Im Nebel
#1
Im Nebel

Sie hatte aufgehört die Nächte und deren Albträume zu zählen. Das schweißgebadete Erwachen, die Schreie die in ihrem Kopf nachhalten, wiederholten sich seit unzähligen Wochen und es schien kein Entrinnen daraus zu geben. Einzig der Schrecken, die Gewissheit, dass das Furchtbare nicht aufzuhalten sei, blieb und bestimmte ihren Tag.
„Alles wird gut“, leise wiederholte sie die Worte der Vatin Anouk, es war mehr wie ein Hoffen, ein Anker im wilden Chaos welches in ihrem Innern vorherrschte.

Hier saß sie nun fest, darauf wartend, dass es zurück ging in den fernen Westen, so rasch wie nur möglich, denn lange würde Argal die Stellung nicht mehr halten können ohne ihre Hilfe. Sie brauchte Gorn, und verfluchte ihn Tag für Tag, dass er seine Verpflichtungen nicht schneller zum Abschluß bringen konnte und sich ihre Abreise verzögerte.

Ständig kreisten ihre Gedanken um den Nebel und dessen Grauen, um Argal der dort schutzlos in seinem Versteck ausharrte bis endlich die versprochene Hilfe kam. Lediglich gab ihr das Dickicht der grünen Wälder ein wenig Frieden, das Sammeln der benötigten Kräuter welches sie für ihre Tinkturen und somit zur Unterstützung gegen das Unheil, welches sicher nicht mehr lange auf sich warten ließ, benötigen würde. Wenn doch nur Gorn endlich zum Abmarsch blasen würde.

„Sie ist verwirrt, sie verdrängt all das Schlimme was ihr widerfuhr“, hörte sie Gorn sprechen. „Argal ist tot.“

Sie rannte so lange bis ihre Lungenflügel zu bersten drohten, schwer atmend und mit tauben Gliedern sank sie ins Moos. Der Nebel selbst schien in ihren Kopf einzudringen, befreite sie von der bedrückenden Schwere die sie hat fortrennen lassen… „Argal, wir sind bald bei dir...halte durch“, hauchte sie leise … „halte durch.“
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#2
Anjalii saß mit geschlossenen Augen auf dem Waldboden, den Rücken gegen einen Baum gelehnt. Ein Sonnensstrahl hatte wärmend die kleine Lichtung erreicht und sie ließ ihre Gedanken schweben.

Argal lehnte an ihr, seinen Arm um sie gelegt sprach er leise auf sie ein. „Bei Tagesanbruch brechen wir auf, wir müßten genügend Zeit haben, den Ersten Wächter zu finden und vor dem Angriff zu warnen. Wir wissen bereits genug.“ Er breitete den wollenen Umhang über sie, die Nacht versprach kalt zu werden. Anjalii sah ihm entgegen, ließ ihre Hand durch sein dunkles Haar gleiten. „Bist du sicher, vielleicht sollten wir noch warten, ich hab ein ungutes Gefühl, Argal.“ Doch Argal schüttelte nur den Kopf und hauchte ihr einen Kuss auf die Lippen. „Schlaf jetzt, ich halte Wache.“

„Wach auf, was schläfst du hier im Wald, bist du verrückt? Hier wimmelts von wilden Ebern,“ eine unsanfte Hand weckte sie und sie wußte für einen Augenblick nicht wo sie sich befand. Anjalii blinzelte schlaftrunken Ned, dem Stallknecht entgegen. Innerhalb weniger Atemzüge rappelte sich die Dunkelhaarige auf und starrte Ned an. „Ich muss eingeschlafen sein, Ned. Danke für‘s Wecken. Es war unvorsichtig, aye.“

Während sie dem jungen Kerl noch hinterher blickte, kam ihr der Traum in den Sinn. „Der Auftrag..“, murmelte sie leise, doch ihr Blick war wirrer denn je.
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#3
Ob es an der Hoffnungslosigkeit im Blick des trauernden Alec lag oder am Bier welches reichlich geflossen war, ständig stahl sich das Antlitz Argal‘s in ihr Bewusstsein. Dieselbe Hoffnungslosigkeit, der starre Blick. Anjalii versuchte im Schlaf das Vergessen zu finden, doch drehte sie sich nur von einer Seite zur anderen, die Decke wütend wegstrampelnd, als wenn die Wolle veranwortlich für ihre schlaflose Nacht sei. Wie konnte sich Gorn nur so viel Zeit lassen, sie mußten doch aufbrechen!

