[MMT] Fluchbrecher
#1
Ein letztes Flackern, dann war die Kerze erloschen und hinterließ einen warmen Klumpen Wachs. Cahira kniff die übermüdeten Augen zusammen und lehnte sich einige Momente zurück, um sich an das schummrige Dämmerlicht in der Aktenkammer zu gewöhnen. Sie hatte einen Nachmittag für ihre Nachforschungen eingeplant und hatte letztendlich auch den Abend damit verbracht, in alten Aufzeichungen nach Hinweisen auf das Baronsanwesen auf dem Rabenfeld zu forschen - was war vor so vielen Jahren dort nur geschehen, wo sind die Bewohner abgeblieben?

Ihrem Aufruf zum ersten Treffen das Unheil in der Ruine zu bannen waren nur eine Handvoll Leute gefolgt. War es vielleicht die Angst, die die Ravinsthaler davon abhielt, sich dem Fluch des alten Gemäuers zu stellen oder schlichtweg die Gleichgültigkeit? Immerhin lebte man nun schon so viele Jahre mit diesem Schandfleck und wusste um die Gefahr, sich dort nach Einbruch der Dunkelheit aufzuhalten. Jeder, der es dennoch tat, forderte sein Schicksal und damit die Götter leichtfertig heraus.

Doch Cahira wollte etwas unternehmen. Der Tod von Rose, auch wenn sie diese nur flüchtig gekannt hatte, hatte ihr zugesetzt. Zudem lauerte in ihrem Hinterkopf die beständige Angst, dass ihren Kindern dort etwas zustossen konnte - auch wenn Lionel oder Brynja beinahe nie unbeaufsichtigt waren und der Fluch vorrangig Nachts am bedrohlichsten wirkte, so konnte eine Mutter doch nie sicher sein, welche kindlichen Flausen in den Köpfen der Sprösslinge herumspukten. Gerade verbotene Orte hatten ihren ganz besonderen Reiz, vor allem für Heranwachsende, die ihre Kräfte ausprobieren wollten ...

Doch einen Faden aufzunehmen, der vor Brynjas Geburt lose gelassen wurde, war nicht einfach und so konnte die Gruppe, welche sich im "Tanzenden Troll" getroffen hatte, nur Vermutungen anstellen und lediglich Bruchstücke von vergangenem Geschehen zusammensetzen. Waren es tatsächlich zwei Geister, wie Freiherr Ulfson berichtete? Eine Frau, von der keine Gefahr ausging, und ein Mann, der Nachtalp, der bereits einem Grauwolf das Leben genommen hatte? Waren die Geister tatsächlich an einen Gegenstand im Gemäuer gebunden, wie Hermetiker Harroghast vermutete? War an Kyrons Aberglaube, Salz würde Geister abhalten, etwas Wahres dran? Konnte Vatin Anouk mit Hilfe der Götter - und mehr Informationen über das Anwesen und seine Bewohner  - den Fluch brechen?

Es waren zu viele blinde Punkte, um einfach so in die Ruine zu stürmen und den Fluch herauszufordern. Die kleine Gesellschaft entschied, nochmals Nachforschungen anzustellen und mit diesem Wissen dann das Anwesen zu erkunden.

Cahira schob den letzten Ordner zurück in das Regal. Vielleicht hatte Kyron mehr Glück gehabt in den Archiven der Garde oder Anouk bei den Aufzeichnungen des Rabenkreises. Eventuell hatte die Akademie der Hermetik einige Schriften parat und sie hoffte inständig, dass der Freiherr den früheren Briefwechsel mit Cois, der bereits damals Nachforschungen betrieben hatte, die ihn bis nach Candaria geführt hatten, nicht den Flammen überlassen hatte. Konnte Fräulein Blumenmeer vielleicht noch den ein oder anderen Tratsch auf der Straße aufschnappen?

Ein klein wenig unzufrieden war sie, als sie endlich auf die Straße trat und die würzige Nachtluft in ihre Lungen zog. Sie hatte das Gefühl, etwas übersehen zu haben ... oder ihre müden Sinne, die sich mehr von der Recherche erhofft hatten, spielten ihr schlicht und ergreifend einen Streich.

