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Die Geschichte von den tapferen Schneiderlinnen - Druckversion

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Die Geschichte von den tapferen Schneiderlinnen - Rahel L. Goldblatt - 21.04.2018

"Autsch!" Schon wieder war sie mit der Spitze des kleinen Messerchens abgerutscht und saugte nun an ihrem Daumen, der schon den zweiten Ritzer hinnehmen musste, während sie Stück für Stück die Nähte auftrennte.

Gestern hatte ein Bote den Mantel des Fräuleins gebracht. Sie hatte ihn zunächst neugierig - natürlich erst nachdem der Bote weg war - mit Argusaugen inspiziert, dann daran geschnuppert und schließlich die Taschen nach interessanten, vielleicht vergessenen kleinen Dingen untersucht, aber dabei nichts gefunden, was ihr irgendwelche Rückschlüsse auf die Trägerin gegeben hätte.

Jetzt saß sie auf ihrem kleinen Balkon, die Geräusche der Stadt und die milde Frühlingsluft genießend. Es versprach ein milder, überschwenglicher Frühling zu werden, der zwar erst spät angefangen hatte, aber nun explodierte die Natur nahezu in einem Rausch von Farben. Der Mantel auf ihrem Schoß wurde kleiner und kleiner, während die Sonne langsam um die Hausecke verschwand. Der Stapel an auf- und abgetrennten Teilen an ihrer Seite wuchs dafür stetig an.

Immer wieder schweiften die Gedanken bei dieser eintönigen Arbeit in die nahe Vergangenheit und immer wieder schob sie sie energisch zurück. Sie war froh, wieder hier zu sein. In der Sicherheit der Stadt. "Mithras obsiegt! Immer!" Und es würde die Zeit kommen, da sie das Feuer ihres Zornes dorthin tragen würde, doch erst einmal musste diese Arbeit hier zu Ende gebracht werden.

Nachdem nun alle Teile neben ihr lagen, begann sie die kleinen Fadenfusseln auszuzupfen, die noch überall im Stoff hängen geblieben waren. Nur dort, wo sie die Abnäher aufgetrennt hatte, ließ sie sie stehen, damit das Fräulein sehen konnte, wo und wie sie angebracht gewesen waren. Alle Teile wurden sorgfältig und sauber zusammen gefaltet in einen Beutel gelegt und dem nächsten Boten mit auf den Weg gegeben.


RE: Die Geschichte von den tapferen Schneiderlinnen - Marie Philippa Strastenberg - 22.04.2018

Marie erinnerte sich noch daran. Den langgezogenen, durch die dunkle Holzdecke und kleine Fenster dennoch bedrängt wirkenden Raum. An die strenge Stimme der Schneidermeisterin - nicht mehr an deren Namen, aber sehr wohl an den Ton, an die straff zurückgenommenen, mausbraunen Haare und die verkniffenen Züge der Frau. An die schier unendlichen Stunden in vorangebeugter Haltung vor einem viel zu kleinen, schiefen Tisch, die Stiche in ihren Fingern (Fingerhüte wurden keine ausgeteilt), den ewig säuerlichen Geruch menschlicher Leiber im schlecht gelüfteten Raum: All das nur, um am Ende mit einem auf diese Weise hervorgequälten Hemd da zu sitzen, das niemand kaufen wollte, weil ein Ärmel kürzer war als der Andere. Sie hatte die Schneiderlehre gehasst, in die man sie von der Straße aufgesammelt hatte, und war aus diesem Gefängnis nur zu gern bloß ein Jahr später wieder auf die Straße geflohen, kaum dass sich eine Gelegenheit in Gestalt eines freundlich dreinblickenden Kerls namens Amil geboten hatte. 

Die Einsicht war erst später gekommen. Einsicht darüber, dass die Einrichtung von spärlichen Spenden überlebte, und nicht gleichsam Fingerhüte und eine tägliche Mahlzeit für die Mädchen bezahlen konnte. Einsicht darüber, dass es aus eben jenem Grund auch keinen besseren Raum gab, dass die Schneidermeisterin lediglich tat was sie konnte, Jahr um Jahr, Tag um Tag mit meist talentfreien Gören wie Klara konfrontiert, die weder Dankbarkeit noch Mühe aufbrachten und sich am Ende bloß durchfüttern ließen, unendliche Stoffbahnen für schiefe Hemden verschwendend. Einsicht über Amil.

Und jetzt, da Marie seit geschlagenen drei Stunden über dem saß, was einmal einer ihrer Leinenmäntel gewesen war, wünschte sie sich sehnlichst, in dieser lange verflogenen, eine Ewigkeit und zumindest zwei Leben zurückliegenden Zeit, wenigstens etwas eifriger gelernt zu haben. Nun aber kämpfte sie ebenso sehr mit ihrem eigenen Gedächtnis und mangelnder Erfahrung wie auch damit, mittels eines grob zugeschnittenen Stücks Seife eine gerade Linie auf den Stoff vor sich zu bekommen. Angeblich tat man es hier mit Kreide. Kreide hatte die Blondine jedoch keine, und noch weniger Lust, sich auf der Suche nach jener über den Markt zu schleppen, also hielt, wie damals in Rabenstein, ein Stück Seife her. 

