehe ich Bilder. Pollen erzeugen Bilder der dazugehörigen Pflanze. Meine Finger zucken sensibel, denn ich habe sogar das Gefühl die Blätterstruktur zu fühlen. Und Vogelzwitschern verrät mir nicht nur den genauen Standort des Vogels, sondern auch ob er gerade über die Balz nachdenkt, oder bereits voll und ganz mit dem Nestbau beschäftigt ist.
Ich muss ziemlich benommen vor mich hingestarrt haben, denn plötzlich erklingt eine Stimme sehr nah. Mein Trommelfell hallt nach, als mich die Frau anspricht, denn eben war ich noch auf die entfernten Laute fokussiert. Ich muss erst den imaginären Trichter von meinem Kopf ziehen, bevor ich überhaupt aufnahmefähig für sie bin. Ehe ich so weit bin, fuchtelt sie bereits mit einer Hand vor meinem Gesicht herum.
„Bemerkenswert! Ihr seid im Gehen eingeschlafen? Haaalloh?“
Recht dicht vor mir steht eine zierliche Frau. Ich schnappe mühelos ihre Hand, die immer noch in meinem Blickfeld hin und her winkt und halte sie fest. Sie bläht entrüstet die Backen auf, dann entfährt ihr die Luft recht plötzlich, als mein Blick den ihren findet. Ihre grünen Augen weiten sich und werden so groß, dass ich das Weiße sehen kann. Ich drehe rasch den Kopf und blinzle einige Male. War meine Iris noch gelb? Verdammte Konzentration auf meine Wolfssinne.
Sie blinzelt ebenfalls und lächelt verlegen. Dann murmelt sie etwas in sich hinein, was keine menschlichen Ohren vernehmen können. Waren seine Augen eben gelb? Unmöglich…
„Muss an der Sonne liegen“, antworte ich zu schnell. Der Ausdruck in ihrem Gesicht ändert sich. Mir steigt ein kurzer, markanter Geruch in die Nase. Unsicherheit, sie schwitzt einen Hauch mehr.
„Grell … und blendend“, versuch ich die Situation zu retten, „oder es liegt an deiner strahlenden Schönheit.“
Sie prustet los und der unbehagliche Moment ist dahin. Die junge Frau sieht an mir hinab und mustert mich eingehend. Ich spüre meine Haut regelrecht prickeln unter ihrem Blick. Sie hat schlaue und intensive Augen, aber im Moment überlegt sie vielmehr, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe.
„Habt ihr einen Clown gefrühstückt, Meister? Ich dachte mir erst, gut, gib ihm einen Moment. Aber dann seid ihr nur dort gestanden und ich hab heute noch andere, zahlende Kunden…“
Verstärkte Sinne zum Teufel, endlich erinnere ich mich an ihr Gesicht. Aber ihr Geruch ist so anders. Nein, falsch ich habe die Frau schlichtweg nicht mehr gesehen seit meiner Verwandlung. Sie muss mich für einen dementen Vollidioten halten. Aber das tut sie nicht. Viel mehr spüre ich Interesse und … Wiedersehensfreude. Und ihre Hand liegt immer noch in meinem Griff, da ich sie nicht losgelassen habe. Ihre Augen weiten sich ein weiteres Mal, als ich ihre Hand an mein Gesicht ziehe und möglichst unauffällig – wer‘s glaubt – daran rieche. Ich spüre in meinem Griff, wie sich ihr Puls leicht beschleunigt. Sie riecht verdammt gut. Aus der einen Geruchsnuance, die ihre weiche Haut am Handrücken verströmt kann ich so viel lesen. Sie riecht gesund. Ihr letztes Bad war gestern Abend. Sie benutzt Rosenöl. Um sich etwas Entspannung zu verschaffen sind ihre Finger im Wasser abgetaucht. Ich weiß wie sie riecht. Mein Wolf bäumt sich auf. Riechen reicht nicht mehr aus, er will den Geschmack selbst kosten. Jetzt. Hier. Ich schlucke ein Grollen herunter.
Sie wartet weiterhin auf eine Antwort meinerseits. „‘Tschuldige, dass ich dich warten lassen hab. Gehen wir zum Hof, dann nehm ich dir die Waren ab.“ Und deine Kleidung, füge ich unbewusst hinzu. Mein Wolf ist ein Perverser.
 