[Bild: xc5kceja.jpg]

Herzlichen Dank an Morrigan!
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#2
Aushänge flatterten durch alle Lehen.. der Ruf nach Vergeltung eines Todes wuchs. 
Sie schoben die Tode, jenem lächerlichen Aberglauben zu den ihnen ihre Götter und ihre Weisen vorbeteten. Die magere Gestalt zog das viel zu weite, zerschlissene Kleid enger an ihren Körper. Der Wind strich über sie hinweg und trug einige ihrer Strähnen für einen Lidschlag lang, mit sich. Die Luft war klarer geworden und so kühl wie lange nicht in diesem Jahr. Welch Wunder schalt sie sich, der Winter stand vor der Türe. Sobald es ihnen draußen zu kalt war und sobald sie sich um jeden Sack Korn sorgten der ihnen noch einen Laib Brot bescheren mochte, sobald der Winter seine kalten Klauen zu einem Würgegriff um ihre Hälse legte... sobald dies eintrat, war das verfluchte Anwesen wieder vergessen und mit ihm die Leiche einer Frau die zur falschen Zeit in einen Spiegel sah. 

Doch was wenn nicht? - Diese Stimme, so kalt und verzerrt, drang durch ihren Kopf wie eine Nadel-dünne Klinge. Sie knetete ihre spindeldürren Finger ineinander, so fest, das ihre rot gefrorenen Fingerchen weiße Knöchel erkennen ließen. Sie konnte es nicht darauf ankommen lassen. Aus den Tiefen ihres innersten Seins sog sie die Hitze empor. Flammen und gleißende Lichter hob sie hinauf zu ihrem Herzen. Einem Wirbelsturm aus Feuer und Schatten glich ihr Geist nun, bereit alles und jeden hinweg zu fegen der sich ihr in den Weg stellte. Alles könnte brennen, alles könnte vergehen, ALLES könnte ein Ende finden. Alles könnte so einfach sein. 
Ja, sollen sie brennen diese Kleingeister. - Finster und mit dem richtigen Hauch der Verführung in der klaren Stimmlage klirrten die Worte. "B..." sie wagte nicht an ihren vollständigen Namen zu denken. Der Bastard hatte sie gewarnt. Warum hörte sie ihr Flüstern? War es überhaupt ihre Stimme? Das konnte nicht sein. Aber ganz unrecht hatte sie nicht. 

Ächzend erhob sie sich von ihrem Platz nahe des Armenviertels. 26 Heller für einen halben Tag herum sitzen, grübeln und Danke, Mithras belohne euch, sagen. Das Geschäft lief auch schon einmal besser. Aber es wurde Zeit die Lage zu erkunden und der eifrigen Ministerial des Fürstenhofes den Wind aus den Segeln zu nehmen. Es wurde Zeit eine weitere Haut abzustreifen, und der Schlange in ihr eine neue Farbe zu geben. In mehreren zischelnden Stimmen erklang es in ihrem Kopf. 
Rabenstein.. wir kommen.
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#3
Der Herbst hatte zwei Gesichter. Das eine war grau und regnerisch und wies mit klammer Temperatur auf den nahenden Winter hin. Das andere war voller Wonne und der sinnlichen Erinnerungen an noch nicht so lang vergangene Sonnentage. Das Licht im Herbst war jedoch warm und golden und wirkte wie ein schmeichelnd weicher Mantel im Gegensatz zum grell brütenden Sommerlicht, welches oftmals nur eine Qual darstellte, der man sich entziehen wollte.

So einen lauen Herbstvormittag hatte sich Cahira ausgesucht, als sie auf dem örtlichen Friedhof Rabensteins auf der Suche nach weiteren Hinweisen über den Verbleib der einstigen Bewohner des Baronsanwesens durch die Reihen der Grabsteine ging. Es wurde ihr beinahe zu heiß in ihrem roten Wollkleid. Nicht nur aus diesem Grund wollte sie die Nachforschungen rasch hinter sich bringen. An diesem Ort - so wie an jeder anderen letzten Ruhestätte - hing auch die Erinnerung an ihr eigenes totes Kind und wäre das tröstende Herbstlicht nicht gewesen, hätte sie sich einen anderen Zeitpunkt gesucht, um den Friedhof aufzusuchen.