Der wievielte Versuch war es? Der dritte, vierte? Sie wusste es nicht mehr, fluchte lediglich leise vor sich hin, über den am Boden ausgelegten Stoff kriechend, um mühsam halb vergessenen Prinzipien und Regeln folgend die Umrisse der bereits darauf abgepausten Leinenmantelstücke abzuändern. Ein schmaleres Bruststück, leichtere Ärmel, der Rockteil...der Rockteil bauschiger. Nur Huren trugen enge Röcke. Zumindest darüber herrschte in ihrem Kopf Gewissheit.


RE: Die Geschichte von den tapferen Schneiderlinnen - Rahel L. Goldblatt - 23.04.2018

Und da stand sie nun, wie eine Puppe. Im Grunde war sie das ja auch, eine Anziehpuppe, an der die Schneiderin nun die lose zusammengehefteten Teile ausprobierte. Eine Nadel hier, eine Nadel dort. Stillhalten! Drehen! Nochmal drehen! Nein, das mit den Falten stimmt so noch nicht. Pause!

In den Zeiten, in denen sie sich entspannen durfte, spielte sie mit den verschiedenen Kettchen herum, die sie vom Feinschmied erhalten hatte. Gold, oder Silber? Glänzend oder matt? Kleine oder große Glieder? Seufzend legte sie sie wieder zurück und suchte erstmal einen passend großen Knopf aus der Knopfsammlung heraus, die sich im Laufe der Jahre so angesammelt hatte. Ah, der sah gut aus. Ein schöner, nicht zu kleiner, polierter Hornknopf. Es war sehr helles Horn, beinahe weiß. Auf einem herumliegenden Stück Stoff drapierte sie dann Knopf und Kettchen so, dass man einen Eindruck von dem Verschluß bekommen konnte. Helle Knöpfe waren gut, sie sahen edel aus. Und am besten würde da wohl Silber passen. Doch etwas neutraler, als die goldfarbenen.

Doch dann hieß es wieder: Stillgestanden! Ein Stück nach rechts drehen, ein Stückchen nach links. Dann die Abnäher unter dem Busen. Einmal rutschte wohl die Nadel aus und sie spürte einen schmerzhaften Stich. Was tat man nicht alles für die Mode und die Schönheit? Wie hatte ihre Mutter immer gesagt, wenn sie ihr als Kind das lange, zerzauste Haar kämmte:

"Wer schön sein will muss leiden!"


RE: Die Geschichte von den tapferen Schneiderlinnen - Marie Philippa Strastenberg - 24.04.2018

Die Knöpfe mochte sie. Helles Horn, dazwischen ein elegantes Kettchen, das sich gleich gut über einem Hemd wie über einem Kleid machen würde. Nicht unbedingt etwas für Männer, es sei denn, man würde die Brustpartie flach gestalten und die Hüftpartie zusammennehmen, doch andererseits, welcher Mann würde so etwas tragen wollen? "Gockel" wäre wohl noch die netteste Bezeichnung, die sich jener so verdienen würde. Nein nein, für Männer war das nichts. Zu bauschig der Rockteil, zu feminin die behutsam vom Leinenmantel übernommene Schulterpartie, zu kokett die engen Ärmel, die in weiten Manschetten ausliefen. Perlen für die Manschettenknöpfe? Horn würde jedoch besser mit dem Verschluss zusammenspielen...

Marie ließ sich im Strom der eigenen Gedanken treiben, während sie Nadel um Nadel in den Stoff steckte. Das brünette Opfer ihrer Versuche stand klaglos still, obgleich dank ihrer eigenen Unerfahrenheit bereits die zweite Stunde ins Land zog. Sie hätte am liebsten Jakobine hier gehabt, doch Jakobine...wie? 'Hochwürden, bitte nehmt etwas Abstand vom Krieg und zeigt mir, wie man diesen Ärmel hier am besten befestigt, denn ich bin offensichtlich zu dumm, es ohne hässlichsten Faltenwurf hinzubekommen.'
Die Blonde schnaubte unvorsichtigerweise bei diesem Gedanken und die Nadel rutschte ab. Rahel zuckte zusammen.

"Verzeihung."

Konzentration, Konzentration... irgendwie musste es werden. Eine Ankleidepuppe wäre bequemer gewesen, doch Marie fehlte das Auge dafür, problematische Stellen, die sich bei späteren Bewegungen an echten Menschen spannen oder als unvorteilhaft erweisen würden, an einer steifen Puppe zu erkennen. Damit blieb allein, eine echte, lebendige Fräulein Goldblatt vor sich auf einem Hocker zu drapieren und die zurechtgeschnittenen Stücke am atmenden Objekt in ihre endgültige Form zu stecken. 

Eine weitere Nadel, ehe sie zurücktrat und das Werk ihrer gemeinsamen Mühen betrachtete. Der verdammte Faltenwurf am Ärmel war immer noch da. Vielleicht konnte man die Ärmel ja auch einfach abschneiden. Wer brauchte schon Ärmel im Sommer? Einen Atemzug lang hing sie diesem höchst verlockenden Gedanken nach, vertrieb ihn dann jedoch mit einem knappen Kopfschütteln. Kapitulation kam nicht in Frage. 

"Nochmal, Fräulein Goldblatt...nochmal."