Irgendwann gen Morgengrauen sank sie dann doch in den Schlaf und die bekannten, verzerrten Traumerscheinungen ließen nicht lange auf sich warten.
Argal blickte sie an, das Gesicht schmerzverzerrt, doch seine Lippen formten Worte während er selbst an einen Pfahl gebunden, die Eingeweide aus ihm heraushängend alles in eine blutige Lache verwandelten.
Sie selbst hörte nur ihren schnappenden Atem, das Pochen ihres Herzens, die schiere Panik machte sich breit. Doch Argals Lippen schienen ihr zu sagen, dass sie sich keinen Mucks regen solle, in dem nahen Gebüsch bleiben und ausharren, ihm sei nicht mehr zu helfen.
Die kalte, neblige Luft ließ ihre Glieder erstarren, doch sie fühlte nur Qual und Verzweiflung. Dann rannte sie, durch Gestrüpp und Unterholz, durch den Nebel weiter und weiter während ihr dünne Äste wie Peitschenhiebe ins Gesicht schlugen.
Sie rannte und rannte und erwachte schliesslich nach Luft ringend in ihrem Bett in Thalweide als die Morgensonne bereits das Zimmer in ein warmes Licht tauchte. Die Augen nass vor Tränen schluchzte sie während sie sich auf den Bettrand setzte.

Warum quälten sie solche Träume? Anjalii beschloß den Rabenkreis aufzusuchen. Böse Träume mußten gebannt werden.
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#4
Gwendalla sorgte dafür, dass sie in eine warme Decke gehüllt am Feuer sitzen blieb. Die Gruppe der anderen Nebelwächter stand weiter abseits, die Köpfe dicht zusammen gesteckt, beratend. Der heisse Tee, der mehr einer scharfen Kräutertinkur glich, legte sich wie eine beruhigende Hand auf ihr Gemüt, die Schmerzen, die ihre Muskeln zerrissen, nahmen ab, Anjalii nahm die Wärme des Feuers wahr, doch schienen ihre Gedanken gefangen zu sein, sie konnte sich nicht entsinnen weshalb sie hier saß, was geredet und beratschlagt wurde, alles versank mehr und mehr im Nebel.

Am nächsten Tag dann kam der erste Wächter, hockte sich neben sie und sah ihr lange forschend in die Augen. „ Für‘s Erste ist es das Beste, wenn du zu Gorn zurückkehrst, Kraft schöpfst und dich erholst. Hier ist vorerst nichts für dich zu tun. Der Nebel macht sich breit, wir müssen standhaft bleiben. Du kannst hier nicht helfen.“  Gwendalla hatte sich zu ihnen gesellt, legte ihre Hand auf Anjalii‘s Unterarm :“ Der erste Wächter hat recht, du hast Schlimmes durchgemacht und musst gesunden. Gorn wird dir helfen, da sind wir sicher. Aber verhalte dich ruhig, erzähle niemandem vom Nebel, das würde mehr schaden als helfen. Verstehst du?“
„Wir müssen doch Argal holen, er ist verletzt! Sie haben ihn erwischt, warum helfen wir nicht!?“
Der erste Wächter und Gwendalla tauschten stille Blicke miteinander, schüttelten nur sachte die Köpfe. "Es wäre auch Argal's Wunsch, dass du dich erholst, Anjalii."