Das gußeiserne Tor hatte leise gequietscht, als die Braungelockte es hinter sich geschlossen hatte und damit schien der Rest der Welt ausgeschlossen zu sein. Ein Vogel trillerte eine leise Melodie und der Wind brachte in leichten Böen den salzigen Geruch des Meeres mit sich.

Ein Gardist hielt auf der nahen Palisade Wache. Das Licht spiegelte sich in Teilen seiner Rüste. Obwohl Cahira ihm zugewunken hatte und damit andeuten wollte, dass alles in Ordnung war und er sich um sie nicht kümmern musste, spührte sie seinen Blick beständig in ihrem Nacken.

Einige der Totenstätten waren kaum mehr zu erkennen, von Gras oder Unkraut bewuchert; die Steine zerbrochen oder so spröde, dass man die Inschriften beinahe nicht mehr entziffern konnte. Andere Grabstätten erschienen gepflegter und die Blumen darauf frisch wie gerade erst niedergelegt. Natürlich erkannte Cahira einige der Namen wieder, obwohl Mondwächter eher den Ritus der Totenverbrennung ausübten, gab es doch genügend Familien, die sich eine örtliche Gedenkstätte für ihre Verstorbenen wünschten.

Sie streifte ein ums andere Mal über den Friedhof und hielt Ausschau nach irgendeinem Hinweis, irgendetwas Auffälligem, etwas, was ein Grab eventuell von den anderen unterscheiden mochte ... doch wie auch im Archiv hatte sie nicht das Gefühl, hier erfolgreich gewesen zu sein, als sie das hell ächzende Tor wieder passierte. Es wurde wohl doch an der Zeit, ein weiteres Treffen zu planen, die Ergebnisse der anderen Teilnehmer zu sammeln  - wenn sie denn mehr Erfolg als sie selber gehabt hatten - und sich dem Fluch des Anwesens zu stellen ...

[Bild: xc5kceja.jpg]

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#4
Ein Mann und seine suche... nicht nach Wein, Weib und Gesang oder gar nach Ehre und Reichtum. Nein nach einigen Schriftstücken. Er hatte nun seit Tagen gesucht, zugegeben er hatte es immer wieder vor sich her geschoben beim Anblick der Unordnung im Schreibzimmer. Er war zwar auf durchaus interessante Schriftwechsel gestoßen aber eben nicht die gesuchten Briefe. Er war sich auch nicht wirklich sicher ob er sie dem Feuer überantwortet hatte oder sie für andere dinge zweckentfremdet hat, wie das abwischen seiner Kehrseite, wozu die Briefe von Carl Gustav Jehann ihm in der Vergangenheit gedient hatten. Allerdings suchte er nach einem Briefwechsel mit dem Wächter Martiann und er schätzte diesen Mann und konnte sich nicht vorstellen das er so etwas mit diesen Schriftstücken gemacht hatte.

Er hatte mittlerweile das suchen aufgegeben und saß auf dem Stuhl in der Schreibstube und dachte nach, sein blick wanderte dabei ein wenig im Raum umher und betrachtete einige der Gegenstände die herumlagen und hingen. Zum Beispiel die beiden Bilder, eins von einer Dicken und leicht bekleideten Dame, das andere von ihm selbst in nachdenklicher Pose. Sein Blick streifte eines der Regale das Bücher und Aufzeichnungen enthielt, dieses Hatte er schon mehrere male durchsucht. Dort hatte er zwar Schriftwechsel gefunden aber eben nicht den gesuchten. Dann bemerkte er aber noch immer in Gedanken einen kleinen Papierstapel der unter eben jenem Regal hervorlugte. Er erhob sich und ging auf das Regal zu um es dann leicht nach hinten zu kippen um die Schriftstücke hervorzuziehen.