Wie grausam richtig ich mit meiner Vermutung lag, wurde mir erst ein paar Tage später ersichtlich. Ich hatte die junge Bäuerin schon wieder vergessen, aber meine animalische Seite nicht. Als ich meinen Wolf voller Vertrauen laufen ließ, nutzte er die Gelegenheit und riss die Kontrolle an sich. Mir wurde erst bewusst, wie sehr ich mein Tier unterschätzt hatte, als ich meinen Namen hörte, wieder und wieder, mit wachsender Verzweiflung.
Es stellte sich heraus, dass mein Wolf der Versuchung nicht wiederstehen konnte und alle Hemmungen fallen ließ. Er hatte den Geruch des Mädchens nicht aus dem Kopf bekommen und eine Besessenheit entwickelt. Als er des Nachts nahe des Hofes jagen war, trug der Wind einen Hauch Rosenöl zu seiner Nase. Sein Wolf fand den Ursprung des Geruchs mühelos und durfte geschmeichelt feststellen, dass die junge Magd ein Bad genoss, wobei sie ihren Körper erkundete und seinen Namen murmelte. Mit lächerlicher Leichtigkeit wandelte der Wolf seine Gestalt, ohne ihm die Kontrolle zurück zu geben. Er verschaffte sich Zutritt in das Gemach der Magd und verführte sie mit allen ihm bekannten Mitteln.
Aber die Frau war der ungezügelten, animalischen Kraft nicht gewachsen. Als er ihr nach dem zehnten Aufschrei seines Namens den Mund zuhielt und sie ihm in die Hand biss, war er wieder bei Sinnen. Mit übermenschlicher Geschwindigkeit taumelte er von ihr weg und verschwand so schnell in der nächtlichen Dunkelheit, wie er gekommen war. Von dem Moment an war ihm nicht nur bewusst, dass die meisten Menschen seinen neuen Kräften nicht gewachsen waren, sondern auch, dass er dringend seine Selbstbeherrschung schulen musste. Dazu gehörte auch zu lernen, seine monströse Seite in die Schranken zu weisen oder ganz aus seinem Kopf zu verbannen. In dem Moment noch ein Ding der Unmöglichkeit, aber ihm würde nichts anderes übrig bleiben, wenn er verhindern wollte, jemanden zu verletzen, der ihm etwas bedeutet.
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#4
 IV.                 Episode – Heilung