Anjalii erwachte schweißgebadet, vom Bett aufspringend und wieder mit pochendem Herzen und einem Stein auf der Seele von einem Ende des Zimmers zum anderen wandernd.
Was war mit ihrer Erinnerung los? Wie lange war das her als sie zusammen am Feuer gesessen haben, wieviel Zeit war seit Argal‘s Verletzung vergangen…? Wieso konnte sie sich nicht erinnern? Wo war Argal und warum beim Henker war sie hier in Thalweide – Gorn holen? Ja? War es das? Doch ihr Gedächtnis fühlte sich wie dichter zäher Nebel an, die benötigten Gedanken versanken und zurück blieb die unbändige Angst vor den Dämonen des Nebels, Kreaturen des Abyss, niederträchtig und dunkel, doch viel schlimmer war das Gefühl der Schuld, des Versagens.
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#5
Mehr und mehr wurde es ihr zur Gewissheit, dass er sich hier nicht losreissen konnte und es  womöglich auch garnicht wollte. Er war verliebt und sie gönnte ihm das neue Glück. Was sie nicht verstand, war seine Reaktion, stets wurde er mürrisch wenn ihre Ungeduld zum Ausdruck kam, sagte, dass sie sich dem Rabenkreis zuwenden solle und beende damit das Thema. Er hatte sich verändert. Früher hätte er alles stehen und liegen gelassen und wäre auch ohne Befehle eigenmächtig eingeschritten. Hatte sie sich so in ihm getäuscht? Was veranlasste ihn zu solch einem Verhalten? Immerhin war sein Kamerad in Gefahr!Oder plante er bereits was ohne sie ins Vertrauen zu ziehen? Fragen über Fragen.

Anjalii war froh über Amanita's Anwesenheit. Die alte Kräuterfrau war von der stillen Sorte, ja sie sprach fast nie und erledigte die ihr aufgetragenen Aufgaben ohne zu Murren und einer stillen Zufriedenheit. Ihr konnte sie die Hütte in Obhut geben solange sie sich auf den Weg zu Argal machte. Es war kein gutes Reisewetter, die Sonne brannte unbarmherzig auf die Erde hinab, Sulis strahlte so heiß wie nie zuvor. Dennoch gab es keinen Aufschub mehr. Ein letzter Besuch auf dem Rabenhügel war jedoch nötig um gegen die Strapazen der langen Reise gewappnet zu sein. Ana hatte versprochen sie zu begleiten, der Hügel war Anjalii seit jeher unheimlich, was wohl an der Anwesenheit der vielen Götter lag. Götter waren launenhaft, die straften und belohnten, sodass Anjalii sich stets als eines ihrer Opfer fühlte. Am meisten fürchtete sie Morrigú, ihr unstillbarer Durst nach Blut, die Unberechenbarkeit.
Ana hingegen erzählte ihr, dass sich alles miteinander im Einklang befand, alles zueinander gehörte und nichts getrennt war. Wer‘s glaubte...