Schriftverkehr zwischen Wächter Martiann und Hauptmann Ulfson

Es brauchte nicht lange um es zu erkennen, der Schriftwechsel mit Wächter Martiann und die Ringförmige Hinterlassenschaft einer Flasche die einmal auf diesem Schriftstück gestanden hatte brachte auch die Erinnerung wieder...
Er hatte die Schreiben des Wächters sorgfältig gesammelt und in das Regal gelegt und um die Wichtigkeit zu Markieren hatte er oben drauf eine Gute Flasche Met abgestellt auf dass er die Schriftstücke wieder finden sollte. nun war es aber so das dieses Vermaledeien Regal etwas Schief war und es ständig wackelte und eines Tages als er dagegen gestoßen war die seltene und teure Metflasche zu Boden fiel und dabei zu Bruch ging. Er Hatte geflucht und sich aufgeregt und war nahe dran das Regal mit seiner Axt zu Kleinholz zu verarbeiten. Statt dessen hatte er nach dem nächst besten Gegenstand gegriffen mit dem er das Wackelnde Regal unterlegen konnte und das waren die schreiben des Wächters.

Die Schreiben wurden mit einem Lederriemen zusammen gebunden und ein Bote brachte sie dann zur Baroness Mendoza mit der bitte die Schriftstücke bei Zeiten wieder zurückzuschicken da es sich dabei um die Originale handelte.
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#5
Morgen war es also soweit. Morgen wollte man in das Anwesen vordringen und wenn nicht den Fluch bannen, so doch den Geist, der das Gemäuer heimsucht, herausfordern, um weitere Erkenntnisse zu sammeln.

Der Freiherr hatte bei seinen Nachforschungen mehr Glück gehabt als sie selber und tatsächlich hatte er den damaligen Schriftverkehr zwischen ihm und Wächter Mártiann gefunden. War dieses in den Briefen benannte Amulett die Lösung? Wenn sich das Schmuckstück noch im Gemäuer befand und nicht von waghalsigen Strauchdieben gestohlen worden war, schien der jungen Frau die Befriedung des Anwesens zum Greifen nah. Doch sie wollte nicht in voreilige Freude verfallen; meist gab es immer irgendeinen Haken.

Sie hatte ein paar Lederstücke für Fräulein Blumenmeer herausgesucht und ihre eigene Rüstung, die seit dem Ende des Krieges in Greifanger in einer Kiste auf dem Dachboden lagerte, gesäubert, die Lederriemen gefettet und ihre Klinge geschärft. Und sie hatte den eigenen Salzvorrat geplündert, so dass sich Nora bereits über die laschen Speisen beschwerte und vom Markt ihr eigenes Säckchen mitbrachte, welches sie sorgsam vor Cahira versteckte.

Es war bereits nach dem Abendbrot, da packte Cahira die Unruhe. Brynja lag schlummernd im Bett, Lionel hatte sich mit Kerze und Malkasten zurückgezogen. Den Unmutsäußerungen der Haushälterin zum Trotz - die ohnehin nichts von dieser Entfluchung hielt - und mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass auch Kyron es nicht gerne sehen würde, wenn die Kinder, vor allem sein Sohn, mit Nora alleine waren, griff sie zum Mantel am Haken bei der Tür.

Sie lief schnell, lies sich den Abendwind durchs wilde Haar fahren und war keinen halben Stundenlauf später bei der dunklen Ruine angekommen. Die Sonne war beinahe hinter den Bergen untergegangen und entzündete die Spitzen besonders hoher Bäume des Thalwaldes wie goldenes Feuer. Es war so ruhig, so friedlich und wenn man nicht um die Geschehnisse umrund des Anwesens wusste, hätte man nicht ahnen können, welch' Greultaten sich hier abgespielt hatten.

Doch je länger sie das Gemäuer betrachtete, natürlich aus einer vermeintlich sicheren Entfernung, desto unheimlicher schien es ihr und ein Frösteln jagte trotz des wärmenden Mantels durch ihre Glieder. Die dunklen Fenster schienen aufgerissenen und unersättlichen Mäulern gleich. Das Backsteinwerk bröckelte, als hätte es eine Krankheit überfallen. Schatten troffen vom Dach wie zähe, unaufhaltsame Melasse. Und hatte sich nicht eben dort etwas im ersten Stock bewegt?

Cahira machte kehrt und eilte zurück zum einladenden, warmen Herdfeuer. Doch bis sie das Hoftor durchquert hatte, schien es ihr, als würde sie verfolgt werden.

Morgen.

[Bild: xc5kceja.jpg]

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#6
Nach und nach verließen alle das Anwesen.