Meine Selbstregeneration ist bemerkenswert, aber selbst ich habe Merkmale, die ich nicht aufgeben will. Meine Narben bleiben mir, in Tier- wie in Menschengestalt erhalten. Es ist gut, wenn mich etwas an die Verfehlungen in meiner Vergangenheit erinnert. Vielleicht sorgen die Male dafür, dass ich nicht die gleichen Fehler wieder und wieder begehe. Jeder Blick in den Spiegel erinnert mich an die dunkelsten Tage meiner Vergangenheit.
Ich habe nie enthaltsam gelebt, dafür schmeckt Ale und Schnaps zu gut und einem guten, saftigen Braten konnte ich noch nie wiederstehen. Doch völlig egal, was ich in den Tagen und Wochenläufen nach meiner Wandlung in mich rein schaufelte – und es war beachtlich viel, denn der Metabolismus eines Werwolfs ist bemerkenswert - ich setzte es nicht an. Dank meiner körperlichen Arbeit hatte ich nie viel Fett angesetzt, aber das wurde mit dem Alkoholkonsum ausgeglichen. Dennoch, für mehr als zartes Hüftgold reichte es nie aus. Jetzt, da nicht mal mehr der Alkohol wirkte, denn meine Verdauung zersetzt jedes Gift innerhalb von Minuten – dazu gehört auch Hochprozentiges – schwand mein Interesse am Trinken. Mehr als den kurzlebigen Geschmack war mir nicht mehr vergönnt. Und dafür konnte ich auch an der Flasche riechen. Mein Geruchssinn ist derart stark, dass ich fast den Geschmack beschwören kann. All das sorgt dafür – übrigens sehr zur Begeisterung meines Partners – dass ich nur noch aus Muskelmasse zu bestehen scheine. Die, bereits sehr definierten Muskelpakete, wirken noch praller und fast wie in Stein gemeißelt. Wäre das zahlreiche Narbengewebe nicht, das meinen Körper wie eine Landkarte zeichnet, ich würde eine hervorragende Steinstatue abgeben.
Zwar kann ich nicht mehr fett werden, aber ungesund dünn ist im Rahmen des Möglichen. Dafür bedarf es aber mehrere Tage grausamer Enthaltsamkeit oder sehr schwerer Wunden. Denn heilen benötigt Energie in Form von Essen. Viel Essen. Am besten dient Fleisch als Energiequelle, umso blutiger umso besser. Und wenn es nach meinem Wolf geht am Liebsten noch warm und frisch erlegt. Die Metzger und Schlachter des Landes sind zu meinen besten Freunden geworden. Ich muss Liste darüber führen, denn die Mengen an Verbrauch sind nicht normal, sondern vielmehr verdächtig. Sicherlich fragt sich der ein oder andere, ob ich mir Tiere im Keller halte.
Verschiedene Faktoren nehmen Einfluss auf die Dauer des Heilprozesses: Das Alter des Wolfes, der geistige Zustand oder Wille und der Hunger.  Wenn ein Schnitt als Welpe noch einen halben Stundenlauf brauchte, um auszuheilen, waren es eine Hand voll Monde später nur noch Minuten. Mittlerweile kann mein Körper einen einfachen Kratzer innerhalb von Wimpernschlägen regenerieren. Mein Körper vermag es sogar eine oberflächliche Verletzung zu heilen, bevor Blut hervortritt. Knochenbrüche heilen innerhalb von Stunden. Abgetrennte Gliedmaßen oder ausgeschlagene Zähne wachsen innerhalb von wenigen Tagen nach.
Voraussetzung ist der Wille zu genesen und entsprechende Maßnahmen, wie eine starke Blutung zu stillen. Selbst ein Mann meines Kalibers kann an Blutverlust sterben, auch wenn mir deutlich mehr Zeit bleibt, als einem Sterblichen. Das Abtrennen des Kopfes führt meist zum Tod, wenn auch nicht mit absoluter Sicherheit. Aber der Blutverlust ist in dem Fall nicht zu unterschätzen.
Selbstverständlich betrifft die Heilung den gesamten Körper. Gifte verlieren ihre Wirkung nach kurzer Zeit, Alkohol wird mit einem Fingerschnippen vom Körper zerlegt und Drogen zeigen kaum Wirkung. Die Haut altert bemerkenswert langsam und selbst ein Sonnenbrand ist ein kurzes Vergnügen. Ich verkühle mich nicht, fange mir keine Erkältung oder Grippe ein und bin resistenter gegen Kälte oder Hitze. Mein Körper ist in allen Lebenslagen anpassungsfähiger und zäher.
Als wäre es nicht genug bin ich wunderbar schmerzresistent. Zusätzlich zum Adrenalin, das mein Körper aussendet, wenn ich in einen Kampf gerate, stecke ich ohne einen Laut einiges an Prügel und Hieben ein. Man kann mich mit Pfeilen beschießen, bis ich einem Igel gleiche und ich würde es überleben. Selbst unbewaffnet bin ich einem Bewaffneten überlegen. Ich kann es riskieren eine Klinge an der Schneide abzufangen, ohne Angst zu haben innerhalb von wenigen Augenblicken zu verbluten. Das verschafft mir im Gefecht einen immensen Vorteil, da ein Gegner für gewöhnlich mit einem Zurückzucken meinerseits oder zumindest einer Verlangsamung rechnet. Außerdem ist es recht angsteinflößend, wenn ich vor den Augen meines Gegners bereits wieder heile. Der einzige Nachteil ist, dass ich leicht den Überblick über die Schwere meiner Verletzungen verliere. Ich bin weder unbesiegbar noch unsterblich. Irgendwann ist das Fass voll und ein Rückzug ist angebracht.
Nach meiner Wandlung wurde ich viel mit dem Thema Heilung von dem Fluch konfrontiert. Vor allem meine Kammeraden interessierten sich brennend für das Thema. Aber ich wüsste nicht, warum ich nach etwas Dergleichen suchen sollte. Ich weiß meinen Fluch weitestgehend zu kontrollieren und die Vorteile überwiegen meines Erachtens. Sicher, ich führe ein rastloses Leben, kann nicht länger als zehn Jahresläufe an einem Ort verweilen, bevor auffällt, dass ich nicht altere oder krank werde. Aber die Vorteile sind nicht zu vernachlässigen. Ich bin nicht mehr den lapidaren Problemen ausgesetzt wie Sterbliche. Kein altern, kein Erkranken, keine Blutvergiftung. Ich kann mir den Magen nicht verderben und essen so viel ich will. Auf den Alkohol kann ich verzichten. Den vermag ich mit anderen Lastern zu ersetzen.
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#5
V.                 Episode - Fluch