Anjalii reckte sich im warmen Gras. Hier im Wald war es kühler als im Haus, auch wenn Mücken und Ameisen sie um ihre Ruhe brachten, vermochte sie diesen Ort noch nicht verlassen. Die Träume   kamen derzeit nur des nachts, hier konnte sie getrost die Augen schliessen und dösen und nachdenken. Würde Ana ihn ziehen lassen? War sie es, die ihn hier hielt? Was mußte sie mitnehmen wenn sie aufbrach und wäre es ratsam, dieses Unterfangen alleine zu beginnen? Mußte sie ihn zwingen ihr zu helfen? Oder sollte sie ihn gewaltsam entführen? Ihre Lider wurden schwerer, die Gedanken langsamer.. und schliesslich schlief sie ein.
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#6
Anjalii erwachte ruckartig während kalter Schweiss ihre Stirn bedeckte. Argal's Stimme hallte noch nach. „Lauf, rette dich!!“
Wie konnte er das von ihr verlangen? Sie war nicht feige und würde nicht fortrennen wenn er in Gefahr war. Und doch hatte sie das getan. Hatte sie? War sie fortgelaufen während er ihre Hilfe benötigt hätte? Immer wilder und wirrer kreisten ihre Gedanken. Pure Panik schnürte ihr den Hals zu. Genug gewartet, es war so weit! Fieberhaft suchte sie die wichtigsten Dinge zusammen, eine Bettrolle, einen Umhang, etwas Essen, die Zunderbüchse, Bolzen für die Armbrust.
Sie hatte einen Entschluß gefasst, es blieb ihr keine andere Wahl. Amanita wurden die Haustürschlüssel anvertraut und hastig, ja nahezu verbissen begab sich die junge Frau mitsamt Reisegepäck auf den Weg nach Rabenstein, leise und wirr  vor sich hermurmelnd.
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#7
Ereignisse können sich über überschlagen und trotzdem zum Ziel führen, wenn auch nicht wie erhofft, und dem Ganzen eine Wendung geben, die das Ende aber auch einen Anfang bedeuten können.
Nachdem sie Ana mit der Armbrust im Visier hatte und sie zum Mitkommen nötigte nahm alles seinen unaufhaltsamen Lauf.
Es tat ihr in der Seele weh, Ana zu benutzen, doch es blieb ihr keine andere Wahl. Nur so konnte sie den Hauptmann zwingen Argal zu retten. Natürlich würde er seine Liebste retten wollen und somit das tun, was getan werden musste.
Die Armbrust geladen unter einem wollenen Tuch verborgen, dirigierte sie Ana quer durch Rabenstein, vorbei an den Wachen, betend, dass die junge Frau die Nerven behalten würde, ging es durch das Stadttor in Richtung Passwacht. Ana sprach tatsächlich mit den ihr vertrauten Wachen über Kekse, war das ein Trick? Anjalii‘s Hände begannen zu zittern, mühsam zwang sie sich zur Ruhe und durchquerten auch dieses Tor. Weiter gings zur alten Mine, dorthin hatten sie Einar hinbestellt, der Bote würde ihm sicher bereits die Nachricht zugestellt haben. Dann würde alles ganz schnell gehen, Ana würde gegen ihn ausgetauscht werden und sie könnten endlich aufbrechen um Argal die benötigte Unterstützung zu geben.
Das Innere der Mine war kühl und sie nahmen am Rastplatz in ihrem Inneren Platz. Sie warteten. Ana versuchte sie umzustimmen, ermahnte sie, dass sich die Dinge so nur zum Schlechten kehren würde, niemandem sei geholfen. Anjalii solle in sich gehen und sich bewusst machen, dass sie auf dem Holzweg sei…  
Anjalii selbst jedoch fühlte sich wie vom Nebel umgeben, sie verfolgte nur das eine Ziel, Argal zu finden und zu helfen. Sollten sie doch alle denken was sie wollten, dieses war der einzige Weg zum Erfolg. Ana‘s wohlgemeinten Worte kamen nur gedämpft an, ja sie verstand teilweise nicht einmal deren Bedeutung. Ihr Herz pochte so laut, dass es ihr Blut im Inneren ihres Körpers zum zittern brachte, sie bebte und hatte Mühe zu atmen.

Schliesslich war es so weit, Einar erschien, kündigte seine Ankunft mit dem metallischen Klappern der Rüstung an.
Er erblickte sie wie sie da dort am Feuer saßen und machte einen Schritt nach vorne.
„Mach keinen Fehler Einar!“ „ Ganz ruhig! Es wird ihr nichts geschehen wenn du tust was ich sage.“ „Setz dich da hin“, und sie deutete mit dem Kinn zu dem freien Baumstamm am Lagerfeuer.  „Ich bleib lieber stehen“  „ Setz dich!“ kam es fordernd. Einar nickte knapp und bewegte sich langsam auf den Baumstamm zu. Er setzte sich langsam und rammte den Schild mit der Kante in den Boden.
„Ich mußte mich dieser unschönen Variante bedienen, weil du mir nicht zuhörst, Einar. Argal braucht dich, ich werde dich zwingen mit mir zu gehen. Der Rabenkreis kann mir nicht helfen ihn zu befreien, das ist deine Aufgabe.Und hättest du dir ein wenig mehr Zeit genommen mir zuzuhören, dann wäre das hier nicht nötig gewesen.“ Einar lauschte ihren Worten mit grimmigem Blick. „Du willst die Wahrheit nehme ich an. Ich kann Argal nicht retten.“
Man konnte Anjalii ansehen, dass ihr die Nerven durchzugehen drohten, ihre Hand zitterte während sie die Armbrust hielt.
Ana redete auf sie ein als Einar plötzlich auf unerklärliche Weise hinter ihr stand und ihr in windeseile die Armbrust aus der Hand schlug.Erschrocken wirbelte Anjalii herum, ein lautes, verzweifeltes „Nein!!“ drang aus ihrer Kehle und sie ballte die Fäuste und trommelte wie wild gegen Einars Brust. „Du musst uns helfen verflucht!!!!!“ Er griff sie an der Schulter und schüttelte sie. „Er ist TOT! Verdammt!!“ Sie war außer sich und kratzte und biss. „Du lüüüügst, warum lügst du???!!Er ist seit Monden tot", hörte sie Einar noch sagen, da umgab sie Dunkelheit und sie fiel in sich zusammen.

