[Forschung] starker Scherbensturm
#1
,,Nein, NEIN! Da passt nicht noch mehr Zündmasse rein!" murrte ein brauner Lockenkopf gerade so laut, dass es nicht panisch wirkte. Die vernarbten Hände hatte er vor seine Augen gehoben und starrte zwischen krummen Fingern hindurch zu Lawin.
,,Ja, aber noch mehr Nägel passen da auch nicht hinein!" Knirschte der Dunkelblonde genervt zurück und betrachtete mit einem überforderten Stirnrunzeln die vielen Einzelteile auf dem Tisch. Nägel, Metallteile, Zündmasse, Infernit, Vulkanit, Becher und ein paar Phiolen gefüllt mit fragwürdiger Flüssigkeit.
,,Versuch es doch mit Kornbrand!" mischte sich eine kleine, dunkelhaarige Frau hilfsbereit quakend ein. ,,Kornbrand hilft immer! War doch auch die Lösung bei der letzten Bombe. Hatte ich es nicht auch da schon von Anfang an prophezeit?" Sie hob arrogant das Kinn und nippte an einem alten Holzbecher, dabei den kleinen Finger übertrieben weit abspreizend.
Lawin drehte den Kopf und schaute nachdenklich in Richtung eines Fasses. Kratzte sich grübelnd am Kinn.
,,Du überlegst doch jetzt nicht wirklich Kornbrand in einen Scherbensturm zu schütten, oder!?" entfuhr es dem Lockenkopf mit leiser, ziemlich entsetzter Stimme. ,,Hör' bloß nicht auf sie." Er seufzte laut.
,,Sonst eine Idee?" Lawin schaute prüfend hin und her, tippelte dabei abwartend gegen die Tischkante.
,,Frag doch wieder Dyn. Hat sie nicht auch die ganze Arbeit bei der Brandflasche gemacht?" Erwiderte Lockenkopf mit einem frechen Grinsen auf den Lippen.
,,Dyn habe ich leider seit einer Weile nicht mehr gesehen." Lawin hob die Schultern übertrieben gleichgültig an und begann ein zusammengerolltes Stück Pergament aus seiner Tasche zu kramen. ,,Dabei trage ich schon seit einer Weile diese Anleitung für sie mit mir herum." Er wedelte kurz mit dem Papier in seiner Hand herum ... und machte sich erst gar nicht die Mühe es rechtzeitig wegzuziehen, als kleine, gierige Finger nach der Anleitung schnappten und sie ihm stibitzten.
,,Keine Sorge, wir geben es ihr, wenn sie mal wieder hier ist." Die Frau lächelte strahlend, rollte das Pergament auf und begann sofort damit es neugierig zu studieren.
,,Dann frag doch deine kleine Schwester. Das wart doch ihr zwei, die da vor einer Weile mit Bomben auf Spatzen geworfen habt, eh?"
Grummelte der Dunkelhaarige leise während er seinen Blick besorgt über die Sprengstoffutensilien auf dem Tisch schweifen ließ.
,,Wir können Dir auf jeden Fall nicht helfen."
,,Ja, frag am besten deine kleine Schwester. Hab' gehört sie wäre die Schlaue in der Familie." Sprach die Gossendame abgelenkt während sie weiter die Anleitung studierte und eine weg wedelnde Handbewegung vollzog. ,,Du solltest eh viel mehr mit ihr machen."
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#2
Unzufrieden starrten graue Augen auf einen Wust aus Flaschen verschiedenster Größe, Nägeln, Zündermasse, Infernit und Kordeln. "Mehr Zeit miteinander verbringen" hatte er gesagt. "Überleg dir, wen du damit alles in die Luft jagen könntest" hatte er gesagt.
Sicherlich... da gab es die ein oder andere Person, die sie nur zu gerne in den Abyss gesprengt hätte. Dennoch saß sie nun seit mehreren Stunden schlaflos vor dem Chaos auf dem Arbeitstisch im Heilerhaus und füllte Nägel und Zündermasse in bauchige Flaschen, von denen manche zu schwer, manche zu groß und viele zu klein waren, um dem Zweck zu dienen. Der Scherbensturm sollte handlich sein, leicht genug um ihn problemlos zu werfen, nach Möglichkeit unauffällig an einen Phiolengurt oder in eine Extratasche im Umhang passen und dennoch massig Nägel mitsamt Infernit und Zündermasse fassen können.