Vor Jasanders Tod ließ er keine Möglichkeit aus, uns zu quälen. In meiner Kindheit wurde ich selbst Opfer eines grausamen Vaters und gewiss hat es mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Aber es ist keine Erziehungsmethode, die ich einem Vater raten würde. Unser Erzeuger vertrat ebenfalls die Einstellung, uns mit Grausamkeit und Schmerz zu formen und zu stärken. Seit unserer Erschaffung machte er aus allem ein Mysterium. Selbst die Informationen, die er uns in spärlichen Portionen gab, waren fragwürdig. Mit jedem Tag zeigte sich mehr, dass unser Erschaffer nicht mehr ganz gesund im Kopf war. Sein Irrsinn gipfelte an dem Tag, als er sich in eine fast außerirdische Monstrosität verwandelte und uns angriff. Nur als Rudel konnten wir ihn besiegen und zerfleischen. Von dem Tag an – und es war ein recht früher Tag unserer Existenz – waren wir auf uns alleine gestellt.
Die Geheimnisse um die Vielfältigkeit des Fluchs erschlossen sich erst über Monate, manche erst über Jahre hinweg. Unter gewissen Umständen können wir den Fluch an andere weitergeben. Nicht jedem ist es vergönnt den Fluch zu überleben und vom Wolf als Kammeraden anerkannt zu werden. Viele sterben an dem Ausbruch, der sich wie ein Fiebertraum entwickelt und das Immunsystem an seine Grenzen treibt. Wer es überlebt wird mit einer Unwissenheit beschenkt, die jeden Mondzyklus schlimmer wird.
Der Wolf gewinnt an Macht und man hat die Wahl ihn zu unterdrücken oder ihn gewähren zu lassen. Ein Unterdrücken führt früher oder später zu einem unberechenbaren Ausbruch. Ich spürte von meiner ersten Wandlung an, dass ich den Wolf nicht unterdrücken durfte. Er hat es mir nie wirklich gedankt, aber ist mir andererseits auch nicht in den Rücken gefallen. Wahrscheinlich ist meine Bereitschaft zur Zusammenarbeit ein Grund dafür, dass ich noch lebe und nicht entdeckt, gejagt und vernichtet wurde.
Vom ersten Vollmond an bis zu diesem Tag erinnert er mich bei jedem Kleidungswechsel an seine penetrante Existenz. Nach meiner ersten Wandlung ist mir eine Rute gewachsen. Das ist kein Scherz. Eine echte, pelzige Rute, etwa dreißig Fingerbreiten lang, die schokoladenbraun und struppig an meinem Steißbein angewachsen ist. Sie ist ein ‚Makel‘, ein Zeichen des fortgeschrittenen Fluchs und mit der Zeit kamen weitere hinzu. Manche sind schwerer zu verbergen wie anderen – mein zweiter Schwanz macht Intimitäten zur Hölle – und nicht all meine Kammeraden erlitten in so jungen Wolfsjahren eine ähnliche Schmach.
Immerzu verlängerte Fingernägel, die spitz auslaufenm lassen sich feilen. Verfälschte Haarfarben lassen sich färben, plötzliche Pelzbewüchse am Körper kann man rasieren. Nachdem mein erster Makel eine Rute ist, hatte ich keine großen Bedenken, was als nächstes passieren würde. Mit einer Wolfskralle am Knöchel hatte ich also nicht gerechnet. Damit ist auch die Barfußsaison für mich für alle Zeiten vorbei.
Die Makel sind ein Zeichen der Entwicklung und Stärke des Wolfes. Umso älter ein Werwolf, umso mehr setzt sich der Fluch durch. Es erscheint mir durchaus plausibel, dass ich eines Tages kaum mehr Mensch sein werde – wahrscheinlich eine der wenigen Wahrheiten, die uns unser Erzeuger mit auf den Weg gegeben hat – aber dagegen gibt es tatsächlich ein Mittel. Wer ein Allheilmittel erwartet hat, wird schwer enttäuscht. Ich trage immerhin einen Fluch in mir und die sind nie freundlich. Um aufzuhalten, dass der Wolf eines Tages die Kontrolle komplett an sich reißt, gilt es einen Teil des Fluchs abzugeben beziehungsweise zu verteilen. Es bedeutet, um nicht als unkontrolliertes Monster zu enden, muss ich andere beißen und den Fluch übertragen, kurzum andere Werwölfe erschaffen.
Eine solche Erkenntnis nagt an der Moral. Zu meinem Glück war ich nie ein besonders moralischer Mensch. Ich habe den Fluch an jemanden weitergegeben, unbewusst. Und dabei einen meiner größten Feinde zu einem unfreiwilligen Kammeraden gemacht. Genauso hat es Arellus getan und ich bezweifle, dass er je aufgehört hat sich selbst deswegen Vorwürfe zu machen. Doch wir sind die Einzigen, die vom ersten Wurf noch leben, also hatte in dieser Hinsicht unser Vater offensichtlich recht. Die Anderen sind verschollen oder vielleicht ihrem Wolf zum Opfer gefallen. Das wird sich vermutlich nie klären. Denn eines Tages war nur noch ich und der unverbesserliche Sauberwolf am Leben, der sich zwanghaft an seine Menschlichkeit klammert. Doch wohin hat es ihn getrieben? In den Wahnsinn, genauso wie unseren gemeinsamen Vater.