Der Ritter Kordian wollte ruhe suchen und verließ als erster das Anwesen aber er versprach einige Wachleute vorbei zu schicken auf dass die wacht nicht zu einsam werde. kurz darauf verließ auch die Feinschmiedin Gisela Blumenmeer oder Blutmeer den Ort des Geschehens, sie wollte wohl ihre Hände waschen nachdem sie in Totenerde gegraben hatte oder um ein Schreiben über das geschehene anzufertigen, vielleicht auch beides.
Ach die Edle Cahira Mendoza zog humpelnd von dannen um ihre Blauen Flecke zu zählen. Wenn sie Pech hatte war es nur einer, aber ein riesiger der ihre gesamte Kehrseite einnahm. Harroghast der Löwensteiner Stadtbüttel wollte so schnell wie möglich aufbrechen um seine wie er es nannte "Eigenen Theorien" aufzuschreiben oder in Gedanken durchzugehen.

Einar dachte als der Stadtbüttel davon ging nur das er sicher angst hatte nach dem erlebten in zu später Nacht nach Löwenstein zu reisen.

Die Beiden verliebenden Frauen wechselten noch einige Worte und vereinbarten ein treffen zogen dann aber auch beide ihres Weges. Auch die Vatin Weltenbrecherin oder wie ihr Mann sie immer nannte wollte das erlebte nieder schreiben und eine Abschrift nach Thalweide schicken wofür Einar sehr Dankbar war. Die andere Frau, ein Junges Ding namens Jolanda war einfach nur müde und überfordert, wer konnte es ihr auch verdenken.

Zurück blieb nur der Grauwolf Einar und hielt wache über das verfluchte Anwesen, allerdings blieb er die ganze Nacht vor der Ruine und betrat sie nicht.
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#7
Am Abend zuvor war ihr der Weg vom Anwesen bis zum Hof nicht so lang vorgekommen. Aber da hatte sie auch keinen nervenaufreibenden Abend mit rachedurstigen Geistern verbracht oder war durch morsches Gebälk einen Stockwerk tiefer höchst unsanft auf ihre Kehrseite gekracht. Wahrscheinlich waren es nur ein paar größere blaue Flecken oder kleinere Verstauchungen, die sie von diesem Sturz davon getragen hatte. Immerhin hatte die Rüstung einen Großteil des Aufpralls abgefangen und so tief war der Fall nicht gewesen, eher überraschend ... Und für diese Unachtsamkeit, ein länger unbewohntes Gebäude ohne die notwendige Vorsicht zu durchstöbern, hätte sie sich selber schelten mögen.

Aber die Aufregung der Unternehmung hatte die Schmerzen gedämpft und sie fühlte sich nun, als sie da im Dunkeln nach Hause humpelte, doch recht ramponiert und zerschunden. Und irgendwie wollte sich ein Triumphgefühl, dass sie den Fluch besiegt hatten, noch nicht einstellen. Wahrscheinlich war es auch noch zu früh, um diese frohe Prognose zu stellen. Der Freiherr blieb diese Nacht im Anwesen, um zu sehen, ob der Nachtalp wieder auftauchen würde und Cahira zollte dem Mann leisen innerlichen Respekt. Ulfson schien von härteren Zahnrädern angetrieben zu werden als sie selber, jedenfalls was diesen Abend anging.

Zu Hause wurde sie bereits erwartet. Als sie die Tür leise zugezogen hatte, in Gedanken noch bei den jüngsten Geschehnissen, erkannte sie einen Schehmen auf der Leiter. Als der kurze Schock überwunden und ein paar Talglichter angezündet worden waren, erklärte Lionel, der da im Dunkeln auf die Rückkehr der Mutter gelauert hatte, reumütig, dass er nicht hatte Schlafen können. Cahira zögerte, ihren Sohn gleich wieder mit mahnenden Worten ins Bett zu schicken, denn sie erkannte sehr wohl, dass seine Schlaflosigkeit von der Sorge um ihr Wohlergehen sowie von Neugier, was diesen Abend auf dem Rabenfeld geschehen war, genährt worden war. "Wenn Du mir mit den Riemen meiner Rüstung hilfst, mache ich uns noch eine heiße Milch mit Honig, hm?", schlug sie also vor und das Aufleuchten in den Augen des Jungen zeigte ihr, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Keinen halben Stundenlauf später saßen Mutter - ihrer Schutzkleidung entledigt, angetan in ein weiches Wams und Hose - und Sohn andächtig vor den heißen, großzügig mit Honig gesüssten Getränken am Tisch in der Wohnküche. Der Junge hatte viele Fragen und Cahira erzählte ihm die Geschichte der Fluchbrechung möglichsts ohne die blutigen Details. Aber ganz ohne den unrühmlichen Kern kam sie doch nicht aus: Betrug war der Urheber der traurigen Geschehnisse und sie wusste noch immer nicht sicher, welche Gebeine sie dort begraben gefunden und welches Herz sie verbrannt hatten.

