Arx Obscura

Normale Version: Es grünt im Frühling...
Du siehst gerade eine vereinfachte Darstellung unserer Inhalte. Normale Ansicht mit richtiger Formatierung.
Der Frühling öffnete seit Tagen seine Tore mit Sturm und Sonne, Wind und Regen, Nebel und vereinzelten, verirrten Schneeflocken, und machte den Wandelmond ebenso unberechenbar wie sein Name es prophezeite. Unmöglich schien es, das Wetter länger als für einige Momente vorher zu sehen, und wer sich in zu großer Sicherheit wähnte, der wurde von seinem eigenen Hochmut bestraft.
Das Knacken brechenden Geästs hallte gedämpft und schaurig durch die wabernden Herbstnebel über den Marschgebieten Zweitürmens, von der Windstille in seinem Echo dutzendfach verstärkt. Sevilin Pascher, in Servano seit Neuestem gesucht wegen Straßenräuberei und Diebstahl, hatte schon vor langer Zeit den Blick auf den schmalen Schleichweg verloren, dem er zuvor noch gefolgt war. Zwar hatte Tore, sein Bandenführer, ihm genau erklärt wo er den Weg finden würde und wie er ihm folgen musste, um nicht verloren zu gehen, aber ein Augenblick der Unaufmerksamkeit hatte gereicht um ihn hoffnungslos in die Irre zu führen. Seine Kleidung war nass und schlammbesprengt. Sein Atem schuf kurzlebige, helle Wolken in der kalten Nachtluft. Seine Finger waren blassblau von der langen Zeit, die er nun schon durchnässt und frierend nach einem trockenen Plätzchen gesucht hatte.
Sevilin gab sich auch keine Mühe mehr, nach dem Pfad zu suchen - alles was er wollte war ein kleines Feuer an dem er sich selbst, seine Kleidung und seine tauben Finger wärmen und trocknen konnte. Aus diesem Ried würde er ohne das Licht der Sonne sowieso nicht heraus finden, also gab er sich keine Mühe.
Für einige Schritte lang ging es aufwärts auf einen kleinen Hügel, der zu einer Seite hin von einer alten Weide dominiert wurde, deren Äste wie das wallende Haar einer alten Frau um den Stamm herum hingen. Der Boden roch trocken, das Gras wuchs dort dichter und gesünder, und einige Äste waren vom Wind aus dem Baum geschüttelt worden, und luden dazu ein sie zu verbrennen.
Mit einem erleichterten Ächzen schwankte er an den Stamm heran, stützte die Hand gegen die Borke und dankte Mithras für kleine Gnaden.

Etwas unter der Hand zuckte.
Sevilin zog sie zurück und blickte an die Borke, nervös nach Spinnen, Skorpionen oder Schlangen Ausschau haltend.
Der knorpelige Knoten gegen den er sich gestützt hatte bebte einmal mehr, dann öffnete er sich, und ein fleischiges, dunkelbraun verfärbtes Auge rollte sich zurecht um ihn mit leerem Hunger anzustarren.
"Herr Mithras im Elysium!" schrie Sevilin auf, wirbelte herum und schickte sich an davon zu laufen, lieber mit den Sumpflöchern vorlieb zu nehmen, als mit einem Baum der ihn anstarrte als sei er ein geröstetes Karnickel.
Er kam nur drei Schritte weit.
Wie der Stecher eines Skorpions erhoben die Äste sich aus ihrer Starre, zogen sich zusammen und schossen dem vor Panik keuchenden Mann hinterher, um ihn einem Dorn gleich zu durchbohren, und gleichzeitig in die Lüfte zu heben. Noch während Blut in kleinen Bächen den begrünten Boden der kleinen Insel nährte, wurde der frisch verstorbene Leib in die Krone der Weide verfrachtet, wo dichtes Laubwerk dem Zuseher die Sicht auf die Vorgänge nahm.
Feuchtes Knacken und Schmatzen, reißende Geräusche und das Gluckern von Flüssigkeit erfüllten die nebelige, gespenstische Stille, dann war es wieder still, und die Zweige kehrten zu ihrer trägen Hängehaltung zurück. Von zwei oder drei Astspitzen tropfte träge gerinnendes Blut, dann war alles wieder in Stille getaucht.
Weiter im Westen wandten die drei Wölfe ihren Blick ab und nahmen ihre Suche nach einem neuen Schlafplatz wieder auf. Es war keine gute Zeit im Sumpf, aber es war auch nichts, was die Raubtiere nicht bereits zuvor erlebt hatten. Früher oder später würden die Bäume ihren Hunger gestillt haben, und wieder in Schlaf verfallen. Und bis dorthin waren die Wälder im Süden und Osten ein ausreichender Ort für die Jagd.
Seit Tagen kennt die Sonne kein Erbarmen und die Nächte keine kühlende Nachsicht, und wie es jedes Jahr passiert, so ziehen auch dieses Mal die Wasser des Wolfsrieds sich bescheiden tiefer ins Erdreich. Wölfe, Marder, Eulen und die unvermeidlichen Mücken sirren und huschen durch die sternenklaren Hölzer des Bruchwaldes, entsenden ihre Rufe durch das Unterholz und blicken aus den Gräsern und von den Ästen der robusten Bäume neugierig auf das Schauspiel, das sich alle paar Jahre wiederholt.

Weiden, eine ganze Handvoll davon, die mit tastenden, suchenden Wurzeln dem flüchtenden Wasser folgen, ganz wie eine Schar alter Weiber die auf ihre Gehstöcke gestützt auf den Schatten einer einladenden Veranda zu wandern. Erst die nördliche Küste hält die knarrenden, raschelnden Wesen auf, als würde das Salzwasser ihnen gar nicht schmecken, und den Rest der Nacht verbringen die seltsamen Gestalten damit, sich an dem Ufer und an den wenigen felsigen Vorsprüngen des Urgesteins entlang nach Nordwesten vor zu arbeiten, wo sie mit der übernatürlichen Eleganz unlebender Existenzen über das einzige Fließgewässer zwischen Hohenmarschen und Servano kriechen, und kurze Zeit später in der Hohenmarschener Sumpffinsternis verschwinden.

Kaum einer trauert ihrem Verschwinden nach, und selbst die Knochen der Wesen, die den Weiden zum Opfer fielen, wird kaum jemals wieder ein Auge zu sehen bekommen, tief verstaut im morastigen Erdreich des Wolfsrieds. Einmal mehr ist der Spuk vorüber.