[Bild: y29kid96.png]

OOC
Immernoch am lesen und Interesse geweckt? Dann schreib mir eine PN. Ich suche nach neuen Kammeraden/innen und bin bereit deine Fragen zu beantworten.
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#6
VI.                 Episode – Mond
 
Vor meiner Wandlung hatte Mondlicht etwas Beruhigendes an sich. Wie oft vermochten das silbrige Licht und die kühle Nachtluft meinen Kopf zu klaren, sodass ich nach einem anständigen Suff wieder nach Hause fand. Nächte hatten etwas Magisches an sich und der Mondschein tauchte die Welt in eine andere, düstere Perspektive. Wer nun romantische Anwandlungen erwartet, wird enttäuscht. Ich habe mich nie wirklich für den Zusammenhang zwischen dem Fluch und dem Mondzyklus interessiert. Dafür war ich zu sehr damit beschäftigt, mit meiner Bürde zu leben. Es gibt Dinge, die einer Abfolge gehorchen, ähnlich beim Zyklus der Frau. Da kommt mir der Gedanke, was passiert wäre, wenn sich der Vollmond mit der Menstruation meiner Wölfin überschnitten hätte? Vermutlich wäre die gesamte Menschheit ihrer Raserei zum Opfer gefallen.

Der Mond verständigt sich mit uns. Es ist wie ein immerwährendes Summen, das zu einem Tinnitus wird, wenn der Mond voll wird. Das Fiepen quält meinen Kopf und beherrscht all meine Gedanken, bis ich mich der Verwandlung hingebe. In Vollmondnächten gibt es keine Wahl zwischen Wolf- oder Menschengestalt. Ein Werwolf muss seiner animalischen Seite nachgeben, wenn er nicht den Verstand verlieren will. Das Lied des Mondes zu unterdrücken ist ähnlich mühsam, wie der eigenen Blase zu befehlen sich nicht zu erleichtern, nachdem man mehrere Liter Bier getrunken hat. Es gilt einen sicheren, abgelegen Ort zu finden oder sich mit den nötigen Vorsichtsmaßnahmen wegzusperren und die Wandlung zuzulassen.

Viele meiner Kammeraden plagten über Gedächtnislücken nach den Nächten. Selbst ich – der meinem Wolf viele Freiheiten einräumt – finde mich gelegentlich nackt und blutig in einem Busch wieder, nachdem mir mein Wolf im Schlaf die Kontrolle rückübertragen hat. Was in der Nacht passierte ist unergründlich oder im besten Fall bleiben mir neblige Gedankenfetzen. Jedoch gelang es mir deutlich besser als meinen Kammeraden den Kopf zusammen zu halten und die menschlichen Gedanken selbst in meiner Wolfsform fließen zu lassen. Das war vermutlich einer der Gründe, warum sie mich als Anführer anerkannten, denn ich konnte ihnen in den ohnmächtigen Nächten Sicherheit geben. Die Angst die Kontrolle an den Wolf zu verlieren beherrschte uns in den Vollmondnächten noch mehr als sonst.

Bei Neumond sind wir so menschlich, wie es uns Verfluchten vergönnt ist. Unsere Fähigkeiten zu Heilen und unsere Kräfte sind eingeschränkt, dafür hält sich aber auch die Aggressivität und Jagdlust zurück. Die Mondfülle wirkt sich auch auf unsere Instinkte, Sinne und die Heilung aus. Umso näher die Vollmondnacht rückt, umso auffälliger werden wir. Unsere Stärken sind beim Vollmond am ausgeprägtesten, aber auch unsere animalische Seite.
Das Klischee um das Mondjaulen ist begründet. Im Rudel aber auch alleine jaulen wir dem Mond entgegen. Ob es etwas mit dem Mond an sich zu tun hat bezweifle ich jedoch. Er ist vielmehr unsere Gemeinsamkeit und Erkennungszeichen. Wir kommunizieren über den Brauch des Jaulens und wissen um unsere Kammeraden und Verbündete. Das gemeinsame Jaulen eines Rudels fühlt sich ähnlich an wie ein Zuprosten in einer befreundeten Gruppe. Es hat keine spezielle Bedeutung, aber man will darauf nicht verzichten.

Wenn der Mond hinter dem Horizont verschwindet und sich mit der Sonne abwechselt, wird das Brennen im Körper geringer und die menschliche Gestalt greifbar. Dennoch bleibt immer die Ungewissheit, wie sich die nächste Vollmondnacht auf einen auswirkt. Ich wurde schon dazu gezwungen mich einzuschließen und die Türe mit einem Zeitschloss zu versehen, da ich meinem eigenen Verstand nicht mehr trauen konnte. Aber die Option ist immerhin besser, als von einem erstaunten Wanderer oder Jäger geweckt zu werden, der einen blutverkrustet, zerzaust und nackt im Wald findet. Keine Versicherung würde ausreichen, um mir das Unwissen zu nehmen, er könnte meine Rückverwandlung beobachtet haben. In solchen Momenten bleibt mir nichts anderes übrig, als zum Mörder zu werden, um selbst zu überleben. Denn bis ich überhaupt ‚Mond‘ sage, würde er mein Geheimnis schon bei der Kirche beichten, bebend vor Angst.