Sie erwachte hustend, mit gefesselten Händen auf dem Boden der Mine liegend und wurde gewahr, dass die Vatin Anouk, sowie Kordian hinzu gekommen waren.
Es war alles verloren, jegliche Kraft war aus ihrem Körper gewichen, jegliches Gefühl erstarrt. In ihr fühlte es sich an wie klirrendes Eis, dort wo einst ihr Herz gepocht und ihr Blut gerauscht hatte war tödliche Leere. Lediglich der Tod schien nun sinnvoll, Argal war tot aber trotzdem gab es da etwas, was sie weiter am Leben hielt.
Anouks Berührung ließ ihre Erinnerung erwachen, sie sah Argal gebunden an dem Pfahl sterben, blutdurchtränkt die Erde um in herum während sie verborgen vom Gebüsch aus alles beobachtete.
Er war tot, tot…  nie mehr würde er mit ihr reden, sie berühren. Tränen rannen ihre Wangen herab, hinterließen hellere Spuren auf der staubigen Haut.

Die Menschen um sie herum kamen überein, dass nur noch der Rabenkreis helfen könne, jegliche andere Bestrafung wäre sinnlos, ihr Geist so wirr und verletzt wie man es nur von schweren Verletzungen her kannte.
Der Freiherr und Anouk kamen überein, dass sie der Obhut des Rabenkreises überantwortet wurde.

Es war Nacht als sie im Schülerhaus des Rabenkreises einen Schlafplatz zugewiesen bekam, ihr wurde Tee gereicht welchen sie mit immer noch zitternden Händen trank.
Sie fürchtete den Rabenhügel, so nah an den Göttern, so nah bei Morrigú. Sie hatte sich nun auch Argal genommen, ihren Durst gestillt, doch warum wollte sie nicht ihr Leben? War sie es noch nicht einmal wert auf dem Todesacker zu liegen?
Die wollene, nach Kräutern duftende Decke dicht an sich heranziehend sank Anjalii schluchzend in einen tiefen traumlosen Schlaf. Argal war tot.