Das gnadenlose Stechen in ihrer linken Körperseite, dem sie bereits seit Tagen mit dem übermäßigen Konsum von Rotwein beizukommen suchte, trug ebenso wie die Schwäche in ihren Gliedern, die eine Nachwirkung des Indharim-Gifts war, nicht sonderlich zur Ideenfindung bei, sodass die Weißhaarige sich letztlich dazu entschloss, Taten walten zu lassen. Probieren ging bekanntlich ohnehin über Studieren.

Beinahe bis zur Unkenntlichkeit vermummt, eingewickelt in eine wenig formschöne Robe mit eindeutig zu großer Kapuze und die Taschen voll mit  Flaschen hochexplosiven Inhalts wankte eine kleine Person mitten in der Nacht vom Heilerhaus aus ins Armenviertel, um dort mit gnadenlosen, alkoholschweren Faustschlägen gegen die Tür Einlass in die Armenvilla zu fordern.
"Lust, ein paar Kühe in die Luft zu jagen?"
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#3
[Bild: 9db97fe4d5473c0668ca4f6f5a010b33.png]
...
,,Ich würde sagen, wir machen einfach eine kleine Wette... jeder von uns bastelt etwas... und der, dessen Bombe mehr Chaos anrichtet, hat gewonnen." Ein kleines, siegessicheres teilte den Mund des dunkelblonden Mannes, während er seiner Gegenüber dabei zusah, wie sie bereits dabei war mit geschickten Handgriffen eine Sprengflasche herzustellen.
,,Mehr Chaos? Du könntest eine Bombe in die Kirche werfen - da wäre dir das größte Chaos sicher, ganz egal, ob die Bombe gut oder beschissen ist." Erwiderte die Weißhaarige skeptisch, den Blick nur einmal kurz anhebend.
,,Du weiß was ich meine..." er machte eine kleine, abwinkende Handbewegung und schüttelte seinen Kopf. ,,Also... kneifst Du..? Ich helfe Dir auch bei Deiner."
,,Dann macht eine Wette keinen Sinn... " gab sie leise zurück und klemmte die Zungenspitze zwischen ihre Lippen, während sie mittels Kordeln und Metallteilen begann einen Abreißzünder zu formen und an der Bombe anzubringen.
Einige Augenblicke lang beobachtete Lawin wie seine Schwester an ihrer Bombe herumtüftelte, dann begann er selbst damit etwas zu basteln. Eigentlich ging er dabei fast genau so vor wie seine Schwester. Nur mit einer kleinen Ausnahme: Er füllte noch etwas Kornbrand in die Sprengflasche. ,,Das ist starker Alkohol. Dadurch hat das alles... etwas mehr... Wumms wie man so schön sagt." erklärte er dabei fachmännisch.
,,Aaaah-ja." kam es gedehnt von der Frau, sie hob minimal einen Mundwinkel und wirkte nicht ganz überzeugt.
,,Glasscherben, da müssen noch Glasscherben rein... eine Menge!" warf sie dann in den Raum, aber Lawin schien zu beschäftigt damit zu sein, penibel vorsichtig, die optimale Füllhöhe des Alkohols in der Bombe abzuschätzen.
,,Glasscherben." wiederholte sie trocken und schmälerte die Augen leicht.
,,Glasscherben?" entgegnete er fragend, biss sich auf die Unterlippe und betrachtete nicht wirklich zufrieden sein Werk.
,,Mh-m. Aber lass' nur, die mach ich dann in meine - und sie wird großartig."
...