So nimmt uns der Mond manche Entscheidungen ab, zwingt uns aber auf der anderen Seite selbst in unserer menschlichen Gestalt zu Handlungen eines Monsters. Der volle, pralle Mond ist unser stärkster, verlässlichster Verbündeter und wird für den Rest meines Lebens mein enger Begleiter sein. Ob ich es will oder nicht.

[Bild: 5i7w8yea.png]
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#7
VII.     Episode – Jagd

Ich verbringe in letzter Zeit viele der hellen Mondnächte mit der Jagd im thalweider Umland in Ravinsthal. Seit einer Weile haben sich hier Rudel von Thalwölfen niedergelassen. Das bietet mir eine hervorragende Gelegenheit, um meine Selbstbeherrschung, meine Instinkte und meine Wirkung auf ‚echt‘ Wölfe zu erforschen. Und tatsächlich springen die fremden Wölfe mit mir um, wie mit einem abtrünnigen Eindringling in ihr Revier.

Ich beschnuppere und beobachte die Wölfe des Rudels aus der Entfernung und versuche zu ermitteln, wer das sagen hat. Viel Zeit bleibt mir nicht, denn der Alpha scheint ein aggressiver, machtgieriger Wolf zu sein. Wenige Augenblicke nach meiner Ankunft werde ich bereits attackiert, denn ich bin lediglich ein einsamer Wolf und meine Gegner rechnen nicht mit der Kraft die in mir steckt. Ich bin vieles, aber kein einfacher Wolf. Beim Töten der Wildtiere habe ich keine Hemmungen, denn sie greifen Wanderer und Bauern an und stellen eine unabwägbare Gefahr für Ravinsthal dar. Ich tue dem Lehen so gesehen fast einen Gefallen, indem ich die Wölfe vertreibe oder töte.

Während ich mich durch die Reihen kämpfe, horche ich auf meinen Wolf. Wie weit lässt er mich frei agieren, bis ich an der unsichtbaren Leine meiner animalischen Seite zerren muss, um ihn zu beruhigen oder zu unterjochen? Ich wage mich an die Wut, Aggression und Vernichtung der Wolfsgestalt, versuche aber nicht in Raserei zu verfallen. Der Balanceakt gelingt, obwohl ich meinen Wolf mehrere Male zurück zitieren muss. Es wäre kein großes Risiko, wenn ich dem Wolf etwas mehr nachgeben würde, blutig ist das Unterfangen so oder so, aber ich wollte auf keinen Fall einen Kontrollverlust und damit einhergehenden Blackout riskieren.

Immer wieder erreicht mich das Summen des Mondes zusammen mit den knurrenden Forderungen des Wolfes. Manchmal wünsche ich, die Kraft nicht aufwenden zu müssen, die der Drahtseilakt der Selbstbeherrschung kostet. Aber das würde bedeuten, mich einem anderen Wolf unterzuordnen und ihn als meinen Anführer zu akzeptieren. Ich bin mein eigener Anführer und mittlerweile der letzte Werwolf, also kommt nichts davon in Frage. Angenommen ich würde mich einem anderen Alpha unterordnen, mein Wolf würde den anderen als Herr akzeptieren und mir dafür nicht mehr auf die Nerven fallen. Nur bin ich dafür zu stolz.

Meine eiserne Selbstbeherrschung trägt dazu bei, dass mein Leben so viel strukturierter verläuft als bisher. Aber die Struktur hindert mich daran los zu lassen und mich fallen zu lassen. Zwanghafte Kontrolle war schon immer ein großes Thema. Mein Sexleben wird quasi davon definiert, da ich jederzeit die Oberhand haben muss. Durch die strenge Struktur bleibt jedoch manchmal das, worauf es ankommt auf der Strecke: Die Lust und die Hemmungslosigkeit.

Doch was passiert, wenn ich dem animalischen Drängen in meinem Inneren nachgebe? Die Antwort wurde mir an dem Tag in Thalweide schneller gegeben, als mir lieb war.

Mir steht eine Wölfin gegenüber, erschüttert von dem Anblick des Geschehens. In ihrem Blick und Verhalten herrscht eine Mischung aus Ehrfurcht und Unterwürfigkeit. Ich habe ihr ihren Herrn und Leitwolf entrissen und sie muss sich plötzlich für einen neuen Herr entscheiden. Der Geruch nach Blut und Gewalt, der an mir klebte sorgte für Erregung. Ich bin in dem Moment ein äußerst kraftstrotzendes Exemplar meiner Gattung.