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#8
Anjalii erwachte inmitten der ersten Nacht auf dem Rabenhügel vom Ruf einer Eule. Noch trunken von den Geschehnissen des Vorabends erhob sie sich und verließ das Bett und schlich hinaus in die stockschwarze Nacht, hin zum Steinkreis von dem die Stimme der Eule erklang. Ihr einziger Wunsch war es von Morrigú bemerkt zu werden, sie war bereit, so wie Argal selbst den Schmerz und den Kummer zu tragen und Morrigú Ehre zu beweisen und allem ein Ende zu setzen. Der Schnitt an ihrem Handgelenk war nicht wohl gelungen und ihr Blut tropfte nur zögerlich auf den dunklen steinernen Boden. Und so saß sie dort, vorerst mutig wie es nur Todgeweihte sein können, dann zunehmend enttäuschter als Morrigú sie nicht beachtete und ihr Blut verschmähte. Als der Morgen graute, erhob sie sich, wickelte einen Streifen Stoff um die Schnittwunde, wankte kraftlos zurück in das Schülerhaus und setzte sich auf die Stufen zur Quelle. Eine seltsame heitere Ruhe stieg von diesem Ort auf, so als würde Chronos selbst dort baden und sein Wohlbefinden teilen.
Die Wunde trocknete überdurchschnittlich schnell, doch die junge Frau blieb dort weiterhin sitzen. Es fühlte sich an, als durfte ihr Geist zwischen den Zeiten verweilen, nichts berührte sie, kein Schmerz, keine Trauer, keine Furcht. Hin und wieder vernahm sie leise Stimmen und Bewegungen, doch nichts konnte sie aus diesem Zustand der Heilung herauslocken. Sie aß nichts, trank lediglich klares Wasser bis zum vierten Tag, als ihr bewusst wurde wie hungrig sie war. Auf dem Herd lag ein noch warmer Flammkuchen, als würde er nur darauf warten verzehrt zu werden. Anjalii schien der Welt wieder näher zu sein, leise aß sie und empfing den neuen Tag.
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#9
Anouk sprach mit ihr und plötzlich fühlte Anjalii den Halt und das Verständnis, welches ihr so lange abhanden gekommen war. Sie fühlte Dankbarkeit, dass sie sich auf dem Rabenhügel erholen durfte, ja nun eine Art Mündel des Rabenkreises war. Sie würde sie nicht enttäuschen und den Rat, in einer Quelle Bormos zu baden, befolgen und ihm für die Heilung danken.

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Ihre Verwirrung war gewichen, lediglich war da noch die zehrende Schuld die sie empfand. Würde Argal nun verächtlich auf sie nieder sehen? War es feige gewesen nicht einzuschreiten und stattdessen zuzusehen wie er starb? Hätte sie ihn retten können oder wäre stattdessen noch ein zweiter Tod zu beklagen gewesen?
„Er hätte nicht gewollt, dass du dein Leben hingibst“, meinte Keldron, doch nagte es weiterhin an ihr, sodass Anouk nach ernstem Nachsinnen eine Totenbeschwörung anbot. Sie wußten nicht ob sie Argal‘s Geist noch finden konnten, ob er nicht schon zu weit entfernt war. Anjalii brachte zwei persönliche Gegenstände, die ihr Argal gegeben hatte. Zum einen seinen alten, wollenen Schal, der sie vor dem feucht kalten Neben des Westens beschützt hatte, zum zweiten einen Brief den Argal ihr zuletzt geschrieben hatte.
Auch Einar würde gefragt werden ob er noch etwas Persönliches des verstorbenen Kameraden hätte. Anjalii wartete und verbrachte die Zeit damit Ana zu helfen. Hier und da fand sie wilden Weizen und füllte diesen in die Futtertröge. Sie wollte sich mehr als nur erkenntlich zeigen. Ana hatte ihr gezeigt, dass es so etwas wie Verständnis gab und dass diese Eigenschaft allem anderen vorzuziehen war. Insgeheim bewunderte sie Ana. Sie stellte ihre persönlichen Ängste beiseite und legte das Hauptmerkmal auf die Genesung und das Wohlergehen der anderen.  Ana beschritt den Weg der Raben, das war nun ganz deutlich. Ihr gehörte nun ihr Respekt und ihre Freundschaft.
Anjalii fühlte sich ein wenig wie neu geschaffen. Das alte Finstere war im Begriff zu weichen und in ihr entstand der Wunsch ebenso zu helfen wie Anouk, Ana und Keldron es taten. Sie fühlte wie der Drang zu heilen in ihr stärker wurde, Morrigú zu beschwichtigen und Leben zu bewahren so weit es in ihrer Macht stand.
Noch heute würde sie Anouk fragen ob es ihr gestattet wäre, ihre heilerischen Grundkenntnisse aufzufrischen, zu lernen und Innes in Löwenstein aufzusuchen und somit dann tatsächlich in der Lage sein können mehr als nur aufgeschürfte Knie zu heilen, sondern auch ernsteren Verletzungen und Krankheiten die Stirn bieten zu können. Anjalii verstaute den schweren Brustharnisch in der Truhe und tauschte ihn gegen leichte Sommerkleidung.
Etwas hatte sich verändert, sie fühlte Frieden.
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