[Bild: 6e3be000b958413fea432d2263c3b6f0.png]
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Und so machten sich die beiden Geschwister auf den Weg, um ihre neu entwickelten Sprengflaschen am lebenden Objekt auszuprobieren. Die Trolle in Ravinsthal wurden für diese ehrenvolle Aufgabe auserkoren, denn durch ihre träge, grobschlächtige Art, schienen sie perfekt für die wissenschaftlichen Studien geeignet zu sein. Außerdem war es herausfordernder und nicht so gemein, wie arme Kühe in die Luft zu jagen, die irgendwo in der Landschaft grasten.

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[Bild: Trollfail.jpg]
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#4
Das Ergebnis der Trolljagd hatte eindeutig gezeigt, dass es dem Scherbensturm noch immer an Effektivität mangelte. Dabei musste Aluna zugeben, dass der Kornbrand keine üble Idee war - es galt lediglich, die perfekte Mischung aus Glasscherben, Nägeln, Alkohol und Infernit zu finden. Eine Mischung, die einen Troll von den Beinen reissen sollte. So steckten die Geschwister Herbstlaub wieder einmal die Köpfe zusammen und bastelten bis spät in die Nacht hinein an ihrem Vermächtnis, von dem die Weißhaarige hoffte, dass es niemals jemandem ihrer Feinde in die Hände fallen würde. Oder den Indharimern. Oder der Kirche. Oder... Nein, die Rezeptur, einmal gefunden, musste bestenfalls geheim gehalten oder allein an höchst vertrauenswürdige Personen heraus gegeben werden....
Mit einem leisen Zungenschnalzen blickte sie über das Chaos auf dem Tisch hinweg hinüber zu Lawin, der bereits die vierte Bombe anfertigte. Für ihren Geschmack war bereits wieder zu viel Kornbrand enthalten, aber letztlich würde der finale Versuch genauere Auskunft geben.
"Hast du eigentlich vor, die Rezeptur an jemand anderen auszuhändigen?"
Der Dunkelblonde blickte von seiner Arbeit auf und lächelte dünn.
"Eigentlich nicht. Vielleicht an Dyn... warum fragst du?"
"Weil ich nicht will, dass mich irgendwann jemand mit meiner eigenen Bombe hochjagt, deswegen."
Er nickte schmunzelnd und widmete sich wieder der Dokumentation seiner derzeitigen Mischung. Eine viertel Karaffe Kornbrand, fünfzig Nägel, zwei zersplitterte Phiolen...Aluna seufzte leise und überblickte die eigenen Aufzeichnungen.  Fünf zersplitterte Phiolen, eine Tasse Kornbrand, dreißig Nägel. Gerade noch genug Platz für die Zündermasse und das Infernit. Die Sprengflaschen durften eine gewisse Größe nicht überschreiten, das hatte sie bereits beim Transport der zahlreichen Gefäße festgestellt. Somit war ihr Handlungsspielraum begrenzt. Dennoch forderten sowohl die Bastelei als auch die genaue Auflistung der jeweiligen Mischverhältnisse eine Menge Zeit, sodass die Geschwister erst im Morgengrauen dazu kamen, die Pferde mit zahlreichen, brandgefährlichen Flaschen zu beladen und den Weg zu den Trollweiden anzutreten.



Erst am späten Nachmittag des nächsten Tages sah man die Herbstlaubs die Tore Löwensteins erneut passieren. Das Pferd der Weißhaarigen hinkte ein wenig, ihr Umhang war zerfetzt und ihr Sitz im Sattel ein wenig krumm. Das Hemd des Reiters neben ihr sah aus, als hätte es eine Nacht bei den Harpyien verbracht. Ein verstohlenes, breites Grinsen war den Geschwistern jedoch beiden zu eigen - das, und eine stolzgeschwellte Brust, die vom Erfolg ihrer Mission kündete.

"Flasche Nummer sechs - sicher?"
"Ganz sicher."
"Hast du die Rezeptur?"
"Ich schreibe sie nochmal ordentlich ab."

Nun galt es nur noch, die neue Erfindung öffentlich vorzustellen und zu hoffen, dass man sie nicht gleich verbieten würde. Oder vielleicht doch.
Verbotene Früchte waren nun einmal wirklich die Besten.
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