Mein Wolf entwickelt seine eigenen Gedanken in meinem Kopf. Du bist der einzige männliche lebendige Wolf weit und breit. Welche Wahl bleibt ihr?

Mit einem Schnauben streiche ich die fremden Gedanken mental beiseite. Die Wölfin kann durchaus wählen. Bleiben und angreifen - was vermutlich ihren Tod bedeutet - oder fliehen und ein neues Rudel suchen oder sich mir anschließen.

Sie wird natürlich die einfachste Entscheidung treffen, die ihr die größte Chance auf Überleben bietet und sich für uns entscheiden. Zufrieden, du selbstverliebter Mensch?

Der kurze Gedankenstreit mit meinem Wolf lässt mich kurz vergessen, dass die Wölfin mich immer noch taxiert. Mittlerweile hat sie sich dazu entschlossen, mich neugierig zu umrunden und zu beschnuppern. Ich spüre die deutliche Wirkung ihrer Nähe auf meinen Wolf. Er will sie und mit aller Macht versucht er den Gedanken auch in mein Bewusstsein zu schieben. Warum soll ich dem Drängen nicht nachgeben? Mein Wolf hat sich sehr kompromissbereit gezeigt an diesem Abend und etwas Vergnügen und Nähe kann mir auch nicht schaden.

Der Rest der Nacht vergeht wie im Fluge, als wir uns um die Gelüste der Wölfin kümmern. Ab einem gewissen Punkt überlasse ich meiner animalischen Seite die Führung. Für mich ist das Liebesspiel mit einem Tier noch immer verstörend, aber ich kann verstehen, dass mein verfluchter Teil diese Befriedigung und Bestätigung braucht. Ebenso wie jeder Mensch.

Bei Tagesanbruch erwache ich aufgrund eines bedrohlichen Grollens. Während sich das Morgenrot am Himmel abzeichnet, hat mein Wolf sich – erschöpft und zufrieden – zurückgezogen und mir voll und ganz die Kontrolle überlassen. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass ich als nackter Mensch und nicht als pelziger Wolf erwache. Verständlicherweise reagiert die Wölfin, die bis vor Kurzem noch an meine pelzige Identität geschmiegt war, mit Verwirrung und Abscheu. Auch ihr Geruch hat sich schlagartig verändert, als ihr die Veränderung gewahr wird. Ich nehme eine wachsame Haltung an, auf alle viere gehend und knurre ihr herrisch entgegen. Aber die Magie der Nacht ist dahin und scheinbar jede positive Erinnerung daran. Mir bleibt nichts anderes übrig, als sie aus meinem neuen Territorium zu jagen. Mein Wolf bäumt sich auf, als er meine Entscheidung mitbekommt und meine pelzige Gespielin flieht.

Sie weiß was du bist! Verfolge sie und bring sie um. ermahnt mich mein Wolf.

„Sie ist ein Tier. Wem soll sie es petzen? Du willst ja nur Blut sehen.“ antworte ich im Selbstgespräch und versuche das Gebären meiner animalischen Seite einzudämmen.

Was, wenn sie mit Verstärkung zurückkommt?

„Dem sind wir gewachsen. Und dann bekommst du dein Blutbad.“
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#8
VIII.                 Kontrolle

Von der Erhöhung aus habe ich einen guten Blick über das Herz von Candaria. Wie traurig, dass die Burg des Fürsten erst dann richtig fertig gestellt wurde, als Candaria bereits kurz vor dem Untergang stand. Früher hausierten und patrouillierten hier ehrliche und loyale Menschen und Soldaten, nun ist das Land von Stüpp beherrscht.
Bei der kuriosen Bezeichnung Stüpp handelt es sich um korrumpierte Werwölfe. Korumpiert.. Durch Arellus Wahnsinn und zweifelhafte Ambitionen an ihn gebunden.

Arellus Armee wirft viele Fragen auf: Wie hat er diese Massen erschaffen? Sie sind als einzelne Wesen nicht sehr stark, jedoch habe ich mich nie an eine größere Gruppe gewagt. Und wie agieren sie, wenn ihr Herr in Ihrer Mitte ist? Sehen Sie ihn als Alpha an? Oder ist er nur ihr Erzeuger? Woher hat er die Kapazitäten? Ist es die Restbevölkerung von Candaria? All die Händler und Wachen? Hat er seine eigenen Wachen zu Stüpp gewandelt?
Candaria ist ein reines Mienenfeld. Stüpp soweit das Auge reicht. Warum keiner etwas dagegen unternimmt? Weil niemand dazu fähig ist diesen Wahnsinn zu kontrollieren. Außer vielleicht mir. Ich kann nicht länger die Augen davor verschließen. Ist es ein Zeichen der Götter, dass ich bei meinem letzten Besuch in Candaria Arellus unfreiwillig getroffen habe? Nicht, dass ich noch in der Gunst der Göter stehen würde, sie sehen mich wie jedes andere Monster als unwürdig und schändlich an. Es ist immer wieder eine grausame Erkenntnis, die sich in physischem Schmerz kanalisiert, wenn ich einer heiligen Stätte zu nahekomme.