Am Ende schwieg der Siebenjährige und stierte eine ganze Weile ohne ein Wort in seine Milch. Cahira fürchtete, ihrem Sohn doch zu viel zugemutet zu haben, doch dann fragte jener recht leise: "Hätte ich helfen können? Ich meine ...", und seine Stimme erstarb, während er sich auf die Lippen biss um sich die nachfolgenden Worte zu verbieten. Sie wusste genau, auf was er anspielte und die Fußspuren im Staub des Anwesens, so klein wie Kinderfüsse, kamen ihr in den Sinn. "Nein, ich denke ... wir haben den Geist vertrieben. Und Du ... hast noch so viel zu lernen.", erwiderte Cahira schleppend und hoffte, dass sich ihre Worte bewahrheiten würden.

[Bild: xc5kceja.jpg]

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#8
War der Fluch gebrochen? Dies war eine der vielen drängende Fragen, die Cahira die vergangenen Wochen, seitdem die Truppe im Haus gewirkt hatte, mit sich trug.

Nach ihrer Kenntnis waren weder die Geisterfrau noch der Nachtalp wieder aufgetaucht, doch war dies Beweis genug, dass keine Gefahr mehr innerhalb dieser Mauern drohte? Ravinsthaler waren von Natur aus argwöhnisch und vorsichtig und es würde wohl eine geraume Weile dauern, bis das Anwesen ohne Scheu begutachtet werden würde (wenn überhaupt!) - immerhin lastete der Fluch über mehrere Jahre auf dem Gebäude und hatte für bei so manch lauschigem Kaminabend, wenn draußen der Wind besonders laut geheult hatte, für die ein oder andere Geschichte gesorgt, ob nun wahr oder frei erfunden. Also waren fehlende Berichte kein guter Anhaltspunkt.

Dass sie die Umstände des Unheils nicht gänzlich aufgeklärt hatten, war ein weiterer Brocken, an dem Cahira zu knabbern hatte. Wer war dort begraben gewesen, wessen Herz haben sie zerstört? Oder machte sie sich einfach zu viele Gedanken? Dennoch zauderte sie, weitere Schritte einzuleiten: Die Renovierung zu veranlassen, um das Gebäude irgendwann einmal wieder zur Pacht freizugeben. Es war ein schöner Komplex und eigentlich zu schade, um es endgültig verkommen zu lassen. Doch wer wollte dort hausen, mit der Gefahr im Nacken, dass eventuell doch nicht alles mit rechten Dingen zuging? Die Klinge hatte ihre Augen auf das Anwesen geworfen. Es böte genügend Platz für Übungsarena, Lager und Schlafstätten und ein paar Räume könnten auch privat genutzt werden. Doch wollte sie den Eichenhof, ihr Heim und ihre Zuflucht seitdem sie ihn Ravinsthal wohnte, verlassen?

Wenn es ihre Zeit zuließ, pendelte sie zum alten Gemäuer und betrachtete die Umgebung oder setzte dann doch einen Fuß durch die hohen Türen ins Innere. Es war unheimlich, keine Frage, vor allem, wenn die Dämmerung heranbrach. Aber das hatten wohl alle verlassenen Häuser an sich, dass man sich nie gänzlich wohl in ihnen fühlte. Doch der grausige Schauer, als noch die Geister das Haus bevölkerten, blieb aus. Oder war auch dies nur leichtsinniger Übermut?

[Bild: xc5kceja.jpg]

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