Eigentlich ist es egal, was mich an diesen Punkt getrieben hat. Vielleicht liegt es an meinem Schuldbewusstsein, obwohl ich nie dachte, eins zu besitzen. Zumindest kein Ausgeprägtes. Arellus war einst meine Verantwortung, denn er hat mir vertraut und ist mir bis zum Ende gefolgt. Selbst, als sich meine eigene Brut gegen mich gewandt hat und ich der letzte Wolf mit meinen Überzeugungen war, hielt er noch zu mir. Ich würde nicht behaupten, dass ich ihm dafür etwas schuldig bin, denn immerhin war es seine eigene Entscheidung. Aber es kann nicht schaden dem ganzen auf den Grund zu gehen. Gut möglich, dass es wahrlich der Wahnsinn ist, der ihn treibt und er nur eine ohnmächtige Marionette ist.

Ob mir mein Plan an meinen alten Freund heranzukommen das Leben kosten kann? Durchaus. Es ist grundsätzlich nie eine gute Idee zu einem Wahnsinnigen nach Hause zu gehen, umgeben von seinen zahlreichen Untergebenen.
Wie mein Plan aussieht? Recht viel hängt von Instinkt und Unwägbarkeiten ab, aber die Hauptidee ist recht einfach: Ich muss an Arellus herankommen und ihn möglichst alleine zur Rede zu stellen. Anschließend gilt es ihn zu überzeugen, dass er seine animalische Seite nicht weiterhin unterdrücken kann, da es ihn offensichtlich tiefer und tiefer in den Wahnsinn treibt. Wahrscheinlich wird er den Punkt nicht einsehen, aber darauf bin ich vorbereitet. Er hat Angst vor dem Kontrollverlust und vermutlich Befürchtung, dass er nicht mehr in seine menschliche Form zurückfindet. Genau aus diesem Grund war er ein guter Beta – der Zweite im Rudel – denn er konnte sich darauf verlassen, dass sein Alpha oder einer seiner Kammeraden ihn zurückholen konnte.

Warum all der Aufwand? Ich muss die Möglichkeit eindämmen, dass er mich oder jemand anderen verrät. In der Hinsicht habe ich keinerlei Sicherheit und bin ihm recht ausgeliefert. Ich hasse es ausgeliefert zu sein. Aber abgesehen vom Eigennutzen kann es nicht schaden zu wissen, woran man ist. Früher oder später wird jemand auf die Idee kommen Candaria anzugreifen, um die Gefahr zu bannen. Ein Ass im Ärmel wie die Möglichkeit Arellus im richtigen Moment zur Hörigkeit zu zwingen, kann absolut nicht schaden.

Meine Werkzeuge der Kontrolle, um an mein Ziel zu gelangen sind recht überschaubar. Der Mond, unsere Verbindung durch die animalische Form, mein Händchen dafür jemanden zu unterwerfen und meine Geheimwaffe, mit der ich ihn jederzeit zurück in die menschliche Gestalt zwingen kann. Da er seine Angst vermutlich nicht ablegen kann, dem Wolf zu verfallen, muss ich diese ausmerzen indem ich ihm beweise, dass ich ihn jederzeit zurückholen kann. Was diese Geheimwaffe darstellt? Arellus Scheusal von einem ehemaligen Lieblingsmantel, ein feines Kleidungsstück mit übertrieben viel Hermelinfell in candarischem Orange, der obszön nach Arellus Vergangenheit riecht.

Die einzige offene Frage ist, wann der beste Zeitpunkt für das Unterfangen ist? Zu Vollmond, wenn Arellus‘ Wolfsform nur einen kleinen Reiz entfernt ist? Oder der Neumond, wenn die Rückverwandlung am Einfachsten ist und die Stüpp beim Neumondfest beschäftigt sind? Doch spielt es überhaupt eine Rolle? Kommt es nicht vor allem darauf an zeitnah zu agieren, da jeder Tag einen Rückschritt bedeuten kann?
Ich erhebe mich von meinem Spähposten und blicke noch einmal ins Tal. Das nächste Mal werde ich den Mantel im Gepäck haben, ganz gleich wie es um den Mond steht.
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